Stil

Alt und Neu perfekt gemixt

Musikpromoterin Flea Hoefl verfolgte vor allem ein Ziel: Wärme und Geborgenheit für die Familie schaffen

Als Flea Hoefl 1995 von Sydney nach Berlin kam, wollte sie testen, ob Deutschlands Hauptstadt der richtige Ort für sie sei. Flea, die eigentlich Andrea heißt, aber ihren Spitznamen aus Australien mitgebracht hat, kam als Musikpromoterin im Popgeschäft. Ihre Mutter ist Chinesin, ihr Vater deutsch-jüdischer Abstammung. Beide Eltern waren als Immigranten in Australien eingewandert.

Berlin war und ist noch immer der richtige Ort für die Australierin. 1997 gründete sie ihr Unternehmen Guerilla Music Promotion. Ihren größten Coup landete sie mit dem ehemaligen Straßenmusiker Mike Rosenberg aus Melbourne, von dessen Stimme und Präsenz sie begeistert war. Inzwischen kennt ihn als „Passenger“ jeder, der ein Ohr für Popmusik hat. 2012 hatte Rosenberg mit dem Album „All The Little Lights“ seinen Durchbruch, die ausgekoppelte Single „Let Her Go“ war in 13 Ländern Nummer eins in den Charts.

Über die Musik lernte die Promoterin auch ihren Mann kennen: Konrad von Löhneysen, Geschäftsführer des Independentlabels Embassy of Music, das Passenger unter Vertrag hat. Zur Familiengründung suchten die beiden eine große Wohnung. Die werdende Mutter plädierte für Prenzlauer Berg, den Stadtteil mit den meisten Kindern in Berlin. Sie gab ihm den Namen „Pregnancy Hill“ (Fruchtbarkeitshügel) und schwärmt davon, dass es dort an fast jeder Ecke einen Park gibt und die meisten Straßen von Bäumen gesäumt sind. „Mir gefallen die kosmopolitische Mischung und die vielen Sprachen. Allein auf dem Spielplatz hört man mehrere Sprachen durcheinander“, sagt Flea Hoefl-von Löhneysen. „Dadurch werden Werte, Kulturen und Religionen friedlich vereint.“

Das Ehepaar zog in eine Altbauwohnung an der oberen Kollwitzstraße, die vom Architekten Marc Kocher mit einem üppigen Anbau versehen wurde. Kocher war einst Büroleiter von Aldo Rossi, der unter anderem die Backfabrik an der Prenzlauer Allee zu dem umgebaut hat, was sie heute in der Berliner Kulturlandschaft darstellt. Flea Hoefl ist vom Anbau ihrer Altbauwohnung begeistert: „Das ist voll gelungen“, sagt sie.

Vier Meter hohe Decken

Tatsächlich passen dort Alt und Neu kongenial zusammen und bilden ein Vorzeigeensemble. Zur Straße hin beeindrucken die Alträume der 177 Quadratmeter großen Wohnung mit vier Meter hohen Decken, alten Fenstern und Türen hinter der ochsenblutfarbenen Außenfassade. Der ockerfarbene Neubau zum Innenhof hin, den sich das Haus mit einigen Nachbarhäusern teilt, ist modern, geräumig und lichtdurchflutet. „Optimal für eine große Familie.“ Die von Löhneysens haben hier bis vor kurzem mit ihren vier Kindern gelebt. Doch die zwei ältesten sind inzwischen flügge geworden. Sie probieren nun aus, wie es sich ohne Eltern in einer Wohngemeinschaft anfühlt. „Ich bin so froh, dass meine Kinder in dieser Wohnung aufgewachsen sind“, sagt Flea Hoefl-von Löhneysen.

Dem Ambiente haben die Eigentümer einen mediterranen Touch gegeben. „Schade, dass Ihr im Sommer nicht da wart“, sagt die Kosmopolitin. „Wir hätten auf der Terrasse gesessen, umgeben von japanischen Zierkirschen, Lavendel und Wein, der sich die Mauer emporrankt. Das ist wie eine pinke Duftwolke!“

Aber auch an einem milde besonnten Wintertag hat der hintere Wohnungsteil, der auf die Terrasse hinausgeht, Flair. Dort sitzt die Familie rund um die ausgedehnte Couchlandschaft zusammen. „Atmosphären sind etwas Räumliches“, hat der Philosoph Gernot Böhme in seinem Buch „Architektur und Atmosphäre“ ausgeführt, „und sie werden erfahren, indem man sich in sie hineinbegibt“. In diesem Fall hat Interior-Designer Boris Zbikowski dabei mitgeholfen. Er hat den Bereich mit dem alten Rundbogen im Gemäuer gestaltet.

In vielen Architekturentwürfen, ob Neubau oder Umbau, bleibt dieser fundamentale Aspekt zu wenig beachtet. Traditionell wird unter Bauherren und Architekten über Form, Funktion und Finanzen diskutiert. Sinnliche Elemente, die mit Riechen, Hören und Fühlen zu tun haben, somit auch mit den wesentlichen Zutaten Raum, Licht, Materialität, Proportionen, Temperatur, Klang und Bezug zum Ort, werden meist missachtet. Architektur ist aber nicht nur eindimensional, sie soll ansprechend sein, Gefühle wecken – Lebensfreude. Die kann sich nicht einstellen, wird ein Entwurf nur am Computer gefertigt. Dann erscheint er flach und merkwürdig steril. Leben kommt erst in die Räume, wenn sie in Entwürfen wieder und wieder gezeichnet werden. Wobei sich eine starke Sensibilität für Stimmungen entwickelt.

Die Hausherrin führt stolz durch die Räume und erläutert ihre Ideen. Ihr fotoscheuer Mann hat die Gestaltung der Zimmer ihr überlassen. „Der erste Grundsatz war, dass die Wohnung Wärme und Geborgenheit für die Kinder haben soll“, sagt Hoefl-von Löhneysen. „Wir haben im Altbaubereich zwei Wände durchbrochen, um eine Wohnküche einzurichten, unser größter Raum. An diesem Tisch haben schon viele Leute gesessen. Ich habe mal 60 Leute bekocht.“ Der dominierende ovale weiße Tisch in der Mitte des Raumes ist vier Meter lang, bei Dunkelheit bestrahlt von einer Lampe aus Metalllamellen.

Kamin eingebaut

Der Küchenbereich ist modern ausgestattet. Zum Kochen mit dem Wok wollte das Paar unbedingt auch einen Gaskocher. Die ursprüngliche Regalwand mit Geschirr und Töpfen wurde gegen eine komplette Schrankwand ausgetauscht. „Mehr Stauraum und weniger Staub im Raum, das hat mich sofort überzeugt“, sagt die Küchenchefin. Auch ein Kamin wurde eingebaut.

Dem Innenumbau fiel das große Bad zum Opfer, es wurde durch zwei Bäder – eines für das Paar, das andere für die Kinder – ersetzt. Vom Schlafzimmer aus haben die Eltern direkten Zugang zum Sanitärbereich. Im Winter, erzählt die Hausherrin, sei das Schlafzimmer ihr Lieblingsraum. Es wirkt heimelig, an die Längswand wurde ein großer Jugendstil-Schreibtisch gestellt. Er gehörte Flea Hoefls Großvater, der nach dem Zweiten Weltkrieg als verantwortlicher Planer die neuen Routen der Deutschen Reichsbahn an diesem Tisch entwarf. Das Zimmer mit dem großen Bett hat ein Fenster zur Kollwitzstraße hinaus, dort herrscht in den Stunden der Rushhour viel Verkehr. Den beiden Bewohnern macht das nichts: „Wir beide haben mit Musik zu tun, wir schlafen schlecht, wenn es allzu ruhig ist.“

Weiter hinten im langen Flur gibt es ein zweites, kleineres Wohnzimmer. Dort führen die von Löhneysens Gespräche über ihre Arbeit, schauen sich die in ihren Firmen geschaffenen Videos an und diskutieren über Trends im Popbusiness. Das Zimmer ist – wie die ganze Wohnung – mit stilvollen Möbeln eingerichtet, eine bunte Mischung aus Retro und Moderne. Ein Jugendstil-Schrank ist, wie der Schreibtisch im Schlafzimmer, eine Hinterlassenschaft ihres Großvaters. Die meisten Möbel aber hat die Musikpromoterin beim Trödler und auf Flohmärkten entdeckt. „Da hat Berlin ein tolles Angebot“, findet sie.

Das, was in der Architekturbranche so sperrig als „Aufenthaltsqualität“ bezeichnet wird, ist hier in hohem Maße erreicht worden. Das hat weniger mit Kubikmetern und Geldeinsatz zu tun als mit Ideen und Emotionen. Die Räume sind ein atmosphärisches Erlebnis. Sie schützen nach innen und bieten zugleich Anteil an dem, was außen ist. Ein gelungenes „Uplifting“.