Nicht ohne meine Tochter

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An dieser Stelle muß einmal wieder das leidlich bekannte Bild vom Propheten beschworen werden, der nichts gilt im eigenen Land. Robert Schwentke, 1968 in Stuttgart geboren, hat sich einst aufgemacht, um in den USA das Filmhandwerk zu erlernen und es hernach im deutschen Kino einzusetzen. Das Ergebnis war "Tattoo", ein atmosphärisch dichter, wenngleich arg konstruierter Thriller, der hierzulande empfindlich floppte. Schwenkte hat danach radikal umgeschwenkt, hat mit "Eierdiebe" autobiographische Erfahrungen mit Hodenkrebs zu einer Komödie verwandelt. Das aber wollten noch weniger sehen. Einen dritten Film bekam er gar nicht erst finanziert.

Doch dann haben ihn die Amerikaner entdeckt. Haben ihm einen Blockbuster in den Schoß gelegt, mit Jodie Foster in der Hauptrolle. Ein Thriller. Wie "Tattoo". Wieder atmosphärisch dicht, aber arg konstruiert. Nur stören sich die Amerikaner keineswegs daran. Dort hat der Genre-Film seine Tradition, dort führt "Flightplan" seit vier Wochen die Kinocharts an. Der Film ist Schwentkes Ticket nach Hollywood und gibt die Richtung vor: Der Flug zielt von Deutschland in die USA. Ohne Rückticket.

"Flightplan" spielt mit den Urängsten. Zunächst mit der aller Eltern: daß ihr Kind verschwinden könnte. Das passiert hier gleich zwei Mal. Erst verliert Kyle Pratt, gerade Witwe geworden, ihre Tochter auf dem Flughafen. Dann auf dem langen Flug von Berlin nach New York (das Drehbuch hat diese Direktverbindung vorausgeahnt, lange bevor sie wieder eingeführt wurde) erneut. Bei diesem zweiten Mal aber ist sie nicht mehr aufzufinden. Und keiner will sie je gesehen haben. Irgendwann zweifelt auch der Zuschauer: Gibt es diese Tochter gar nicht? Hat die Witwe sie etwa nur halluziniert, als traumatischer Schock nach dem Verlust?

Ab dieser Stelle aber wird noch mit ganz anderen, neueren Ängsten gespielt. Die Mutter, zunehmend panisch, verbreitet Unruhe im Flugzeug, verdächtigt arabische Passagiere einer Entführung und beginnt schließlich sogar, sich durch die den Bordgästen stets verschlossenen Winkel eines Flugzeugs hindurchzuwinden, Teile der Elektronik lahmzulegen, ja den Flug zu sabotieren.

Es ist von jeher eine große Herausforderung für jeden Filmemacher, mit der Kamera auf engstem Raum zu operieren und dabei ein Maximum an ungewohnten Ecken und Perspektiven zu gewinnen. Das klaustrophische Kino war in der Vergangenheit vornehmlich der Eisenbahn vorbehalten, und es ist wohl kein Zufall, daß auch Schwentkes nächstes Projekt in Hollywood "Runaway Train" heißt. "Flightplan" lehnt sich deutlich an Hitchcocks Klassiker "Eine Dame verschwindet" an, kombiniert allerdings mit Sally Fields mütterlichem Trotz aus"Nicht ohne meine Tochter".

Daß nun Luftkellner-Vereinigungen zum Boykott des Films aufrufen, weil er ihren Berufsstand in ein übles Licht setzen soll, ist barer Unsinn - mit demselben Recht hätten Generationen von Grünflächenämtern revoltieren müssen, gemäß dem abgedroschenen Klischee, der Mörder sei doch immer der Gärtner. Nein, die eigentliche Zumutung (und in dem Wort allein steckt der Mut, dies zu wagen) ist, daß man dem ohnehin verunsicherten Fluggast diese Panik in der Luft zumutet. Auch wenn versichert wird, das Drehbuch sei lange vor dem 11. September verfaßt und danach kräftig modifiziert worden - der Grundton bleibt derselbe: Man muß sich mit einem Menschen identifizieren, der die Mitpassagiere, ja die gesamte Flugsicherheit durcheinanderbringt. Einmal mehr wird hier das amerikanische Familienideal wieder über alle anderen Gemeinschaftswerte gestellt.

So sehr sich Schwentke aber um Realität bemüht, was das Design und das Innenleben des Flugzeuges betrifft, so wenig ist es ihm - siehe "Tattoo" - gegeben, die krassen Luft- und Logiklöcher des Plots plausibel zu machen. Daß der Horror ausgerechnet einer Frau passiert, die als Ingenieurin den Flugzeug-Typ mitentwickelt hat, ist da nur die gröbste Sinnwidrigkeit.

Über weite Strecken immerhin ist dieser Thriller leidlich spannend, dank der fesselnden Präsenz von Jodie Foster und der entfesselten Kamera, die Florian Ballhaus bei seinem Vater Michael gelernt hat. Das Drehbuch allerdings schlägt Loopings und Kapriolen, die kein Flugzeug dieser Größe mitmachen kann. Und die Art, wie am Ende mit den arabischen "Verdächtigen" umgegangen wird, ist ein Fall für die UNO.

Thriller

Flightplan - Ohne jede Spur USA/D 2005. 98 min. R: Robert Schwentke. D: Jodie Foster, Sean Bean, Peter Sarsgaard. O. Aa.