Der kleine Junge weint, zwei ältere halten ihn fest, und der dritte zieht den Reißverschluss seiner Hose auf. Kurz danach taumelt das Opfer davon, eine kleine Blutspur rinnt aus seiner Hose. Das ist schon die ganze Vergewaltigungsszene aus "Drachenläufer". Und doch hat sie, noch bevor der Film in die Kinos kam, heftige Proteste ausgelöst. Denn in dieser Szene sind die Täter Paschtunen, das Opfer ist ein Hazara, und nun sehen sich beide Völkergruppen gleichermaßen verunglimpft. Das ist umso erstaunlicher, als Khaled Housseinis Roman, auf dem der Film basiert, bereits seit Jahren weltweit die Bestsellerlisten anführt. Doch das Bild scheint nachhaltiger zu wirken als das Wort. Kein Wunder, dass die Taliban alle Bild-Welten verteufelten, das Kino allen voran. Vielleicht ist es gerade darum so wichtig, dass es nun neben dem Buch auch den Film gibt.
Aber auch uns fehlten ja jahrelang die Bilder über Afghanistan. Was wissen wir schon, seien wir ehrlich, obwohl wir längst eigene Soldaten dort stationiert haben, von der Geschichte dieses Landes, zwischen der Invasion der Russen 1979 und dem amerikanischen "War on Terror" 2002? Das ist einer der Gründe, warum sich Hosseinis Roman so gut verkaufte: weil er den Nachholbedarf befriedigt, die Leerstellen füllt. Dem Protagonist des Romans geht es ja wie uns Westlern: Er flieht mit seinem Vater nach der Sowjet-Invasion in die USA und weiß nicht wirklich, was in seiner Heimat geschieht. Aber auf ihm, dem Paschtunen Amir, lastet eine Schuld. Denn er hat damals seinen besten Freund, den Hazara Assam, verraten. Er hat die Vergewaltigung beobachtet, ist aber nicht eingeschritten. Und aus Scham darüber hat er einen noch größeren Verrat begangen. Jahre später holt ihn ein Telefonanruf zurück. Er könne die Schuld von damals wiedergutmachen. Dazu muss er indes in seine Heimat zurück, in der längst die Taliban herrschen...
Es soll Morddrohungen gegen den Darsteller des Hazara-Jungen gegeben haben, weshalb der Kinostart um sechs Wochen verschoben wurde. Jetzt kommt der Film, ironischer Zufall, drei Wochen vor "Der Krieg des Charlie Wilson" in unsere Kinos. Letzteres eine Politsatire von Mike Nichols, die das schwarze Wissensloch um Afghanistan auf ihre Art aufhellt: Sie zeigt die amerikanische Beteiligung an der Bekämpfung der russischen Invasoren auf, womit die USA die Taliban erst aufgerüstet und ihren nächsten Feind herangezüchtet haben. Die beiden Filme ergänzen sich wunderbar, zeigen einmal das Dilemma von außen, einmal von innen. Doch während der eine Film mit satirischer Übertreibung und Stars wie Tom Hanks arbeitet, geht "Drachenläufer" bewusst den anderen Weg.
Marc Forster, mit "Monster's Ball" bekannt geworden, hat durchgesetzt, den Film auf Dari zu drehen, ohne Stars. Und während er sich in Filmen wie "Stay" und "Schräger als Fiktion" als experimenteller Regisseur ausgewiesen hat, nimmt er sich hier gänzlich zurück, um dem Roman gerecht zu werden. Aber nicht nur sich selbst, sondern ein Stück weit auch Housseini, wann immer ihm die Vorlage zu emotional schien. Es spricht für den deutschen Regisseur, hier nicht permanent auf die Tränendrüsen zu drücken. Umso deutlicher treten dafür die Schwachstellen des Originals auf, die ein wenig vorhersehbare Dramaturgie mit ihren "überraschenden" Wendungen und Wiederbegegnungen, die man als Rezipient längst erahnt.
"Drachenläufer" ist nun auch Bild geworden. Ein symbolischer Sieg über das einstige Bilderverbot der Taliban. Und auch wir können uns jetzt ein vielschichtigeres Bild von jenem zerrissenen Land machen. Das ganz große Epos freilich ist nicht daraus geworden. Und ausgerechnet in seiner Heimat muss der deutsche Regisseur Marc Forster erleben, wie seine Grundbedingung grob missachtet und sowohl die Dari- als auch die Englisch-Szenen einheitlich synchronisiert werden. Die letzte Authentizität, die auch von der Fremde im Exil erzählt, ist damit dahin.
Drama
Drachenläufer
USA 2007
122 min., ab 12 Jahren
Regie: Marc Foster
Darsteller: Khalid Abdalla, Ahmad Khan Mahmoodzada, Shaun Toub, Sait Taghmaoui, Atossa Leoni
Bewertung 3/5


