Sind Tiere eigentlich treu? Günther S., per E-Mail

Von der berühmten Schauspielerin Marlene Dietrich ist folgender Satz überliefert: „Fast jede Frau wäre gern treu. Schwierig ist es bloß, den Mann zu finden, dem man treu sein kann.“ Ein Satz, der sehr anschaulich beschreibt, wie es in Sachen Treue bei uns Menschen bestellt ist. Laut Umfrage einer großen deutschen Zeitschrift haben 43 Prozent aller deutschen Frauen und rund 51 Prozent aller deutschen Männer ihren Ehepartner schon einmal betrogen. Und wie sieht es im Tierreich aus? Sind Tiere treuer als wir Menschen?

Nein, leider nicht. Mit der ewigen Treue sieht es im Tierreich reichlich mies aus.Der weitaus größte Teil aller Tiere lebt polygam, hat also Sex mit mehreren Partnern. So sind bei den Vögeln gerade mal vier Prozent der Arten ein Leben lang treu, nämlich Schwäne, Albatrosse und Großpinguine. Bei den Säugetieren lebt gerade mal ein Prozent monogam. Bei den Nagetieren sind das die Biber, bei den hundeartigen Raubtieren Fuchs und Schakal und bei den Affen Krallenaffen und Gibbons. Unsere nächste Verwandtschaft im Tierreich, die Bonobos – Zwergschimpansen aus Zentralafrika –, ist übrigens geradezu wild polygam und sexuell gesehen sehr experimentierfreudig.

Einen Ausbund an Treue findet man dagegen bei den Präriewühlmäusen. Bei den kleinen Nagern, die in den nordamerikanischen Prärien zuhause sind, gibt es sogar Treue über den Tod hinaus: Stirbt bei den Präriewühlmäusen der Partner, verbandelt sich der „Witwer“ oder die „Witwe“ nicht neu.

Aber wo Treue drauf steht, ist nicht überall auch Treue drin. So ist die Wissenschaft lange davon ausgegangen, dass sich Seepferdchen, haben sie sich einmal als Pärchen gefunden, ein Leben lang treu sind. In jüngerer Zeit wurde diese These jedoch sowohl durch Naturbeobachtungen als auch durch Studien in Aquarien vermehrt in Frage gestellt. Im Jahr 2006 wurde an den neun deutschen „Sea Life“-Aquarien eine interessante Untersuchung durchgeführt. Für die Studie wurden 45 Seepferdchen aus drei verschiedenen Arten mit farbigen Halsbändern markiert. So konnte man erkennen, welches Männchen zu welchem Weibchen gehört. Anschließend wurde über vier Monate das Liebesverhalten der Pärchen genau protokolliert. Das Ergebnis der Studie war eindeutig: Monogamie ist zumindest für die „Aquarien-Seepferdchen“ in den allermeisten Fällen ein Fremdwort. Die kleinen Fische wechselten fröhlich die Partner, wobei es auch zu gleichgeschlechtlichen Interaktionen kam.

Und was passiert im Tierreich, wenn ein Weibchen ein Männchen beim Fremdgehen erwischt? Hängt da dann auch der Haussegen schief? Und wie! Zumindest, wenn man sich beim amerikanischen Rotrückensalamander umsieht. Wenn ein Männchen dieser Amphibienart nach einem Seitensprung zu seinem Weibchen zurückkehrt, dann ist das fast so, als ob es zu Hause mit dem Nudelholz empfangen würde: Das betrogene Weibchen wirft sich zunächst in Positur, um möglichst groß und drohend zu erscheinen. Anschließend beißt die Lurchdame den Sünder meist auch noch kräftig ins Bein. Das feindselige Verhalten der Ehefrau wird durch Duftstoffe der Lurch-Geliebten ausgelöst, die beim Akt an der Haut des Männchens haften bleiben und den Casanova so überführen. Weshalb die Rotrückensalamanderweibchen bei ihren Männern auf Treue bestehen, ist noch nicht geklärt. Monogame Amphibien sind sehr selten.

Der Grund für die im Tierreich herrschende Untreue liegt in den unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien von Männchen und Weibchen begründet. Die Männchen wollen ja ihre Gene so breit gestreut wie möglich weitergeben. Dabei ist Treue eher hinderlich. Untreue zahlt sich auch evolutionstechnisch gesehen aus, sie gewährleistet – Moral hin, Moral her - eine größere genetische Variabilität.

Die Weibchen im Tierreich haben einen anderen Ansatz: Sie wollen das Männchen mit den besten Genen als Sexualpartner haben. Schließlich soll es diese guten Gene an die gemeinsamen Kinder weitergeben. Deshalb herrscht im Tierreich meist Damenwahl, und da ist Treue auch nicht gerade förderlich.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.