Tierfreund

Bei welchen Tierarten haben die Weibchen das Sagen?

Dr. Mario Ludwig über knicksende Tüpfelhyänen, die Netzwerker-Fähigkeiten von Bonoboweibchen und das Matriarchat der Nacktmulle

Zu den wenigen Tierarten, bei denen die Weibchen das Sagen haben, gehören Tiere, die sich bei uns Menschen nicht gerade übermäßiger Beliebtheit erfreuen, nämlich die im zentralen und südlichen Afrika beheimateten Tüpfelhyänen. Eine Tatsache, die damit zusammen hängt, dass bei den Tüpfelhyänen die Weibchen einfach größer und stärker sind als die Männchen.

Bei den Hyänen, die in Clans von bis zu 70 Mitgliedern leben, herrscht ein eisernes Matriarchat. In der strengen Hierarchie steht selbst das ranghöchste Männchen noch unter dem rangniedrigsten Weibchen. Insbesondere beim Fressen müssen die Herren der Schöpfung stets den Damen den Vortritt lassen. Nähert sich eine männliche Hyäne einem Weibchen, dann kommt es stets zu einer Unterwürfigkeitsgeste der besonderen Art: Das Männchen legt ein Vorderbein im Stehen über das andere, das dabei leicht einknickt. Anders ausgedrückt: Es macht einen Hofknicks. Allerdings ist keineswegs die größte und stärkste weibliche Hyäne auch zugleich die Chefin des Clans.Die Chefrolle ist, ähnlich wie in einem europäischen Königshaus, erblich. Das heißt, das regierende Weibchen gibt die Chefrolle fast immer an ihre erstgeborene Tochter weiter. Selbst die Schwestern dieser Erstgeborenen, die nur ein paar Minuten später auf die Welt kamen, müssen sich später einmal unterordnen.

Auch bei den Bonobos, den sogenannten Zwergschimpansen aus Zentralafrika, herrscht das Matriarchat. Bei den Menschenaffen, die von ihrer Genausstattung zu fast 99 Prozent mit uns Menschen übereinstimmen und deshalb als unsere nächsten Verwandten im Tierreich betrachtet werden, haben ganz klar die Weibchen die Hosen an. Und das, obwohl sie kleiner und schwächer als die Männchen sind. Aber wie kriegen die Weibchen das hin? Ganz einfach: Sie schließen Koalitionen. Tun sich zwei oder drei Weibchen zusammen, sind sie auch dem stärksten Männchen überlegen. Natürlich stellt sich hier die Frage, warum die Bonobomännchen nicht ihrerseits Koalitionen schmieden. Schließlich wären sie dann in der Lage, die Weibchen zu dominieren. Beobachtungen zeigen jedoch: Bonobomänner gehen nie Koalitionen ein. Offensichtlich sind sie bei weitem nicht die tierischen Netzwerker, die ihre Weibchen sind. Warum das so ist, hat man noch nicht herausgefunden.

Das interessanteste Matriarchat im Tierreich finden wir beim Nacktmull, einem kleinen Nagetier, das in den Halbwüsten Ostafrikas zu Hause ist. Dort leben die gerade mal zehn Zentimeter großen Nager, die wegen ihres obskuren Aussehens oft spöttisch als „Säbelzahnwürste“ bezeichnet werden, in unterirdischen Kolonien. Nacktmulle sind die einzigen „staatenbildenden“ Säugetiere. Sie leben also in einem komplex organisierten Staat, wie man ihn sonst nur bei Bienen, Ameisen oder Termiten kennt. Die bis zu 300 Individuen starke Mullkolonie wird stets von einer Mullkönigin regiert, die allein für die Produktion des Nachwuchses verantwortlich ist. Dazu hält sich sie Königin einen kleinen, aber feinen Harem von zwei bis vier männlichen Nacktmullen, die nur ihrer Tätigkeit als Lover nachgehen müssen. Aber dieses Lotterleben fordert einen hohen Preis: Die Haremsherren altern nämlich überdurchschnittlich schnell und segnen daher auch früher das Zeitliche. Der Rest der Kolonie besteht aus nicht fruchtbaren Arbeitern sowie einer nicht arbeitenden, ebenfalls unfruchtbaren Klasse, den sogenannten Gardisten, deren Mitglieder korpulenter und auch träger als die Arbeiter sind und im Hofstaat der Königin als Wächter bzw. Soldaten dienen.

Stirbt die Königin, dann macht sich zunächst einmal Chaos im Nacktmullstaat breit, denn diverse Weibchen aus der Kaste der bereits erwähnten Gardisten legen an Gewicht zu, werden auf einmal fruchtbar und kämpfen dann erbittert um den vakanten Thron. Diese Erbfolgekämpfe können monatelang andauern und enden oft für manche Weibchen tödlich. Den Thron besteigt bisherigen Erkenntnissen zufolge immer diejenige Nacktmullin, die als erste eigene Kinder in die Welt setzt.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.