Berliner helfen

Ein Netz, das Kindern Halt gibt

Unter jungendnotmail.de finden Heranwachsende onlinefachkundige Hilfe

Claudine Krause hatte ein Vision. Eine Vision wie man Kindern und Jugendlichen helfen kann, die sich in einer seelischen Notlage befinden und niemanden haben, dem sie sich anvertrauen können oder wollen: über eine Webseite mit Online-Beratung. Das war im Jahr 2000, als E-Mails noch eine seltene Form der Kommunikation waren und viele dachten, das mit diesem Internet würde bald wieder vorbei sein. „Aber mir schien schon damals das Internet das beste Medium zu sein, um junge Menschen zu erreichen und ihnen zu helfen“, erinnert sich Claudine Krause. Ihr Entschluss stand fest, sie wollte eine Internet-Plattform aufbauen, über die Kinder und Jugendliche anonym von ihren Sorgen und Nöten berichten konnten und kostenlos eine fachkundige Beratung erhielten. Also nahm die Lehrerin Claudine Krause ein Jahr unbezahlten Urlaub, einen Kredit auf und zog los, um Spender und Unterstützer für ihr Projekt zu gewinnen. „Ich rannte als Pionier gegen Windmühlen, alle waren sehr skeptisch“, erinnert sich die inzwischen pensionierte 67-jährige, die deutlich jünger wirkt.

„jungundjetzt“ - so heißt der von ihr gegründete Verein, besteht nun seit 14 Jahren und ist damit das älteste Online-Beratungsangebot dieser Art in Deutschland. 60 ehrenamtliche Berater haben 365 Tage im Jahr ein offenes Ohr, oder vielmehr ein waches Auge für die Ängste und seelischen Qualen von Kindern und Heranwachsenden, denn die Beratung erfolgt ausschließlich per Mail. „Das ist ein großer Vorteil, alle Ehrenamtlichen können Zuhause von ihrem Computer aus arbeiten. Und man muss nicht sofort antworten“, sagt Marita Oeming-Schill, die hauptberuflich als Umgangspflegerin bei gerichtlichen Sorgerechtsstreitigkeiten arbeitet und einen Masterabschluss im kreativen und biografischen Schreiben hat. „Ich gebe Jugendlichen zum Beispiel bei Liebeskummer gern Schreibaufgaben. Das hat wie Tagebuch schreiben eine therapeutische Wirkung - und ich darf mit ihrem Einverständnis mitlesen“, erklärt die Sozialarbeiterin.

Etwa 200 neue Mails kommen pro Monat an und werden nach ihrem Eingang und je nachdem welcher Berater Zeit hat, beantwortet. Ziel ist, das niemand länger als zwei bis drei Tage auf eine Antwort warten muss. Durch die Anonymität öffnen sich die Jugendlichen. Die Problematiken reichen von Depressionsgefühlen, Selbstverletzungen, Bulimie und letzten Endes Problemen in der Familie. „Viele Kinder können sich nicht an ihre Eltern wenden, wenn diese die Ursache des Problems sind oder sich gar nicht für sie interessieren“, berichtet Julia Manthey, die als Psychologin ehrenamtlich Notmails beantwortet. „Wir beraten immer Lösungsorientiert, versuchen herauszufinden, ob es im Umfeld jemanden gibt, einen Verwandten oder den Sozialarbeiter der Schule, an den sich das Kind wenden kann“, erklärt die 28-jährige. 83.000 Notrufe wurden seit der Gründung des Vereins im Jahr 2001 beantwortet, die meisten Anfragen kommen aus der Altersgruppe zwischen 12 und 18 Jahren. Viele Mails werden um zwei oder drei Uhr morgens geschrieben.

Durch die Anonymität öffnen sich die Jugendlichen. „Die kommen sehr direkt gleich bei der ersten Mail mit ihrem Problem“, sagt Claudine Krause. Die Berater versuchen, nach etwa zehn Mail-Kontakten zum Abschluss zu kommen, um neue Notrufe annehmen zu können. „Natürlich lösen wir nicht das ganze Problem, aber wir versuchen einen Weg aufzuzeigen und ein Ziel zu geben.“, erklärt Julia Manthey. Den ehrenamtlichen Beratern, die alle ausgebildete Psychologen sind oder sich in einem entsprechenden Studium befinden, stehen fachlich kompetente Coaches zur Seite. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Workshops und Supervisionen.

Der Sitz des Vereins ist in Wannsee, die Online-Berater kommen aber nicht nur aus Berlin sondern sind über ganz Deutschland verteilt. Claudine Krause hat schon eine nächste Vision: Jugend-Notmail-Standorte in weiteren Städten wie München oder Hamburg, damit die Ehrenamtlichen keine weiten Anreisen zu den Fortbildungen und Supervisionen auf sich nehmen müssen. Die Workshops sind kostenfrei, aber die Reisekosten werden nicht erstattet. Das kann sich der Verein, der sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert, nicht leisten.

Das nächste große Projekt ist der Relaunch der Webseite „Die Seite ist das Haus ist in dem wir wohnen und arbeiten“, sagt Claudine Krause. Zusätzlich zu den Einzelberatungen sollen geschützte Foren eingerichtet werden, wo sich die Jugendlichen unter der Aufsicht eines Psychologen zu einem bestimmten Thema austauschen können. „Wir wollen das Netz noch eine Masche enger machen, um sie aufzufangen“, sagt Claudine Krause. Für ihre in die Praxis umgesetzten Visionen wird ihr Zehlendorfs Bürgermeister Norbert Kopp am 4. März das Bundesverdienstkreuz überreichen.