Gedenken

Singen für die Freiheit

Als die Mauer fiel, waren sie Kinder. Heute machen die Chorsänger des Jungen Ensembles Berlin ihre Erinnerungen zu einem musikalischen Projekt

„Bambambam, bambambam, bambambam....“: Kraftvoll stößt Aaron Dan die Tonfolge hervor und klopft dazu rhythmisch mit seinen Fingern auf den Holztisch des kleinen Cafés in Moabit. „Hörst du das? Die Melodie will wachsen, aber sie kann es nicht. Immer wieder stößt sie an Grenzen. So wie die Menschen, die man eingesperrt hat.“ Der junge Mann schaut wütend. Und er ist es auch. „Ich habe eine große Wut auf Menschen, die anderen verbieten, schaffend zu sein“, sagt er. „Die ihnen das Reden verbieten. Dabei ist der Mensch doch durch das Wort Mensch. Es heißt doch: ‚Im Anfang war das Wort‘.“

„Im Anfang war das Wort“: Das ist auch der Titel, den Aaron Dan seiner Komposition gegeben hat, die heute uraufgeführt wird. Aaron Dan, 33, ist ein ungarisch-rumänischer Flötist und Komponist und lebt in Berlin. Er wurde vom Chor des Jungen Ensembles Berlin beauftragt, zum Gedenken an den Mauerfall vor 25 Jahren ein Stück zu schaffen, das die Themen Repression, Grenze, Heimat aufgreift. Für Dan war die Arbeit auch eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte. Seine Eltern, Freigeister, waren verfolgt vom rumänischen Regime. Nur der Zusammenbruch des Ostblocks verhinderte, dass Mutter und Vater ins Arbeitslager kamen und der Sohn ins Kinderheim. Damals war Aaron acht Jahre alt.

Die Wut auf das Unrecht, das Millionen Menschen geschehen ist, ist geblieben. Doch es ist etwas hinzu gekommen: Glück und Dankbarkeit dafür, dass er sich selbst ohne Hindernisse entwickeln kann. Dans Blick wird schwärmerisch, wenn er von seiner Arbeit spricht. „Es ist toll, meine eigene Kreativität zu entdecken und zu entfalten“, sagt der junge Musiker. „Wer Menschen das Schaffen verbietet, nimmt ihnen ihre Essenz.“

Darin treffen sich Aaron Dans Empfindungen mit denen der Chormitglieder des Jungen Ensembles, die seit einem halben Jahr seine Komposition einstudieren. Aus 90 Mitgliedern besteht der Laienchor, sie kommen aus ganz Europa, viele von ihnen aus Ostdeutschland. Und auch wenn sie wie Aaron Dan noch Kinder oder Jugendliche waren, als die innerdeutsche Grenze fiel, zeigt sich im Gespräch mit ihnen: Alle haben ganz persönliche Erinnerungen an das historische Datum 9. November, jede Familie war auf ihre eigene Weise von der Teilung Deutschlands betroffen (siehe Interviews). Und für sie alle ist der Tag des Mauerfalls ein Tag der großen Emotionen. So wie für Chormitglied Judith Kastner, die im mecklenburgischen Teterow aufwuchs und deren Familie permanent bespitzelt und drangsaliert wurde, weil sie sich dem System entzog und nur in kirchlichen Kreisen verkehrte. „Der Tag des Mauerfalls war der glücklichste Tag im Leben unserer Familie“, sagt die 41-Jährige. „Wenn ich Bilder vom 9. November 1989 sehe, muss ich immer noch weinen.“

An diesem Wochenende werden Aaron Dan und die Chormitglieder ihre gesammelten Gefühle und Gedanken in die Aufführung von „Im Anfang war das Wort“ einbringen. Da wird ein Psalm auf ein rumänisches Volkslied treffen, Marschmusik auf einen Totentanz. Textlich dominiert wird das Werk von Passagen aus Erfahrungsberichten des DDR-Schriftstellers und -Oppositionellen Jürgen Fuchs, der monatelang im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen inhaftiert war, bevor er 1977 zur Ausreise gezwungen wurde.

Laut, unbequem, ja fast brutal werden die zwölf Minuten für die Zuhörer werden, wie Chorleiter Frank Markowitsch andeutet (siehe Interview). Doch der Abend wird versöhnlich enden – mit der Darbietung des Requiems von Johannes Brahms im Anschluss an Dans Komposition. Hier gibt es keine Klage, keine Vergeltung, sondern Trost und Hoffnung.

Aaron Dan nickt zufrieden. Lebensbejahend, positiv: Das ist auch seine Haltung. Grenzen? Für ihn eine überholte Idee. Eine Heimat, meint er, könne man am ehesten in sich selbst finden. Und Mauern brauche keiner mehr. „Niemand“, sagt er, „soll eingesperrt oder ausgeschlossen werden.“ Für diesen Satz ist ihm der Applaus der Berliner sicher.

Aufführungen: Sonnabend, 20 Uhr, St. Marienkirche am Alexanderplatz, Mitte. Sonntag, 18 Uhr, Lindenkirche, Wilmersdorf.