Das war mein 9. November

„Was meine Eltern nicht durften, kann ich tun“

Ich bin 1986 im Thüringer Wald geboren, aber aufgewachsen bin ich im Schwarzwald. Mein Vater ist 1987 aus der DDR abgehauen.

Er hatte die Erlaubnis für eine Besuchsreise nach Westdeutschland und ist nicht zurückgekommen. Er hatte das mit meiner Mutter so vereinbart, dass er dableibt und uns nachholt. Meine Familie hat in der DDR unter Repressionen gelitten, weil meine Eltern Christen waren und private Unternehmer. Das durfte es ja eigentlich nicht geben.

Jedenfalls sind meine Mutter und ich im Mai 1989 meinem Vater nachgereist. Meine Mutter hatte elf Ausreiseanträge stellen müssen, „Antrag auf Familienzusammenführung“ hieß das. Die eineinhalb Jahre waren für sie sehr unangenehm. Sie wurde beschattet, von der Polizei schikaniert. Stundenlang hat man sie verhört und ihr gedroht, mich ins Heim zu stecken. Auch für meinen Vater war die Zeit der Trennung und Ungewissheit schlimm. Außerdem war er in der neuen Heimat nicht so angesehen. Er war halt ein Flüchtling. Als wir wieder zusammen waren, blieb das Thema immer präsent. 1992 haben sich meine Eltern getrennt und ich glaube, dass die Ehe auch wegen der belastenden Umstände gescheitert ist.

In meiner Kindheit war mir immer klar: Ich komme nicht von dort. Zum Studium bin ich absichtlich in den Osten gegangen, nach Leipzig, um an meine Wurzeln anzuschließen. Dort wurde ich gleich als Wessi entlarvt. Ich habe in Leipzig Sozialwissenschaften, Theologie und Philosophie studiert. Als ich 2007 angefangen habe, gab es dort ein paar Westdeutsche. Inzwischen kommt die Mehrheit der Studenten aus Westdeutschland. Leipzig ist attraktiv.

Im Chor singe ich seit drei Jahren. Dass wir gesellschaftspolitische Themen aufgreifen, finde ich gut. Man muss ja nicht jedes Projekt politisch aufladen, aber der Einsatz für das Gemeinwesen ist wichtig. Ich bin Mitglied der SPD und engagiert in der evangelischen Kirche. Meine Eltern durften das nicht machen, ich kann das! Die Freiheit ist ein hohes Gut, das man unbedingt verteidigen muss. Grenzen sind nur in den Köpfen. Das sind Abgrenzungen, Beschränkungen. Die kann man durch Bildung abbauen - und indem man sich selbst infrage stellt und nicht so ernst nimmt.

Julian-Christopher Marx, 28, Doktorand