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Mit seinem Hovawart Barny streift der 57-Jährige durchs Gebüsch hinter seinem Haus am Teupitzer See, südlich von Berlin. Unter seinen Turnschuhen knackt das Unterholz, er schiebt einen Ast beiseite, den eine gewaltige alte Kiefer ihm entgegenstreckt. Am Horizont türmen sich bedrohliche Wolkenberge. Klaus Baumgart zeigt nach oben, da ist noch etwas, was zum Kindsein gehört: "In den Himmel gucken, die Kraft der Natur spüren, nachts die Sterne beobachten: Woher kommen, wohin gehen sie?" Kindsein heißt Fragen stellen.
Ein Stern war es auch, der Klaus Baumgart berühmt machte: Unzählige Male hat sich sein Buch "Lauras Stern" verkauft. Die erste Ausgabe der späteren Buchserie erschien 1996, mittlerweile gibt es sie in 25 Sprachen und in 30 Ländern von Norwegen bis Japan. Es ist eines der beliebtesten Kinderbücher überhaupt, lief als Zeichentrickserie im Fernsehen, 2004 kam der erste Film ins Kino, bald folgen Teil zwei und drei.
Text und Illustrationen zu "Lauras Stern" hat Baumgart in Personalunion entwickelt. Das kleine Mädchen fühlt sich fremd und allein in der neuen Stadt und liegt nachts oft wach. Da sieht es, wie ein Stern vom Himmel fällt. Laura läuft auf die Straße. Und tatsächlich, auf dem Bürgersteig liegt ein Stern - mit gebrochener Zacke. Sie verarztet den neuen Freund und schlummert selig ein. Am Morgen ist der Stern weg, Laura untröstlich. Doch abends ist er wieder da! Klar: Tagsüber kann man Sterne schließlich nicht sehen. Aber er leuchtet nicht mehr so hell, und Laura schickt ihn schweren Herzens zurück in den Himmel.
Ohne erhobenen Zeigefinger
Sich trennen, loslassen - hinter dem großen Thema von Klaus Baumgart versteckt sich eine pädagogische Mission. Unterbewusst sollen Kinder lernen, ohne erhobenen Zeigefinger: "Sie merken, ich kann das, ich bin stark. Aber ich muss mich auch verabschieden." Großväter sterben, Goldhamster oder die große Liebe.
Am schönsten und zugleich traurigsten habe ihn der Brief eines Jungen aus England gestimmt: Der habe sich wiedererkannt, weil auch er so einsam sei. Mitgefühl und Freundschaft gibt es überall, Laura verstehen Kinder auf der ganzen Welt - aber nicht alle Erwachsenen: Als "Laura's Star" in den USA erschien, sollte Baumgart amerikagerecht nachbessern, jene Szene, in der Laura und ihr Bruder voller Vorfreude auf einen Ausflug am Bett der Eltern stehen.
Lauras Stärke, den Stern wieder loszulassen, verrät viel über ihren Autor. Mit 16 zieht er von zu Hause aus, ohne Geld, aber mit der Botschaft an die Eltern: "Ihr müsst euch nicht mehr kümmern." Er arbeitet als Taxifahrer, Kellner, Lithograf. Von 1974 bis 1980 mimt er das Hippie-Leben, entwirft mit seiner späteren Frau Olwen in einer WG in Ostfriesland Schmuck und Ledergürtel, um sie auf Flohmärkten feilzubieten. 1977 reisen die beiden mit ihrem VW-Bus über Afghanistan und Pakistan nach Indien und Nepal. Nach einem Jahr kehrt Baumgart zurück - mit viel Gelassenheit und einem Lebensmotto: Lebe den Moment.
Mit derselben Gelassenheit, demselben Bus und gerade mal 2000 Mark geht die Reise weiter nach Berlin, zum Studium der visuellen Kommunikation. An der Hochschule der Künste beschäftigt er sich mit ,,Grafik für Kinder". Die Idee für Kinderbücher ist geboren, aus der Diplomarbeit entsteht die Geschichte um Tobi Ungeheuerlich, den kleinen grünen Drachen, und seine Freundin Anna, ein Mädchen, das Baumgarts Tochter Lorraine, die 1984 zur Welt kommt, zum Verwechseln ähnlich ist.
"Sie war meine größte Hilfe", sagt Baumgart und verscheucht eine Fliege, die surrend um seine feine Nase kreist: "Kinder würde die Fliege nicht stören, sie sind viel offener." Mit seiner Tochter öffnete sich für Baumgart eine neue Welt, die es zu auszuschöpfen galt: Lauras Zimmer ist "eigentlich Lorraines Zimmer in unserem Mietshaus in Kreuzberg": Kopfhörer, Puzzleteile, Bauklötze, eine Taschenlampe, mit Wolken bemalte Tapeten. Die Tochter war der erste Türöffner. Der zweite war der Erfolg.
Die dickrandige Brille aus den Achtzigern hat Baumgart durch eine zeit- und randlose ausgetauscht. Er ist heute einer der international erfolgreichsten Bilderbuchkünstler, 1999 wurde er als erster deutscher Autor für den englischen "Children's Book Award" nominiert. Erfolgsdruck? Er spricht lieber von Verantwortung: "Man muss in jeder Geschichte etwas von der Seele des Autors spüren." Und von seiner Tochter: "Lorraine ist meine größte Kritikerin. "Da spüre ich, ob eine Idee funktioniert."
Doch wenn Weltkonzerne die Figuren in die Massenproduktion schicken, ist es nicht einfach, die Kontrolle zu behalten. Mit Warner-Bros.-Chef Willi Geike ist er per du. Der Produzent hatte ihn mit einem skurrilen Kinderbuch beauftragt. Jetzt hat Geike sich die weltweiten Filmrechte am Gespensterkind Elli, das in einer Geisterbahn gegen seine Angst ankämpft, gesichert. Elli und das Transenmonster Martha sind das Kontrastprogramm zur niedlichen Laura mit Glitzerstern.
Er will keine Heile-Welt-Geschichten
Baumgart lebt mit seinen Figuren. Fragt man ihn, wann er aufhöre zu arbeiten, hört er: "aufhören zu leben". Man sieht ihn vor sich, wie er besessen entwirft, verwirft, skizziert, zeichnet, malt, mit seinen Geschöpfen Grimassen schneidet und in einer Ernsthaftigkeit im Moment aufgeht, die Kindern gleicht, für die Kasperletheater ein Spiel ist um Leben und Tod. Bei Baumgart immerhin um den Familienfrieden: Wenn er schon am Frühstückstisch darüber sinniert, ob Laura jetzt Kakao oder Saft trinken würde oder welcher Rot-Ton er den Schuhen von Monster Martha mit den rasierten Beinen verpasst, darf die Frau auch mal genervt sein.
"Da ist das Buch", sagt Baumgart und zieht aus einem Karton einen Papierhaufen hervor, obenauf Zeichnungen von Frankenstein, die Fratze mal ohne, mal mit unleserlichen Notizen, mit Bleistift gezeichnet, auf Pappe gemalt. "Ich bin nicht Astrid Lindgren." Nur sie erzähle Heile-Welt-Geschichten im Bullerbü-Format, ohne zu langweilen. Von seinem Arbeitsplatz am Teupitzer See blickt Baumgart durch Jahrhunderte alte Kiefernstämme und den gekachelten Pool auf den See, nach dem schon Theodor Fontane sich sehnte. Meterhoch ragt das Schilf in die Höhe, das Boot und Steg mit seinen wiegenden Halmen umarmt. Zum Arbeiten kommt Baumgart meist aus seiner Kreuzberger Wohnung hierher, in dieses Haus am See, in die Idylle. Da kommen die Ideen von allein. Meistens. "Da war schon die Angst, kreativ sein zu müssen", sagt er. "Aber es funktioniert!"
Auf dem Tisch liegt eine neue Idee namens Tilli, daneben reihen sich Tuben mit Farbe, die er zusammenmischt. Analog, ohne Computer. Vor ihm baumelt die papierne Laura auf einem Sichelmond und guckt in die Sterne, da sind ein paar Plakate an den Wänden, ein kleines Ledersofa - und Kartons voller Entwürfe. Früher habe er vier solcher Kisten gebraucht für eine Geschichte. Jetzt reicht meist eine, sagt er - mit etwas viel Bescheidenheit für einen Buchmillionär: "Ich finde allmählich meinen Stil."
Wenn das erwachsene Kind Baumgart gerade nicht auf Figurensuche ist, bringt es anderen das Kindsein bei. Seine Studenten an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft lässt der Professor für Kommunikationsdesign gern auch mal in der Hocke watscheln, "damit sie neue Perspektiven entdecken". Denn Kinder sehen mehr, sie sind fantastisch genial - mit Verfallsdatum. Schon mit sieben Jahren beginne die Fantasie zu verwelken. Wie gut, dass nur die grauen Haare Baumgarts wahres Alter verraten.
Morgen lesen Sie: Christine Nöstlinger - die Revolutionärin der Kinderliteratur

