Staatliche Ballettschule Berlin

Wenn der Traum weh tut

Immer wenn es dunkel wurde, kam die Traurigkeit. "Ich lag im Bett und begann nachzudenken", erzählt Jenny. "Was wohl meine Mutter gerade macht und mein Vater, was mein großer Bruder tagsüber erlebt hat, ob er auch schon schlafen gegangen ist..." Kathleen ging es ähnlich.

In ihrem Kopf kreiste pausenlos ein Gedanke: ob ihre Eltern und ihre drei Geschwister sie genauso vermissen, wie sie sie vermisst. Ihr Herz schmerzte, die Tränen rollten. Jede Nacht - ganze acht Wochen lang.

Jenny und Kathleen, beide zwölf Jahre alt, leben die meiste Zeit des Jahres 600 Kilometer entfernt von ihren Familien. Ende Sommer 2009 zogen sie aus ihrem Zuhause in Kerpen bei Köln in einen Plattenbau nach Marzahn. Dort befindet sich das Internat der "Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik". Jenny und Kathleen haben einen Traum: Tänzerin zu werden auf den großen Bühnen der Welt. Doch das Heimweh setzte ihnen anfangs schwer zu. "Ich hab' ernsthaft überlegt, die Schule abzubrechen", sagt Kathleen.

Die Sehnsucht nach dem Zuhause kennen viele der 166 Mädchen und Jungen, die den tänzerischen Zweig der "Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik" besuchen. Die Elevinnen und Eleven kommen aus 28 Nationen: aus Brasilien und Japan etwa, aus Russland und der Türkei. Manche sprechen bei ihrer Ankunft gerade mal ein paar Brocken Deutsch. Zu dritt oder viert sind die 63 Internatsschüler in Wohnungen in Marzahn untergebracht, bis das neue Wohngebäude auf dem Schulgelände in Prenzlauer Berg fertiggestellt ist. Jeden Tag müssen sie eine Dreiviertelstunde dorthin fahren. Für Kathleen und Jenny beginnt der Tag daher schon um sechs Uhr morgens.

Ein strenges Pensum

In der Schule steht heute als erstes Englisch auf dem Stundenplan, im Anschluss Tänzerische Gymnastik. Lehrer Ioanis Tendas lässt die 25 Mädchen und Jungen zwischen zehn und 14 Jahren in der Turnhalle springen, grätschen und Rad schlagen - unter den strengen Augen einer Delegation des Friedrichstadtpalastes, die auf der Suche nach jungen Talenten ist. Als die Schülerinnen und Schüler gegen 10 Uhr, bepackt mit Rucksäcken und Taschen voller Trainingsklamotten, ins Hauptgebäude wechseln, steht Anspannung in ihren Gesichtern geschrieben und auch schon etwas Müdigkeit. Jenny und Kathleen haben zu diesem Zeitpunkt noch sechs Stunden Schul- und Tanzunterricht vor sich. Zurück in ihren Wohnungen, werden die Mädchen Hausaufgaben machen und Schrittfolgen üben. Sie werden staubsaugen, ihre Wäsche waschen und den Abwasch erledigen. Denn auch wenn 13 Erzieherinnen und Erzieher die Kinder und Jugendlichen rund um die Uhr betreuen: Eine fürsorgliche Mutter, einen zupackenden Vater ersetzen sie nicht.

Kathleens Mutter Dagmar Gouverneur wusste das. Und doch war die erste Zeit für sie nicht minder schlimm. "Es war schwer auszuhalten, Kathleen leiden zu sehen", sagt sie. "Und es war immer die Angst da, dass wir unsere Tochter überfordern." Dennoch ermutigten die Eltern Kathleen zum Durchhalten - dem Rat der Betreuerinnen im Internat folgend. Im Nachhinein ist Dagmar Gouverneur darüber froh. "Mit der Zeit hat Kathleen gemerkt, dass sie nicht aus der Welt ist, und ist an ihren Aufgaben gewachsen." Alle vier Wochen gibt es für die Mädchen ein Heimfahrtswochenende. Und natürlich gibt es das Telefon. "Ich rufe meine Mutter täglich morgens, mittags und abends an", sagt Kathleen. Dagmar Gouverneur lacht. "Na ja, und noch ein paar Mal dazwischen..."

Aufnahmeprüfung mit neun Jahren

Im Alter von neun Jahren treten die Mädchen und Jungen an der Staatlichen Ballettschule Berlin zur mehrtägigen Aufnahmeprüfung an. "Man muss vor der Pubertät anfangen, damit sich das Gelernte internalisieren kann", erklärt Schulleiter Prof. Dr. Ralf Stabel. "In der Pubertät bildet sich das kritische Bewusstsein aus, das wichtig ist, aber eine Hemmschwelle darstellt bei der Aneignung von Fertigkeiten und Kenntnissen." Eine tänzerische Vorbildung ist nicht notwendig, auch wenn viele - so wie Kathleen und Jenny - in der Heimat Ballettunterricht erhalten haben. Vor allem beweglich müssen die Schülerinnen und Schüler sein, auch talentiert. Dazu fleißig und zielstrebig.

Die Plätze an der Schule sind begehrt - nicht nur wegen der guten Reputation der Ballettausbildung. Parallel zum Tanzunterricht erwerben die Schülerinnen und Schüler hier den Mittleren Schulabschluss und können dann in Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch das Abitur ablegen, zeitgleich die Fachrichtung "Bühnentanz" studieren und mit dem "Bachelor of Arts" abschließen. "Damit stehen den Absolventen auch Berufe offen, für die ein Studienabschluss notwendig ist, zum Beispiel als Pädagoge", erklärt Prof. Dr. Ralf Stabel. "Das ist eine wichtige Absicherung, weil man nur bis zum Alter von 35, maximal 40 Jahren tanzen kann." Zudem können jederzeit Verletzungen die Karriere unterbrechen. Weiterer Pluspunkt: Die Ausbildung ist kostenlos. Nur Unterkunft, Essen und Trainingskleidung müssen die Eltern bezahlen. Der Druck allerdings ist immens. Jederzeit kann das Lehrerkomitee befinden, dass eine oder einer die Schule verlassen muss - weil die Motivation nicht stimmt, die Leistung nachlässt, die Psyche der Belastung nicht standhält - oder die Figur nicht mehr der Idealnorm entspricht. Wohlproportioniert soll der Körper sein, bei den Mädchen nicht zu üppig und natürlich nicht zu groß.

Mit einer Größe von 1,53 bzw. 1,60 Meter gehören Kathleen und Jenny zum Mittelfeld in ihrer Klasse. Mittlerweile haben sich 19 Mädchen an den Ballettstangen in Studio 2 aufgereiht, gekleidet in hautenge dunkelblaue Trikots und weiße Schläppchen. Im Klassischen Tanz werden die Mädchen getrennt von den Jungen unterrichtet. Alle tragen lange Haare, sorgfältig zum Dutt aufgesteckt. Doch Gleichheit herrscht nur für den laienhaften Beobachter. Insider wissen: Die Position an der Stange gibt Auskunft über den Stand bei Lehrerin Katja Will. Wer von der Mittelstange an die Seiten des Saals wechseln muss, ist auf dem absteigenden Ast. Kathleen und Jenny dürfen sich in der Mitte aufreihen, gegenüber der verspiegelten Wand. Spannung liegt in der Luft, Spannung strafft sämtliche Gliedmaßen. Pianistin Malina Peeva-Christova gibt vom Flügel aus den Einsatz. Es geht um Alles oder Nichts: Die Elevinnen üben die Schrittfolgen für die gefürchtete LEK, die Lernerfolgskontrolle Mitte Juni. Für Kathleen und Jenny entscheidet die Note darüber, ob sie ihre Probezeit überstehen, denn sie sind im zweiten Ausbildungsjahr als Quereinsteigerinnen in die Schule gekommen.

Haltung bewahren

"Hier ziehen, nein, nicht neigen", korrigiert Katja Will die Haltung von Kathleen. Die 33-Jährige biegt ihre Schulter nach hinten. Kathleen bebt vor Anstrengung. "Nicht zittern!", befiehlt Katja Will. "Das Gesicht locker lassen, die Mundwinkel nach oben!" Auch die anderen Mädchen hat sie im Blick. "Po rein und strecken!", herrscht sie ihre Schülerinnen an. "Hier ist nicht Entenhausen, hier ist Berlin, die Hauptstadt!" Die Mädchen bewahren Haltung, verziehen keine Miene. Jenny lässt sich das ausgestreckte Bein bis ans Ohr drücken, den Fuß um 90 Grad nach außen drehen.

Katja Will, die selbst 1995 an der Staatlichen Ballettschule Berlin den Abschluss gemacht und jahrelang als Tänzerin gearbeitet hat, fasst die Mädchen bewusst so unsanft an. "Kuschelpädagogik nützt den Kindern nichts", sagt sie. "Der Beruf ist knochenhart, die Konkurrenz riesig. Man muss mit Frustrationen umgehen lernen." In Deutschland gebe es 70 feste Tanzensembles, mehr als in jedem anderen Land der Welt, sagt Schulleiter Stabel. Das erhöht die Chancen der Schulabgängerinnen und -abgänger jedoch nicht. Sie müssen sich einer weltweiten Konkurrenz stellen, weil es im Tanz keine Sprachbarrieren gibt. Vor allem die Mädchen müssen sich einen Platz auf der Bühne hart erkämpfen. Denn es gibt deutlich mehr Tänzerinnen als Tänzer.

Die Konkurrenz ist immer da

Jenny ist bereit, sich dem Vergleich zu stellen, und empfindet auch die Qual als Lust - meistens zumindest. "Klar ist das Üben anstrengend, manchmal tut es weh. Aber es macht Spaß", sagt Jenny. Und doch fiebert sie schon dem nächsten Heimfahrtswochenende entgegen. Was sie machen wird? "Ausruhen", antwortet sie ohne zu zögern, und, mit glänzenden Augen: "Einkaufen". Kathleen freut sich darauf, sich mit alten Freunden zu treffen. Bei ihnen kann sie ganz sie selbst sein, ihnen kann sie vertrauen. Denn auch wenn sie eine neue beste Freundin in Berlin gefunden hat: Diese bleibt doch auch immer ihre Konkurrentin. Bald wird sich der Wettbewerb sogar auf die Familie ausdehnen, denn Kathleens jüngere Schwester Ann, die im Juli zehn Jahre alt wird, wird ab Sommer ebenfalls die Staatliche Ballettschule Berlin besuchen.

Die Mutter der beiden ahnt, dass neue Sorgen und Konflikte auf sie zukommen. "Das wird den Druck auf Kathleen erhöhen", sagt sie, die in ihrer Jugend Kunstturnen als Leistungssport betrieben hat. Doch Dagmar Gouverneur versucht, sich in Vertrauen zu üben, dass ihre ältere Tochter ihren Weg finden wird. "Im wahren Leben dürfte niemand Kathleen so hart anpacken, wie es die Lehrer an der Schule tun", sagt sie. "Das zeigt mir, dass sie eine wahre Leidenschaft für das Tanzen empfindet." Und wenn Kathleen auch nur den geringsten Zweifel habe, solle sie zurückkommen. "Ich werde meine Tochter mit einem großen Lächeln empfangen."