"Ja, ich freue mich sehr auf diese großartige Oper. Als Hamburger Nordlicht kann ich mich mit so einem Küstenort gut identifizieren", sagt die Sopranistin. Interessanter als das Ambiente der Oper findet sie ihre Rolle. An der Seite von Christopher Ventris spielt sie Ellen Orford, die einzige Frau, die sich für Peter Grimes einsetzt.
"Sie ist ein starker Mensch, eine Kämpfernatur, von Liebe durchdrungen. Sie sieht unter seiner harten, rauen Schale im tiefsten Innern einen liebenswürdigen Kern", erklärt sie. Mit Benjamin Britten beschäftigt sie sich nicht zum ersten Mal. Schon während ihrer Hamburger Studienzeit sang sie die Helena im "Sommernachtstraum".
Überhaupt fühlt sich ihre Stimme im 20. Jahrhundert sehr wohl. Sie hat Jenufa, Katja Kabanova, Arabella, die Marschallin im "Rosenkavalier" und die Gräfin in "Capriccio" verkörpert. Die erste Rolle, die sie vor 15 Jahren an der Deutschen Oper Berlin sang, war Natalie in Hans Werner Henzes "Der Prinz von Homburg" - ein Riesenerfolg. Sie legte mit der Premiere gleich ihre Diplomprüfung ab. Acht Professoren aus Hamburg kamen damals angereist. Ein paar Monate vorher hatte sie im Belvedere-Wettbewerb und im Bundeswettbewerb Gesang gewonnen. Die Deutsche Oper griff sofort zu und holte sie ins Ensemble. Michaela Kaune kam sich vor wie im Märchen.
So lebendig, temperamentvoll und natürlich wie auf der Bühne ist die Sängerin auch im wirklichen Leben. Michaela Kaune gehört zu den Sängerpersönlichkeiten, die sich Bühnenpräsenz nicht erarbeiten müssen. Wenn sie bei einer Vorstellung auf einem Rosenblatt ausrutscht, singt sie eben im Liegen weiter. Für den Publikumsliebling ist die Deutsche Oper längst zum zweiten Zuhause geworden. Gastspiele führen sie außerdem rund um die Welt. Vor allem im deutschen, tschechischen und französischen Repertoire hat sich Michaela Kaune einen Namen gemacht. Micaëla, Eva, Ariadne und Rusalka gehören zu ihren Rollen. "Ich spiele gern Frauen, die etwas zu bieten haben, die keine langweiligen Trutschen sind", erzählt sie. Künstler gibt es in ihrer Familie sonst nicht. Sie selbst wollte eigentlich Jura studieren und Jugendrichterin werden. Erst bei einer Schulaufführung fing sie Feuer. Kurzerhand stellte sie sich bei der Hochschulprofessorin Annie Schoonus vor und begann nach einer positiven Auskunft ihr Gesangsstudium. Die richtige Mischung aus Begabung, Fleiß und Glück brachte sie sehr schnell sehr weit. Die sogenannte Ochsentour durch die Provinz hat sie nie erlebt. Sie konnte an der Deutschen Oper Berlin gleich von den besten Regisseuren, Dirigenten und Sängerkollegen lernen. Nie musste sie hier Partien übernehmen, die nicht in ihre Stimmentwicklung passten. "Darauf hat Götz Friedrich geachtet."
Die Hauptrolle in ihrem Leben spielt seit fünf Jahren ihr Sohn Jonas. "Er hat für mich oberste Priorität", meint die alleinerziehende Mutter. "Glücklicherweise hat er seit seinem vierten Monat eine tolle Kinderfrau, die er heiß und innig liebt. Die Beiden haben mich gerade zwei Wochen lang in Paris besucht." Sie möchte ihren Sohn nicht überallhin mitnehmen. Er soll seine Berliner Basis haben. Manche Sängerregeln kann Michaela Kaune schon seinetwegen nicht einhalten, zum Beispiel am Tag einer Vorstellung lange zu schlafen und nicht zu sprechen. Da trifft es sich gut, dass es ihrer Stimme besser geht, wenn sie tagsüber normal redet. "Wenn ich den ganzen Tag schweige, braucht es lange, bis die Stimme am Abend anspringt. Ich singe auch gern an den Tagen vor einer Vorstellung. Meine Stimme muss immer im Training sein."
In diesem Jahr hat sie schon ihre Rollendebüts als Jenufa und als "Capriccio"-Gräfin gegeben. Jetzt folgt noch die Ellen Orford in "Peter Grimes". Man glaubt ihr sofort, wenn sie sagt: "Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich diesen Beruf ausüben darf. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen."
mig

