"Die Amme hasst die Menschen, die sie stinkend und schrecklich findet. Nur aus großer Liebe zur Kaiserin begibt sie sich trotzdem in die Menschenwelt. Diesen Zwiespalt versuche ich immer herauszuarbeiten."
Etwa hundert Vorstellungen der Strauss-Oper hat die Mezzosopranistin schon gesungen. Keine Rolle hat Jane Henschel öfter verkörpert. Schon 1992 ist sie als Amme in Amsterdam in Harry Kupfers fünfstöckiger Plexiglaspyramide herumgeklettert. Bei ihrem Londoner Debüt war sie in der farbenprächtigen Produktion von David Hockney und John Cox zu erleben. An der Deutschen Oper Berlin war sie Stammgast in der alten Inszenierung von Philippe Arlaud. Jetzt freut sie sich sehr auf die Neuproduktion in der Regie von Kirsten Harms. "Mit jeder Inszenierung kommt man ein Stück näher an die Figur heran", findet Jane Henschel. Am 5. und 13. Dezember steht sie in ihrer Paraderolle auf der Bühne.
Partituren hat ihr niemand in die Wiege gelegt. Erst mit 15 Jahren hat die Arzttochter aus Appleton in Wisconsin zum ersten Mal eine Opernaufführung gesehen. Sie fing sofort Feuer. "Meine Musiklehrerin riet mir, nur Musikerin zu werden, wenn ich wirklich mit keinem anderen Beruf glücklich werden könnte", erinnert sie sich. Die Entscheidung fiel ihr nicht schwer. Heute ist sie froh, ihren Traumberuf gewählt zu haben - trotz der zahlreichen Opfer, die sie für ihre Stimme und ihre Karriere bringt. So ist sie in manchen Jahren nur sechs Wochen zuhause. Sie hat auch nie eine Familie gegründet. "Ich liebe Kinder, aber ich hätte diesen Beruf nicht mit einer Familie vereinbaren können."
Sie treibt Sport, isst gesund und schläft genug. Jeden Tag singt sie Rossini. Die Koloraturen halten ihre Stimme jung und beweglich. "Das Dramatische ist immer da, aber die Leichtigkeit, das Piano in der Höhe, das muss man pflegen", erklärt Jane Henschel. In den Rollen der Klytämnestra, Herodias und Ortrud ist sie auf der ganzen Welt gefragt. Als dramatischer Mezzo will sie sich aber nicht auf Strauss und Wagner beschränken. Auch Opern von Britten, Albeniz und Weill hat sie im Repertoire. "2011 stehe ich in Covent Garden erstmals als Hexe in 'Hänsel und Gretel' auf der Bühne", sagt die vielseitige Sängerin, die immer gern neue Partien einstudiert.
Neulich hat sie in Düsseldorf einen Meisterkurs gegeben und über das Niveau der jungen Sänger gestaunt. Allerdings hat sie auch gerade mit einem Agenten gesprochen, der sich nicht vorstellen kann, dass die jungen Sänger von heute eine lange Karriere von drei oder vier Jahrzehnten vor sich haben. "Die Opernwelt hat sich verändert. Sänger müssen jung und schlank sein. Das sehe ich schon an den Kostümen, in die man überall hineinpassen soll. Da habe ich schon meine Schwierigkeiten", verrät Jane Henschel.
An der Deutschen Oper Berlin hat sie seit Mitte der achtziger Jahre zahlreiche Rollen wie die Mutter in "Hänsel und Gretel", Herodias in "Salome", Ortrud in "Lohengrin" und Klytämnestra in der Neuproduktion von "Elektra" übernommen. Zwischen den Proben oder Vorstellungen geht sie gern im Grunewald spazieren. Seit vielen Jahren ist sie in Düsseldorf zuhause. Schon in ihrer Studienzeit ist sie nach Deutschland gezogen und hat es nie bereut. "Ich gehe nicht wieder zurück nach Amerika", sagt sie ohne Zögern. "Ich fühle mich längst als Europäerin."
Termine: 5. und 13. Dezember

