Im Gespräch: Die Fotografin

"Zwischenspiel" in den Kulissen

Zwischen Schuhfundus, Kulissenmagazin und Putzmacherei hat sich Rengha Rodewill mit ihrer Kamera umgesehen. Ihre Fotografien aus der Deutschen Oper Berlin hat die Künstlerin in Dialog zur Lyrik von Eva Strittmatter gesetzt. "Zwischenspiel" heißt das daraus entstandene Buch. Bis zum Januar sind 30 der Fotografien im Rang-Foyer zu sehen.

Zur Ausstellungseröffnung am 13. Oktober um 20 Uhr liest Barbara Schnitzler vom Deutschen Theater die dazu ausgewählten Gedichte. Martina Helmig sprach mit Rengha Rodewill.

Berliner Morgenpost: Wie kam es zur Verbindung zwischen Ihren Fotos, den Gedichten und der Oper?

Rengha Rodewill: Die Gedichte von Eva Strittmatter sind von einer Wortgewalt und Kraft, die für mich etwas mit der unbändigen Energie der Oper zu tun hat. Kulissen, Musik, Licht und Tanz sind immer wieder Motive in ihrer Lyrik. Sie spricht von "Requisiten des Glücks", und es gibt viele Passagen, die zu Opernfiguren wie Tosca passen würden. Sie beschreibt die große Bühne des Lebens mit Hass, Liebe, Tod und Verzweiflung. Die Dichterin wohnt draußen in Schulzenhof in ihrer selbst gewählten Einsamkeit, zurückgezogen zwischen Feldern, Wiesen und Tieren. Ich habe in ihren Gedichten aber eine ganz andere Innenwelt abgelesen. Es hat sie überrascht, als ich sie damit konfrontiert habe.

Berliner Morgenpost: Warum betrachten Sie die Rückseite der Oper, die Kulissen, Requisiten, Kabel und Latten, auf denen die Opernnamen stehen?

Rengha Rodewill: Der Zauber hinter der Bühne ist unglaublich stark. Ich wollte keine Bühnenszenen oder Sänger fotografieren. Mich interessieren ganz andere Details. Ein Gedicht heißt "Magie", und ich habe einen Knoten gefunden, von dem ich dachte: Das ist doch der magische Knoten. Zum Gedicht "Bindung" gibt es die von Seilen gehaltenen Kulissenteile. So baut sich die Spannung zwischen Fotos und Gedichten auf. Ein Detail, ein kurzer Blick, und dann kommen die Worte. Das geht allerdings nur mit der Strittmatter. Ich habe es mit Gedichten von Bachmann, Domin und anderen Lyrikerinnen versucht, aber nur ihre Gedichte passen auf diese Fotos.

Berliner Morgenpost: Manche Assoziationen sehr schlicht. Eine Kette zum Gedicht "Die Kette" oder Lampen zum Gedicht "Irrlicht". Ist es so einfach?

Rengha Rodewill: Der Auswahlprozess ist komplizierter gewesen, als es der Betrachter jetzt wahrscheinlich empfindet. Ich arbeite oft und gern mit Texten. Diese Brücken zwischen den Innenwelten der Gedichte und der großen Oper sind sehr reizvoll. Ich habe die Gedichte erst ausgesucht, als ich die Fotografien hatte. In dem Gedicht zum "Rheingold" steht etwas von einem Hügel. Sollte das der Grüne Hügel von Bayreuth sein? Sie erwähnt auch die Götter im "Tannhäuser". Es gibt so viele Bezüge zu den Opernlibretti.

Berliner Morgenpost: Hat sich Ihre Beziehung zur Oper durch das Projekt verändert?

Rengha Rodewill: Meine Liebe zur Oper ist noch intensiver geworden. Für mich ist das Gesamtkunstwerk Oper das Größte, was es überhaupt gibt. Ich mag das Ambiente der Deutschen Oper Berlin. Ich bin hier auch im Förderkreis. Ich liebe nicht das Verplüschte, bin mehr für die klaren Linien. In meinen Fotografien spiegelt sich auch eher das Reduzierte wider.

Berliner Morgenpost: Welches waren für Sie die spannendsten Entdeckungen?

Rengha Rodewill: Ich war mehrfach hinter der Bühne und in den Werkstätten und habe 200 bis 300 Fotos gemacht. Fasziniert hat mich der große Malsaal, den es jetzt gar nicht mehr gibt. Diese riesigen Kulissen, diese Höhe der Oper ist einfach beeindruckend. Auch die akribische Ordnung, die überall herrscht. Alles ist verknotet und beschriftet. Und wenn es dann heißt, heute spielen wir "Die Zauberflöte", finden die Mitarbeiter alles wieder und setzen es perfekt zusammen.

Berliner Morgenpost: Warum sind es Schwarzweiß-Fotos? Rengha bedeutet im Indisch-Pakistanischen "die Farbige".

Rengha Rodewill: Ich mache nicht immer Schwarzweiß-Fotos. Für die Welt hinter der Bühne mit ihrem diffusen Licht fand ich das Schwarzweiße mit der Sepia-Abtönung passend. Es hat so einen Touch des Geheimnisvollen.

Berliner Morgenpost: Sie haben als Balletttänzerin angefangen. Wie sind Sie zur Bildenden Kunst gekommen?

Rengha Rodewill: Nach einem Unfall war es mit dem Tanzen auf der Bühne vorbei. Ich habe dann all meine Energien in die Bildende Kunst einfließen lassen. Gemeinsam mit einer Kunsthistorikerin habe ich das "Dance Painting" entwickelt, Aktionsmalerei mit dem Tanz um die Leinwand.

Berliner Morgenpost: Fotografie, eine ganz andere Welt für Sie?

Rengha Rodewill: Ich habe immer fotografiert. Seit einem Atelierunfall im letzten Jahr kann ich diese großen Malaktionen nicht mehr durchführen und habe den Schwerpunkt auf die Fotografie verlegt. Das ist ein schnelles Medium. Ganz anders als bei der Malerei entstehen die Bilder innerhalb von einer Sekunde. Ich bin keine Studiofotografin. Ich suche den Moment, nichts ist inszeniert. Auch in der Oper habe ich nichts zurechtgelegt, nichts angefasst, kein Kabel, kein Seil neu drapiert. Jeder festgehaltene Augenblick hinter den Opernkulissen ist einmalig.