Landtagswahl

Der gefürchtete Kandidat

Brandenburgs AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland fischt in jedem Lager. Einzug in den Landtag vorausgesagt

Das Publikum: gediegene, gehobene Mittelschicht. Der Ort: feine Berliner Vorstadt. Da, wo TV-Moderator Günther Jauch und Modedesigner Wolfgang Joop in Potsdam zuhause sind. Bei Sonnenuntergang tänzelt eine asiatische Feuerspuckerin durch den Garten der Pension „Am Tiefen See“. Etwa 50 Interessierte sind zum Sommerfest gekommen. Eingeladen hat die Alternative für Deutschland (AfD). Es sind nicht nur die frustrierten Arbeitslosen in der AfD-Hochburg Frankfurt (Oder), die sich für die junge, eurokritische Partei interessieren. Nicht nur Bewohner in der Grenzregion zu Polen, deren Autos und Landmaschinen gestohlen werden. Die sich im Stich gelassen fühlen. „Unsere Wähler kommen aus allen Schichten und allen Parteien“, sagt Alexander Gauland. „Es stört mich auch nicht, wenn es Kommunisten sind oder auch solche, die bisher so dumm waren, eine Partei wie die NPD zu wählen.“ Nur zusammenarbeiten wolle er mit der NPD nicht.

Warnung vor Rechtspopulisten

Der Brandenburger Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland ist nicht wählerisch. Das Ziel des Vizebundeschefs der AfD ist es, die Partei nach dem Erfolg in Sachsen auch in Brandenburg und in Thüringen in den Landtag zu bringen. Seit Wochen macht der 73-Jährige Wahlkampf im rot-rot regierten Brandenburg. Einen umstrittenen Wahlkampf. Meist allein, bisweilen mit Bundeschef Bernd Lucke. „Rechtspopulismus“ werfen die anderen Parteien der AfD vor.

Nach dem Streit über das vom Land geplante Asylbewerberheim mit 800 Plätzen in dem rund 9000-Einwohner-Ort Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) warnt Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) vor dem Einzug der AfD in den Landtag. Die Partei unter Gauland hetze in der Diskussion um Flüchtlingsheime die Menschen auf, so Woidke. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert die eigene Partei CDU auf, die Themen und Ängste vor den Wahlen anzusprechen, die mögliche AfD-Wähler bewegen. Sie müssten Lösungen zur Kriminalität und steigenden Asylbewerberzahlen anbieten. Die AfD will, dass die Bürger über Flüchtlingsheime abstimmen.

Egal, wie sehr die etablierten Parteien warnen: Bis zu neun Prozent werden der AfD in Brandenburg vorausgesagt, in Thüringen sind es sieben Prozent. Nach Ansicht der Kanzlerin ist die AfD „ein Problem aller Parteien“. Nur 23Prozent der AfD-Wähler etwa bei der Landtagswahl in Sachsen seien von der CDU gekommen.

In seinem Arbeitszimmer in der noblen Berliner Vorstadt in Potsdam schreibt Alexander Gauland seit Wochen Briefe an die Wähler. Etwa an die der FDP. „Wenn die AfD Stärke gewinnen will, braucht sie jede Stimme von enttäuschten Liberalen.“ Oder an die „lieben Wähler der Grünen“: „Haben Sie sich das Ganze wirklich so vorgestellt? Hohe Energiepreise für den Durchschnittsverbraucher, Schnäppchenpreise für energieintensive Unternehmen und ein ordentliches Zubrot für Häuslebauer mit Solardächern?“

Die CDU-Anhänger fragt er: „Ich weiß, für viele von Ihnen ist Angela Merkel die Größte und auch alternativlos. Doch haben Sie einmal überlegt, was von der CDU übrig bleibt, wenn Frau Merkel nicht mehr kann oder will: nichts.“ Er wirbt sogar bei der Linken um Stimmen. „Auch Sie galten einst als Linksextremisten, als Sie in die Politik des vereinigten Deutschlands eintraten.“ Man dürfe sich nicht von der „Litanei des Rechtspopulismus anstecken“ lassen, rät Gauland.

„Rechtspopulistisch, nein, das ist die AfD nicht“, sagt der promovierte Jurist. Wohin sich die Partei entwickelt, das weiß allerdings auch er nicht. Der gebürtige Chemnitzer hat in Brandenburg einen Namen: Als Wertkonservativer und als Publizist. Von 1991 bis 2006 war der frühere hessische Staatskanzleichef Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“. Gauland gehörte – wie Jörg Schönbohm – zum konservativen Flügel in der CDU.

Das ehemalige Bundesvorstandsmitglied Schönbohm sagt: „Dass die AfD Erfolg hat, ist ein Versäumnis der Union.“ Ein Freund brachte Gauland mit Lucke zusammen. Der Ökonomieprofessor überzeugte ihn von der Idee, die neue Partei zu gründen. Mehr als 600Mitglieder hat die AfD in Brandenburg. „Es ist ein Abenteuer“, sagt Gauland. Über die anderen Kandidaten könne er sich noch kein Urteil bilden, kenne sie nicht näher. Etwa AfD-Kandidat Steffen Kotré, Listenplatz 14. Der RBB hat ihn bei einer Veranstaltung gefilmt. Als er auf den Zusammenhang – „statistisch gesehen“ – zwischen Einwanderungs- und Vergewaltigungsrate verwies. Gauland sagt: „Das habe ich nicht gesehen und auch nicht gehört.“ Der RBB-Beitrag ist im Internet zu finden.