Berlin-CDU

„Es ist gut, unterschätzt zu werden“

Generalsekretärin Anja Heinrich will mit Landeschef Michael Schierack die lange zerstrittene CDU zum Erfolg führen

Anja Heinrich lacht gern. Am allerliebsten über sich selbst. Schon das ist ziemlich untypisch für eine Politikerin. Rothaarig, sommersprossig, ein bisschen keck kommt sie daher. „Es ist manchmal gut, unterschätzt zu werden“, sagt die 42-Jährige. Ohne Eitelkeit gibt sie zu, dass sie immer noch nervös ist, bevor sie ans Rednerpult muss. Dass sie sich ein politisches Amt eigentlich nicht zugetraut hatte, schon gar kein Mandat im Landtag. An so viel entwaffnende Ehrlichkeit müssen sich die Intrigen-erprobten und somit notorisch misstrauischen Parteifreunde in der Brandenburger CDU erst einmal gewöhnen.

Als vor anderthalb Jahren nach dem Putsch gegen die ungeliebte Parteichefin Saskia Ludwig der neu gewählte Landesvorsitzende Michael Schierack die Landtagsabgeordnete aus dem äußersten Süden Brandenburgs als Generalsekretärin durchsetzte, belächelten viele in der Partei das unerfahrene Führungsgespann. Ein Arzt und eine Sozialpädagogin, beide in politischen Ränkespielen nicht erprobt – das konnte die Talfahrt der märkischen CDU ja nur noch beschleunigen. Doch nach der Bundestagswahl hat die Union jetzt auch noch die Kommunalwahl vor der SPD gewonnen. Anja Heinrich erhielt als Kandidatin für den Kreistag Elbe-Elster und für die Stadtverordnetenversammlung Elsterwerda die meisten Stimmen aller Kandidaten – und fuhr auch auch das landesweit beste CDU-Ergebnis ein.

Harter Konkurrenzdruck

Nicht alle haben gratuliert. Der Konkurrenzdruck in der Partei ist hart. Zumal sich in der Union nach den Wahlerfolgen die Hoffnung regt, nach den Landtagswahlen im Herbst wieder mitregieren zu können. Schon jetzt träumen viele vom Minister- oder Staatssekretärsamt. Die Generalsekretärin sagt: „Unser Ziel ist es, Rot-Rot zu beenden.“ In erster Linie gehe es aber darum, eine starke CDU zu bekommen – „egal ob in der Regierung oder Opposition“.

Nicht so verkniffen. Nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt. Das will die neue Union sein. Näher dran an den Bürgern. So wie die bislang bei allen Landtagswahlen seit 1990 erfolgreiche SPD. „Wir möchten Kandidaten, die verwurzelt sind“, sagt Anja Heinrich. „Die untere Ebene wurde in der CDU stiefmütterlich behandelt. Wir müssen aber auch in den Dörfern verankert sein.“

So wie sie selbst. Anja Heinrich ist auf dem Dorf groß geworden und engagiert sich in ihrer Region. Zur Politik ist die Brandenburgerin auf Umwegen gekommen. Aufgewachsen ist Anja Heinrich in Hohenleipisch nahe Elsterwerda. Die Mutter – CDU-Mitglied und evangelisch – leitete das Bauamt. Der Vater war Berufsschullehrer und Jäger. Zwei Schwestern, Anja Heinrich war die Nachzüglerin. „Die Arbeit auf dem Feld gehörte für die Jugendlichen auf dem Land zum Alltag“, sagt sie.

Nach dem Abitur studierte Heinrich bis 1995 im hessischen Fulda Sozialwesen, Schwerpunkt Psychologie. Die Tochter Maxie-Lorraine kam zur Welt, zwei Jahre später Sohn Jan Philipp. „Es war nicht leicht“, erinnert sich Anja Heinrich. Sie zog die Kinder allein groß, lebte zweieinhalb Jahre lang von Sozialhilfe. 1998 fand sie einen festen Job. Zwölf Jahre arbeitete die Diplom-Sozialpädagogin bei der Diakonie. Zuletzt als Geschäftsführerin der Sozialstation Ambulante Pflege Doberlug-Kirchhain.

„Es ist ein großes Pfund, schwierige Zeiten selbst erlebt zu haben“, sagt Anja Heinrich. „Immer noch mit Herzklopfen“ denkt sie an ihre politischen Anfänge zurück. 1998 kandidierte sie erstmals für die Gemeindevertretung in ihrem Heimatort. Im Herbst 2000 trat sie in die CDU ein, 2003 wurde sie in das Stadt-„Parlament“ Elsterwerda gewählt – und übernahm den Vorsitz. „Ich hatte totalen Bammel vor dieser Aufgabe“, sagt sie. Die Kinder saßen manchmal hinten im Saal, mit Malzeug. „Ich sagte ihnen, sie dürften ja nicht zu mir nach vorne kommen.“ Da sah sie, wie ihr Jüngster, damals sechs, in der Einwohnerfragestunde auf das Mikrofon zusteuerte. Er fragte: „Mama, kann ich jetzt aufs Klo?“

Solche Geschichten erzählt Anja Heinrich gern. Wie auch die von der ersten Urlaubsreise mit den Kindern. 2010, da war sie gerade einmal ein paar Monate Abgeordnete des Landtags. „Ich fuhr mit den Kindern im Auto nach Italien. In der Nähe von Siena sagte unser Navi: Sie sind am Ziel.“ Alle stiegen aus, holten das Gepäck. Es dauerte ein Weilchen, bis sie begriffen, dass die zwei älteren Herrschaften auf dem Hof gar nicht die Gastgeber waren. „Wir waren falsch“, sagt Anja Heinrich. Oder ihr 35. Geburtstag. „Ich feierte mit Freunden im Garten“, erinnert sie sich. „Plötzlich sagte ein gleichaltriger Bekannter: „Ich werde nächstes Jahr 35.“ Sie war also ein Jahr zu früh dran. „Wenn ich einen Fehler mache, dann richtig“, sagt Anja Heinrich. Als Generalsekretärin hat sie offenbar noch keine großen Fehler gemacht. Der Parteitag hat die nach Regionen austarierte Landes-Kandidatenliste für die Landtagswahl abgesegnet. In der Union herrscht neuerdings Frieden. Optimismus zog ein. Auch bei Anja Heinrich.

In den vergangenen viereinhalb Jahren hat sich ihr Leben ziemlich umgekrempelt. Aus der alleinerziehenden Mutter, die sich wegen der Schulden beim Hausbau mit einem privaten Kredit ihren Wahlkampf finanzieren musste, wurde eine erfolgreiche Politikerin.

Mittlerweile hat Anja Heinrich auch privat ihr Glück gefunden. Sie ist mit Christian Jaschinski verheiratet, Landrat in Elbe-Elster. „Wir kannten uns schon mit 14“, sagt sie. „Und haben uns nach 20 Jahren in der CDU wiedergetroffen.“ Der Politiker trennte sich von seiner Frau und heißt nun Christian „Heinrich-Jaschinski“. Der Doppelname – ein Hochzeitsgeschenk.

Nachts Tiere befreit

Zur Familie gehört auch Hündin Hermine. Früher war Anja Heinrich nachts losgezogen – und befreite mit dem Bolzenschneider Tiere. „Mal waren es Schafe, mal Hunde, die der Besitzer vernachlässigt hat.“ Während sie all das erzählt, in ihrem kleinen Landtagsbüro, kommt Fraktions- und Landeschef Schierack hektisch herein. „Anja, ich brauch dich dringend.“ Sie guckt ihn lächelnd an. „Jetzt nicht. Bitte später.“ Sehr freundlich, aber auch sehr bestimmt.