Ein steiniger Weg

Nurit Ashkenazi und ihre Cousine Gaby Ert feiern mit Nachbarn die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Familienangehörigen

Nurit Ashkenazi steht vor dem Haus an der Handjerystraße 29 in Friedenau. Dort, wo einst der Bruder ihres Großvaters Leo Ert mit seiner Familie lebte, bevor sie ermordet wurde. Es ist ein bedeutsamer Tag für die Frau aus Jerusalem. Das erste Mal ist sie zu Besuch im Land ihrer Großeltern. Sein Bruder Max Ert und seine Familie wurden 1943 nach Auschwitz deportiert, ihr Sohn starb in Sachsenhausen. Großvater Leo Ert, der als Berliner Bäcker für seinen Honigkuchen bekannt war und in Mitte wohnte, war bereits ein Jahr zuvor von den Nationalsozialisten mit seiner Frau in ein Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden, aus dem sie nicht mehr zurückkehrten. Das hat Nurit Ashkenazis Mutter, ihren Nachkommen berichtet. Die Muter war 1935 mit einigen ihrer Geschwister nach Palästina ausgewandert. Ihr Bruder Hans überlebte in einem Versteck in Berlin. 1944 gelang ihm die Flucht nach Mailand. Falsche Papiere retteten sein Leben. Seine Tochter Gaby Ert (66), die Cousine von Nurit Ashkenazi, ist froh, dass Nachbarn in Friedenau ihrer Familie mit Stolpersteinen vor ihren einstigen Wohnungen gedenken.

Die Enkel der Holocaust-Generation sind noch immer auf der Suche nach ihren Familienangehörigen. Menschen, die heute in der Nachbarschaft leben, helfen, das Schicksal ihrer ermordeten Verwandten aufzuklären. So wie das Nachbarschafts-Projekt „Quartier Handjerystraße“, das am Montag zusammen mit der Friedrich-Bergius-Schule eine Gedenkfeier für die einstigen Nachbarn organisierte.

Eine Familie mit Träumen

„Wir waren eine jüdische Berliner Familie, die das Leben liebte. Jeder hatte Träume und Pläne für die Zukunft. Die Männer spielten Fußball, besonders gern am Sonntag. Doch seit Ende 1933 war es unserer Familie, so wie allen anderen, nicht mehr möglich, so weiterzumachen. Wir mussten unsere Geschäfte schließen, mussten weg von den Universitäten“, berichteten die Cousinen, die mit Kindern und Enkelkindern in Berlin sind, am Montag.

Mit dem Hinweis auf die Beschmierungen von Stolpersteinen in der vergangenen Woche in Friedenau versicherte Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) in ihrer Rede während der Gedenkfeier, dass jegliche Form von Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz in der Gesellschaft keinen Platz habe. „Das bürgerschaftliche Engagement ist in Berlin groß“, so Kolat. Niemand habe gedacht, dass Friedenau auch einmal von Schmierereien betroffen sein könnte.

Rabbiner Daniel Alter bezeichnete die Steine als Zeichen gegen haßerfüllten Fanatismus. Offener und latenter Antisemitismus nehme sich inzwischen „wieder viel zu viel Raum in unserer Gesellschaft“. Emmanuel Nahshon, Gesandter der Botschaft des Staates Israel, betonte, dass er als israelischer Diplomat und Jude jedoch sicher sei, dass der eingeschlagene Weg zur Erinnerung, der mit Steinen gepflastert sei, der richtige sei.

Nurit Ashkenazy ist zum ersten Mal in Berlin, in der Stadt, die früher so viele ihrer Verwandten ihr Zuhause nannten. Vor dem Holocaust. 40.000 in die Bürgersteige einbetonierte Stolpersteine weisen in Europa auf die Schicksale von NS-Opfern hin: Mehr als 5000 Steine liegen inzwischen in Berlin. Sie erinnern an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und auch der Euthanasieopfer.

Ausfindig gemacht hat die Angehörigen der Familie Ert aus Jerusalem und Mailand das Stolperstein-Projekt „Quartier Handjerystraße“. Dort beschäftigen sich seit mehr als einem Jahr Anwohner mit dem Schicksal ihrer einstigen Nachbarn, die während des Nationalsozialismus verschleppt und getötet wurden. Die Idee dazu entstand in einem Fitnesscenter, als Bernd Lutterbeck und Jana Marx während des Sports beschlossen, dass sie ihren in der Nazi-Zeit verschwundenen Mitbürgern aus der Handjerystraße mit einem Stolperstein gedenken wollten. Viele der Aktiven sind bereits in Rente. Einmal im Monat trafen sie sich. Sie werteten beispielsweise Berliner Adressbücher aus, forschten im Haus der Wannseekonferenz, im Schöneberger Gedenkbuch der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, im Bundesarchiv in Lichterfelde, wo die Unterlagen der Volkszählung von 1939 liegen und auch im Wiedergutmachungsamt am Fehrbelliner Platz.

Eine von ihnen ist Flérida Regueira Cortizo. Sie setzte alle Hebel in Bewegung, um etwas über die Familie Ert herauszubekommen. Sie recherchierte im Internet, bei der Jüdischen Gemeinde und in Archiven wie dem von Yad Vashem in Jerusalem, wo in den „Pages of Testimony“ die Lebens- und Todesdaten von Opfern verzeichnet sind, teilweise mit Adressen ihrer überlebenden Familienangehörigen. Über Facebook recherchierte sie auch in Australien und Brasilien. Aber nur eine der vielen per Brief angeschriebenen Familien antwortete. Es war jemand, der mittlerweile unter der von Jedida Shilos (der Mutter von Nurit Ashkenazi) angegeben Adresse in Israel wohnt, weil sie verstorben ist. Er fand die Initiative der Friedenauer aus der Handjerystraße toll und versprach, sich auf die Suche nach Verwandten seiner Wohnungs-Vorgängerin zu machen. „Er hat uns dann mit der Tochter, Nurit Askkenazi, zusammengebracht“, freut sich Flérida Regueira Cortizo, gebürtige Brasilianerin, die seit 18 Jahren in Berlin wohnt und eine der rund 30 Mitglieder beim Handjerystraßen-Projekt ist.

Ein Jahr Recherche

Die Gedenkfeier am Montag in der Bergius-Schule war der Höhepunkt der mehr als einjährigen Recherchearbeit. In einer Broschüre wurden alle Informationen zusammengetragen, auch die der anderen Opfer, für die Steine verlegt wurden. Die Broschüre wird nicht nur Unterstützern des Projekts wie der Axel Springer Stiftung und der Botschaft zur Verfügung gestellt, sondern auch Schülern der Bergius-Schule. Sie haben die Patenschaft für die Steine übernommen. „Der Blick in die Vergangenheit ist unverzichtbar. Er darf aber die Zukunft nicht verbauen“, betont Projektsprecher Bernd Lutterbeck. Weil den Schülern die Zukunft gehört, hatten sie bei der Feier das erste und letzte Wort. Begrüßt hatten sie die Gäste mit dem Lied „Shalom Chaverim“ (Verleih uns Frieden).

Initiator des Projekts „Stolpersteine“ ist der Kölner Künstler Gunter Demnig. Es gilt inzwischen als größtes dezentrales Denkmal der Welt. Alleine würde er diese große Aufgabe schon längst nicht mehr stemmen können. Auch hinter den 22 Stolpersteinen in der Handjerystraße stehen engagierte Helfer und private Spender. Um die ausgelöschten Biografien der Ermordeten während des Nationalsozialismus zu recherchieren, haben sich die Anwohner die Arbeit aufgeteilt. Bei ihrer Forschung stießen sie auch auf ein positives Beispiel. Im inzwischen abgerissenen Haus des damaligen Missionswerkes an der Handjerystraße 19–20A hatten Juden Zuflucht gefunden, Fluchtwege wurden organisiert. Als Teil der Bekennenden Kirche hatte die Gossner-Mission Widerstand geleistet. Eine Stolperschwelle (sie ist größer als ein Stolperstein) erinnert jetzt daran.

Bereits vor fünf Jahren hatte die Stolperstein-Initiative Stierstraße ihre Arbeit aufgenommen. Dort liegen 54 Steine vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der einstigen Bewohner. Damit die Erinnerung an sie wach bleibt, berichtet Petra Fritsche in Schulen und der Philippusgemeinde über das Stolpersteinprojekt Stierstraße. Auch in Charlottenburg werden jährlich bis zu 450 Stolpersteine verlegt. Am Montag wurden vor dem Wohnhaus des Außenministers Guido Westerwelle (FPD) in Charlottenburg vier Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Martin und Margarete Gumpert sowie an Alfred und Paula Wachsner – zwei Ehepaare, die 1942 verschleppt und ermordet wurden.