Ein Panzer entpuppt sich als aufgeblasenes Leichtgewicht, der nächste besteht aus täuschend echt wirkenden Spezialplanen aus High-Tech-Gewebe, die von einem Gerüst auf einen Lkw getragen werden.

"Es ist nicht immer das, wonach es aussieht", kommentiert Bundeswehr-Hauptmann Stephan Meister schmunzelnd. Der 30-Jährige ist Dienststellenleiter des Storkower Technologiestützpunktes "Tarnen und Täuschen", einmalig in der Bundeswehr und der Nato, spezialisiert auf den militärischen Attrappenbau - und mit einem Chamäleon als Wappentier. Neun zivile Mitarbeiter und ebenso viele Armeeangehörige erfinden und erproben dort sogenannte Tarn- und Täuschungsmittel. "Wir verfolgen dabei in etwa die Philosophie des Trojanischen Pferdes", sagt der Dienststellenleiter: Attrappen sollen den Gegner in die Irre führen.

Das war schon zu DDR-Zeiten so, als Tüftler der NVA in Storkow für die Armeen des Warschauer Paktes im Einsatz waren. "Damals ging es vor allem darum, der jeweils anderen Seite mittels der unechten Waffensysteme eine militärische Übermacht vorzugaukeln", erzählt Hauptmann Meister. Stoffpanzer wurden auf Trabant-Fahrgestelle montiert, Scud-Raketen entstanden in Originalgröße aus Kunststoff, täuschend echt aussehende Soldaten-Puppen wurden auf Schlitten bewegt. Als Bundeswehr-Angehörige den Standort nach der Wende besichtigten, staunten sie nicht schlecht über die vielen "Pappkameraden" der Ost-Streitkräfte.

Um sich dieses Wissen zu sichern, setzte die Bundeswehr auf den Erhalt dieses besonderen Armeestützpunktes, der jetzt zum Ausbildungszentrum der Heeresaufklärungstruppe im niedersächsischen Munster gehört. Die meisten der zivilen Spezialisten sind bereits seit mehreren Jahrzehnten mit dem Attrappenbau beschäftigt. Aber wichtiger noch als das Täuschen ist inzwischen das Tarnen geworden, sagt der Dienststellenleiter.

Alles zum Schutz des Soldaten

"Alles, was wir hier machen, dient dem Schutz des Soldaten - nicht nur mit Panzerstahl, sondern mit Ideen, die dem Gegner die Aufklärung mittels Radar oder Infrarot erschwert", erklärt Thomas Kolatzki vom Ausbildungszentrum Munster. "Veränderung der Signatur" oder auch "elektronischer Kampf" heißt das bei den Spezialisten. Jedes benutzte militärische Gerät und jeder Soldat strahlt Wärme ab - dadurch sind sie vom Gegner beispielsweise per Wärmebildkamera oder Infrarot-Fernglas schon aus großer Entfernung auszumachen. Diese "Signaturen" werden von den Storkower Attrappen vorgetäuscht: So ist eine Soldatenpuppe ebenso beheizbar wie eine Panzerattrappe. Im Ernstfall können diese Attrappen gegnerisches Feuer provozieren oder gar abschrecken und die Verluste an echtem Militärgerät in Grenzen halten.

Andererseits untersuchen die Storkower Spezialisten, welche Tarnmaterialien geeignet sind, die Wärmeabstrahlung von echtem Militärgerät einzudämmen. Oder Signaturen so zu verändern, dass beispielsweise Panzer nicht mehr als Panzer zu erkennen sind. Jüngste unkomplizierte "Erfindung" sind aufblasbare Tarnmatratzen und -anzüge, die mit kalter Luft gefüllt werden.

Außerdem tüfteln die Storkower derzeit an speziellen Schutzausstattungen für Militärfahrzeuge, mit denen sich ausgelegte und fernzuzündende Sprengfallen sperren lassen. In Afghanistan hat es in letzter Zeit etliche Anschläge dieser Art auf die Bundeswehr gegeben.

Neue Tarn- und Täuschmittel werden in Storkow nicht nur entwickelt und erprobt. Es gibt für Bundeswehr-Angehörige auch spezielle Lehrgänge und Schulungen zur richtigen Anwendung, speziell für Soldaten vor dem Auslandseinsatz. Für eine realistische Vorbereitung entwickelten die Storkower Experten täuschend echt wirkende Imitate gängiger Minen, die mit Suchgeräten wie ihre echten Vorbilder zu orten sind. "Die Soldaten erlernen bei uns oder an verschiedenen Heeresschulen der Bundeswehr das Entdecken und Räumen der Minen", sagt Hauptmann Meister.

Auf einem Sonderübungsplatz befindet sich in Storkow ein ganzer Parcours täuschend echt aussehender Panzer, Gefechtsstellungen und einfach zu bauender Deckungen, an denen trainiert wird.