Verkehr

Berlin will Pendler aufs Fahrrad bringen

In Paris, Wien oder Stockholm gibt es sie schon lange: Preisgünstige Mietfahrräder, die gleich neben den Stationen der Metro oder Hochbahn stehen. Sie sind nicht nur für Touristen, sondern auch für viele Berufspendler ein guter Grund, nicht das Auto für Fahrten in die Innenstadt zu nutzen.

Stattdessen wird das Kfz am Stadtrand auf einem möglichst kostenfreien Park-and-Ride-Platz stehen gelassen und mit der Bahn weitergefahren. Die letzten Meter zur Arbeitsstelle oder zum Treff in der Innenstadt werden dann mit dem "vélo" (Paris) oder mit einem "Citybike" (Wien) zurückgelegt.

Fahrräder für Bus- und Bahnnutzer

Nun will endlich auch Berlin ein preisgünstiges und einfach zu handhabendes Mietfahrradsystem einführen. Einen entsprechenden Pilotversuch kündigte am Mittwoch Verkehrsstaatssekretärin Maria Krautzberger noch für dieses Frühjahr an. Partner des vom Bund geförderten Vorhabens ist DB Rent. Die Bahn-Tochter unterhält bereits das kommerzielle System Call-a-bike. Die Nutzung der rot-silberfarbenen Mietfahrräder, die nur in der Sommersaison im Einsatz sind, ist allerdings nicht ganz billig, zudem ist eine vorherige namentliche Registrierung beim Unternehmen erforderlich. Die Zahl der Nutzer hält sich daher bislang in Grenzen.

Staatssekretärin Krautzberger versprach nun eine Lösung, die besonders für die regelmäßigen Nutzer von Bussen und Bahnen attraktiv sein soll. "Berlin ist eine ideale Stadt für die Kombination von Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln", so Krautzberger. Sie verwies dazu auf die Veränderungen im Mobilitätsverhalten der Berliner in den vergangenen Jahren. Danach hat sich der Anteil der Wege, die innerhalb Berlins zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, von 35 Prozent im Jahr 1998 auf 43 Prozent im Jahr 2008 erhöht. Tendenz: weiter steigend. Gleichzeitig sank der Anteil des motorisierten Individualverkehrs von 38 auf 32 Prozent. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Fahrten innerhalb der Stadt und Fahrten, die nach Berlin hinein oder wieder hinaus ins Umland erfolgen. Diese Wege werden noch zu 62 Prozent mit dem eigenen Auto und nur zu 36 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Rad zurückgelegt. Berlins oberster Verkehrsplaner Friedemann Kunst sieht da noch erhebliche Potenziale, die Berufspendler zum Verzicht auf Fahrten mit dem Auto zu bewegen.

Ein Weg wird von Berlin in Zusammenarbeit mit den Verkehrsunternehmen bereits seit einigen Jahren beschritten: der kontinuierliche Ausbau der Infrastruktur für Fahrradfahrer. Nach der am Dienstag vorgestellten Übersicht "Mobilität der Stadt - Berliner Verkehr in Zahlen" gibt es in der Stadt inzwischen 650 Kilometer Radwege, 125 Kilometer Radfahrstreifen auf Fahrbahnen sowie auf 100 Kilometer Länge gemeinsame Geh- und Radwege (Stand 2009). Zudem gibt es elf sogenannte Fahrradstraßen, auf denen Autos nur ausnahmsweise fahren dürfen, auf 250 von 800 Einbahnstraßen in Berlin dürfen Radfahrer auch entgegen der Fahrtrichtung fahren. Ausgebaut wurde zudem die Zahl der Stellplätze für Fahrräder an den Übergängen zum öffentlichen Nahverkehr. Der Senat verweist auf insgesamt 18 800 Stellplätze an S-Bahnhöfen und weiteren 7800 an U-Bahnhöfen.

Die Zahl der Stellplätze soll weiter erhöht werden, denn nach dem Willen der Verkehrsunternehmen sollen Radfahrer ihre Fahrräder möglichst nicht mitnehmen. BVG und S-Bahn sind - entgegen offiziellen Bekundungen - nicht allzu sehr daran interessiert, Räder mitzunehmen. Dort stören sie andere Mitreisende und nehmen Platz in den Abteilen in Anspruch. "Ein Fahrradfahrer verstellt mit seinem Rad drei Sitzplätze", so die Rechnung der S-Bahn. Die BVG nimmt in ihren Bussen überhaupt keine Räder mit, bei der Straßenbahn bietet sie nur in neueren Fahrzeugen spezielle Abteile für Fahrräder, und selbst in der U-Bahn hat sie nur wenig Platz für Räder.

"Am häufigsten nehmen Radfahrer ihre Fahrräder in der S-Bahn mit", sagt Verkehrsplaner Kunst. Nach seinen Angaben sind es immerhin 60 000 Fahrten pro Tag. Doch die S-Bahn-Krise trifft gerade auch diese Fahrgäste. Denn wenn die S-Bahn aufgrund des Wagenmangels ihre Züge verkürzt, stehen den Radfahrern nur noch zwei oder drei statt der bei einem sogenannten Vollzug üblichen vier Mehrzweckabteile zur Verfügung. Um die Fahrradmitnahmen unattraktiver werden zu lassen, haben BVG und S-Bahn eine überproportionale Preiserhöhung durchgesetzt. Seit dem 1. Januar kostet Pendler aus dem Berliner Umland die Fahrradmitnahme monatlich 18 Euro statt zuvor 15,50 Euro (Tarifzone ABC), die er zusätzlich zu seiner Monatskarte bezahlen muss.