Berliner Rocker entdecken das Umland

Rockergruppen fassen in Brandenburg immer mehr Fuß: Am Wochenende hat in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) eine Massenveranstaltung des Motorradclubs (MC) Bandidos stattgefunden.

Lauchhammer Rockergruppen fassen in Brandenburg immer mehr Fuß: Am Wochenende hat in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) eine Massenveranstaltung des Motorradclubs (MC) Bandidos stattgefunden. Die Polizei kontrollierte mehr als 1000 Fahrzeuge und sprach von einer "guten Zusammenarbeit mit dem Veranstalter". Bei der Berliner Polizei und Teilen ihrer Brandenburger Kollegen stößt dieses Verhalten der märkischen Sicherheitsbehörde im Umgang mit Rockerkriminalität auf Unverständnis: Während sich in der Hauptstadt MCs wie Bandidos, Gremium oder Hells Angels nicht ungestört in größeren Gruppen treffen können, ist in Brandenburg offenbar alles möglich. Wegen des starken Verfolgungsdrucks in Berlin hat sich die Hauptstadt-Rockerszene in das Umland und entferntere Regionen verlagert. Sie kann dort offenbar ungehindert agieren - so wie am Wochenende in Lauchhammer.

Brisante Sicherheitslage

Aus dem Internet erfuhren Polizisten des Schutzbereiches Oberspreewald-Lausitz, dass in Lauchhammer-West vom 20. bis 22. Oktober eine sogenannte "Patch-over-Party" im Clubhaus der Bandidos an der Berliner Straße stattfindet. Bei einem sogenannten Patch-over kommt es zu einem Wechsel der Vereinsfarben; ein Club tritt zu einem anderen über. Hintergrund des Wechsels war, dass sich die Bandidos Cottbus bis Juli zum MC Gremium als sogenanntes Full-Chapter, als eine vollwertige Gruppe des bundesweiten Clubs, zugehörig sahen. Doch dann wurden sie zum Anwärter-Club herabgestuft; kurzum wechselten sie zu den Bandidos.

Die Rocker in Lauchhammer hingegen waren bis Juli als Calavera MC, einem Unterstützer-Club der Bandidos bekannt. Seit dem Wochenende firmieren die beiden MCs nun offiziell unter dem Namen Bandidos. Innerhalb der Gruppe wurde diese Veranstaltung für alle Rocker als Termin mit "Anwesenheits- und Übernachtungspflicht" deklariert. Nach Erkenntnissen der Polizei könnte nun eine Aufstufung des Bandidos-Chapters stattfinden. Aus dem Anwärter-Club wird schließlich ein vollwertiger Club - mit brisanten Folgen für die Brandenburger Sicherheitslage.

Kriminelle Szene

In Cottbus rivalisieren die Hells Angels mit den Bandidos. Die Patch-over-Party war bei den Hells Angels seit Wochen ein Thema. In Polizeipapieren heißt es dazu: "Da auch dort von einer vorzeitigen Heraufstufung der offen als verfeindet bezeichneten Bandidos ausgegangen wird, wurde offensichtlich beschlossen, die Bandidos bei jeder Gelegenheit gewalttätig zu bekämpfen." Der Präsident der Bandidos in Cottbus sei bereits von Hells Angels durch die Stadt gejagt worden. Sollte am Sonnabend eine Aufwertung der Bandidos stattgefunden haben, sei laut Polizei damit zu rechnen, dass auch die Hells Angels in Cottbus zu einen vollwertigem Club ernannt werden. "Die sich daraus ableitenden Konsequenzen für die Sicherheitslage sind als brisant einzuschätzen", heißt es in internen Polizei-Papieren. Szenekundige Brandenburger Beamte warnen vor einer Eskalation: Zwischen Hells Angels und dem Gremium MC habe es bislang Waffenstillstand gegeben. Man einigte sich friedlich über beanspruchte Bordelle, Discos, Tattoo-Studios und Sicherheitsunternehmen. Die Gründung und Etablierung eines Bandidos MC in der Region "dürfte auf Grund von vorliegenden Erkenntnissen und Erfahrungen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen", heißt es in internen Unterlagen.

"In Brandenburg hat sich eine kriminelle Rockerszene etabliert. Während die Polizei in Berlin rigoros gegen diese Gruppen vorgeht, hält sich unser Landeskriminalamt zurück", ärgert sich ein Ermittler aus dem Umfeld der Sonderkommission "Gewalt" in Cottbus. Organisierte Rockerkriminalität - für die das LKA zuständig ist - sei im Land dabei, größere Strukturen aufzubauen. Im LKA schätzt man die Situation anders ein: "Es gibt Kriterien des Bundeskriminalamtes, die genau bestimmen, was organisierte Kriminalität (OK) ausmacht. In Bezug auf Rocker sind uns nach mehrmaliger und ausführlicher Beurteilung keine diesbezüglichen Anhaltspunkte bekannt", sagte Behörden-Sprecher Toralf Reinhardt. Ein LKA-Beamter schüttelt dagegen den Kopf: "In Potsdam werden bereits Diskotheken von Hells-Angels-Männern bewacht. Die Szene streckt ihre Fühler Richtung Wirtschaft und Politik aus. Vor der Tür des Innenministeriums entsteht organisierte Kriminalität, und niemand rührt sich."