Elstal - Gleich nach der Ankunft ging es in den Ginster: Vier Wisentbullen eroberten gestern ihr neues Revier in "Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide". Die Heinz-Sielmann-Stiftung hatte den früheren Truppenübungsplatz bei Elstal (Havelland) 2004 übernommen und schafft dort ein Schutzgebiet für seltene Tiere und Pflanzen. Zunächst müssen die Urwildrinder mit einer 50 Hektar großen "Eingewöhnungszone" vorliebnehmen. Dort werden sie noch tierpflegerisch von den Mitarbeitern der gemeinnützigen Sielmanns Naturlandschaft-GmbH betreut. Später werden die Bullen in die nahezu freie Wildbahn entlassen: in eine 2000 Hektar große "Wildnis-Kernzone".
Die Vorsitzende des Stiftungsrates, Inge Sielmann, nannte das gestrige Ereignis einen "Meilenstein in der Entwicklung unseres Naturschutz-Großprojektes". Im Frühsommer 2006 wurde in der Döberitzer Heide bereits ein Schaugehege für die vor 250 Jahren in Deutschland in freier Natur ausgestorbenen Wisente eröffnet; im vergangenen Jahr gab es ersten Nachwuchs.
In der umzäunten Wildnis-Kernzone sollen neben den bis zu 1000 Kilo schweren Wisenten auch Przewalski-Wildpferde und Rotwild leben. Die Herden sollen das Gelände vor dem Zuwuchern bewahren - durch großen Hunger auf Grünzeug und fleißiges Hufescharren. "Es geht um den Erhalt einer sogenannten halboffenen Landschaft", sagte Stiftungsvorstand Walter Stelte. Diese dient vor allem dem Ziel, die Artenvielfalt durch das Mosaik aus Heide, Wald und Wiese maximal zu schützen. 5000 Pflanzen- und Tierarten haben die Biologen auf dem Gelände schon entdeckt. Unter anderem kommen dort Seeadler und Fischotter vor, aber auch gefährdete Pflanzenarten wie der Lungenenzian und das Sumpfknabenkraut. Bereits jetzt sind Döberitzer Heide und das westlich gelegene Ferbitzer Bruch als offizielle Naturschutzgebiete ausgewiesen.
Das gesamte Sielmann-Projekt hat Modellcharakter. Denn ob die Kombination der drei Tierarten den gewünschten Effekt bringt, ist noch ungewiss. Dass Wisente richtig zulangen können, steht indes fest. "40 Kilogramm Grünmasse schaffen die locker am Tag", meinte Lothar Lankow. Er leitet seit 2004 gemeinsam mit einem Kollegen als Geschäftsführer das Großprojekt.
Die Freiheit, die die Wildtiere gewinnen, hat auch ihre Grenzen. Sie werden künftig hinter einem dreifachen Zaun plus Stromdraht leben. Lankow spricht von einem notwendigen Schutz - auch damit die Tiere nicht auf die nahe gelegene Autobahn geraten.
Trotzdem soll das Sielmann-Projekt den Menschen nicht völlig außen vor lassen. Besucher sollen das Großgehege umwandern können. Es wird ein Rundweg angelegt - jedoch unter Verzicht auf Asphalt. "Mein Mann wollte, dass besonders Besucher aus Berlin die Natur genießen können, Sand, Äste und Steinchen unter der Schuhsohle spüren", sagte Inge Sielmann. Die Witwe von Tierfilmer und -forscher Heinz Sielmann setzt die Arbeit ihres 2006 verstorbenen Mannes fort. "Die Wisent-Freilassung sah auf dem Ablaufplan noch so nüchtern aus. Nun bin ich doch sehr berührt", bekannte sie gestern.
Die Umwidmung der Döberitzer Heide verschlingt natürlich viel Geld. Seit 2004 hat die Sielmann-Stiftung jährlich rund eine Million Euro investiert. Besonders mühsam ist die Suche nach Munitionsresten und Blindgängern. Das Gelände diente seit 1713 als Truppenübungsplatz - zunächst der preußischen, dann der kaiserlichen Armee, später den Nationalsozialisten, dann der Roten Armee.
Mit Schaugehege und Besucherempfang ist in Elstal schon Neues entstanden. Ein Natur-Camp und andere Formen des "sanften Tourismus" sollen hinzukommen. Auch die umliegenden Gemeinden sollen profitieren. "Naturschutz und Pflege der Kulturlandschaft gehört zusammen", sagte Stiftungsvorstand Stelte. Er will auch zeigen, dass nicht nur der Schutz des Regenwaldes dem Klima nützt: "Auch solche Landschaften können jede Menge Kohlendioxid aufsaugen."


