Die letzte Frage: Ryan Reynolds, Schauspieler

Wie lebt man so als Promi, Herr Reynolds?

Ryan Reynolds ist im Interviewstress. Denn der 38-Jährige ist derzeit mit zu vielen Filmen präsent. Am 30. April kommt er mit der schwarzen Komödie „The Voices” in die Kinos, einen guten Monat später folgt schon „Die Frau in Gold” – die wahre Geschichte über die Restitution legendärer Klimt-Gemälde. Und zu jedem dieser Projekte führt er Gespräche. Erstmal ruft er aus New York an; eine Woche später trifft man sich dann zum nächsten Anlass in Berlin. Doch der Kanadier ist viel zu entspannt und charmant, um sich dieses Hin und Her anmerken zu lassen. Denn seine wilden Zeiten hat er längst hinter sich gebracht.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Sie drehten Ihren Film „The Voices” in Babelsberg. Wie war es, Bekanntschaft mit Deutschland zu schließen?

Ryan Reynolds:

Ich hatte das schon längst vorher getan. Mein Bruder ist mit einer Deutschen verheiratet. Ich bin auf vielen Motorradtouren durchs Land gefahren – mit meinem Bruder war ich im letzten August in Bayern unterwegs. Deutschland ist fast so etwas wie eine zweite Heimat für mich.

Und es gibt nichts, was Sie an dem Land stört?

Auch wenn das jetzt für Ihr Interview interessant wäre, mir fällt absolut nichts ein. Auch der Dreh in Berlin war traumhaft. Ich wünschte, mehr Filme würden in Babelsberg gedreht.

Wobei Sie während des Drehs in einer ziemlich seltsamen Stimmung gewesen sein dürften. Wie fühlt man sich, wenn man einen Serienkiller spielt, der gleichzeitig ein netter, wenn auch verklemmter junger Mann ist?

Ich habe einfach nicht zu viel über meine Stimmung nachgedacht, sondern versuchte ihn so zu spielen, dass man sich auch mit ihm identifizieren kann. Aber den nettesten Serientäter aller Zeiten zu porträtieren und dann auch noch eine komische Atmosphäre zu schaffen, das war schon eine enorme Herausforderung.

Die Regisseurin Marjane Satrapi meinte, dass in Ihnen aber auch die Seele eines gefährlichen Wolfs schlummert. Sehen Sie das auch so?

Oh ja, da hat sie Recht. Ich kann schon andere Seiten aufziehen.

Wann werden Sie zum Wolf?

Wenn ich jemand schützen muss. Mein Kind, meine Frau, meine Familie per se und meine Freunde.

Wann passiert das? Wenn die Fotografen zu lästig werden? Immerhin ist ja Ihre Frau Blake Lively auch ein prominenter Star.

Von denen versuche ich mir, mein Leben nicht verderben zu lassen. Wenn ich mir den Kopf zerbreche, ob ich in den Supermarkt oder ins Kino gehen soll, weil vielleicht ein Typ Fotos von meiner Frau und mir schießt, dann haben die schon gewonnen. Wir gehen eben nicht in sogenannte In-Lokale, vor denen sich viele Paparazzi herumtreiben. Lästiger ist es, wenn sie vor unserem Haus auftauchen. Ich laufe dann sicher nicht direkt vor ihre Linse, aber das heißt nicht, dass ich mich deshalb hinter der Mülltonne verstecke.

Es gibt ja auch noch angenehmere Themen. Zum Schluss von „The Voices“ singen Sie den „Happy Song“...

Erinnern Sie mich bloß daran nicht. Es dauerte nach dem Dreh Monate, bis ich den wieder aus meinem Kopf draußen hatte.

Aber was macht Sie denn glücklich?

Wenn ich zuhause bin. Das ist nicht so sentimental gemeint, wie das vielleicht klingt. Aber ich bin einfach zu viel unterwegs.

Sie drehen einfach ziemlich viel. Aktuell steht die Comicverfilmung „Deadpool” an, demnächst startet der Film „Die Frau in Gold”, mit dem Sie auf der Berlinale Premiere feierten ...

Ich hatte zum Glück zwischendrin auch Pause. Aber ich wollte eben den Lauf meiner Karriere ändern. Größere Filme passen nicht unbedingt zu mir. Auch ein „Deadpool” ist vom Umfang her sehr bescheiden, damit wir die Freiheit haben, das zu tun, was uns gefällt. Was mich interessiert, sind die Rollen und die Filmemacher. Ich habe inzwischen begriffen, dass Film das Medium eines Regisseurs ist. Und daher versuche ich, mit den Meistern des Fachs zusammenzuarbeiten, egal ob ich nun eine kleine oder eine große Rolle habe. Einen „The Voices” habe ich vor allem deshalb gemacht, weil ich wusste, dass das Thema bei Marjane Satrapi in den richtigen Händen ist.

Bedeutet Ihnen kommerzieller Erfolg denn etwas? Sie hatten große Flops wie „Green Lantern” zu verbuchen, aber auch Hitkomödien wie „Selbst ist die Braut”.

Kommerzielle Aspekte sind mir nicht wichtig. Ich habe nie einen kommerziellen Film gedreht, wo ich dachte: Wow, ist das toll. Es gab Erfahrungen bei solchen Großproduktionen, wo ich mich mit meinen Co-Darstellern und der Crew super verstanden habe, aber kreativ gab’s da nicht viel Befriedigung. Als ich „Selbst ist die Braut” drehte, da sagte ich mir: „Das macht so viel Spaß. Den ganzen Tag lang lache ich zusammen mit Sandra Bullock ab und verbringe die Zeit mit Leuten, die ich liebe und bewundere, aber bahnbrechendes Kino ist das sicher nicht, was wir hier machen.”

Wollen Sie, dass Ihre Tochter mal stolz auf Ihre Filme ist?

Natürlich. Wobei sie einen Film wie „The Voices” ganz lange nicht zu sehen bekommt. Aber ich habe sowieso den leisen Verdacht, dass sie sich gar nicht hinsetzen und diese ganzen Filme anschauen wird. Ein paar vielleicht. Und die Maßstäbe von Kindern sind ganz anders. Sie können gegen „Green Lantern” sagen, was Sie wollen. Wenn ein Fünfjähriger so was sieht, dann hält der mich für eine Art Gott. Das habe ich bei meinen Nichten und Neffen gesehen. Wenn Onkel Ryan zu Besuch kommt, dann sind ihre Eltern erstmal für sie gestorben.

Oder wäre es Ihnen lieber, wenn sich Ihre Tochter nicht mit modernen Medien beschäftigt?

Da müssen wir eine Mischung finden. Ich habe gelesen, dass Kinder von heute besser lernen, wenn sie dabei multitasken können, anstatt sich auf eine einzigen Text zu konzentrieren. Sie soll sicher nicht in die Welt hinausgehen, ohne zu wissen, wofür ihre Eltern gut sind. Sie soll einfach alles beherrschen. Wobei ich kein iPad am Essenstisch möchte. Du brauchst Zeit miteinander, wo du dich mit deiner Familie unterhältst und zu verstehen versuchst, wie der andere drauf ist.

Wie waren Sie selbst als Kind drauf?

Furchtbar. Bis ich 18 war, war ich der reinste Erwachsenenschreck. Ständig habe ich Streiche gespielt.

Was haben Sie noch alles gemacht?

Das möchte ich jetzt lieber nicht im Detail erzählen. Sagen wir so, ich hoffe, das ist alles verjährt. Denn für manche Sachen hätte ich verhaftet werden können. Aber eines Tages muss ich wohl dafür büßen. Deshalb ich große Angst, dass ich einmal Söhne haben werde, denn die werden sicher genau wie ich. Und dann kommt der Tag der Abrechnung.

Sie haben drei Brüder. Waren Sie genauso schlimm wie Sie?

Ähnlich. Und weil ich der jüngste war, haben sie sich an mir ausgetobt. Aber wenn du ältere Brüder hast, dann kann das auch großartig sein. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mir mit 13 einen Ohrring zulegen wollte. Meine Brüder meinten: „Du bist tot, wenn Papa das sieht.“ Ich sagte bloß: „Mir egal.“ So ging ich mit einem Kumpel nach der Schule, um mir einen Ohrring stechen zu lassen. Aber auf dem Rückweg wurde mir klar: Beim Abendessen wird mein Vater seine Gabel herausziehen, mich in die Halsschlagader stechen, und ich werde am Tisch verbluten. – Als es dann soweit war, hörte ich tatsächlich, wie er etwas Böses vor sich hinmurmelte. Aber dann merkte ich: Er schaute gar nicht mich an, sondern meine Brüder. Jeder hatte sich das Ohr durchstechen lassen, um meinen Arsch zu retten. Das war das Beste, was ich je erlebt hatte. Und wenn ich daran denke, dann verzeihe ich ihnen alles.

Aber hatten Sie so ein schlechtes Verhältnis zu Ihrem Vater?

Ich wurde einfach in einem strengen Elternhaus groß. Und überdies ging ich auf eine katholische Schule, wo ich meine Fantasie nicht entfalten konnte. Als Kind tust du dich sehr schwer, wenn du von so viel Strukturen umgeben bist. Ich habe deshalb gegen alles rebelliert, was mit meiner Erziehung zu tun hatte. Dass ich nach Los Angeles zog, um meine Schauspielkarriere zu verfolgen, war Teil dieser Rebellion. Nachdem ich genügend dagegen aufbegehrt hatte, fühlte ich mich damit auch okay. Zu meinem Vater habe ich jetzt auch ein ganz anderes Verhältnis.

Am Schluss von „The Voices“ sehen wir Sie bei Jesus im Himmel landen. Aber diesen Glauben haben Sie dann auch abgelegt?

Ich bin sicher keine religiöse Person, wenngleich ich mich mit verschiedensten Aspekten von Spiritualität auseinandergesetzt habe. Einmal habe ich sogar eine acht Tage lange Schweigemeditation absolviert, aber das war das Extremste. Ich weiß, dass das Ganze eines Tages ein Ende hat. Dann kehre ich zu Mutter Natur zurück – sie ist für mich Gott. Was dann mit meinem Körper passiert, ist mir egal. Von mir aus kann man ihn auch auf die Müllkippe werfen.

Und wenn Sie in einem anderen Leben zurückkehren würden, welche Existenz würden Sie sich da wünschen?

Am liebsten würde ich als mein Hund wiedergeboren werden. Wenn sie ihn kennen würden, dann würden Sie wissen: Der hat das beste Leben.