Der Schädel des Gegenüber wird durch einen gezielten Schuss gespalten, Blut spritzt in alle Richtungen. Kaum geht ein Feind zu Boden, muss man sich schon um die Vernichtung des nächsten kümmern. Man läuft unter Dauerbeschuss durch verlassene Geisterstädte – wer nicht zurückschießt, verliert.
Computerspiele, bei denen man die Rolle und Perspektive eines bewaffneten Kämpfers übernimmt, sogenannte Ego-Shooter, haben einen schlechten Ruf. Gewaltverherrlichend seien sie. Dumpfe Ballerspiele, von denen man Kinder fernhalten muss. Sie würden die Spieler aggressiv machen, ja sogar gewaltbereiter. Pädagogisch wertvoll erscheint an solchen Spielen jedenfalls nichts.
So ganz stimmt das nicht. Denn Ballerspiele sind auch Strategiespiele. Ohne seinen Weg durch die virtuelle Welt zu planen, kommt man hier selten ans gewünschte Ziel. Zudem wird die Reaktionsgeschwindigkeit trainiert, eine Kombination aus einer visuellen und motorischen Leistung. „Das heißt allerdings nicht, dass man die antrainierten Fähigkeiten ohne Weiteres auch auf andere Lebensbereiche übertragen kann“, sagt Lutz Jäncke von der Universität Zürich. Der Neuropsychologe beschäftigt sich mit neuronaler Plastizität, also mit der Frage, was unser Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes bewegt und beweglich hält. Spielt man einen Ego-Shooter immer und immer wieder, verbessert sich die Reaktionsfähigkeit innerhalb des Spiels, aber nicht zwangsläufig die Reaktionsfähigkeit im Alltag.
Diese Einschränkung gilt allerdings nicht nur für Computerspiele, sondern auch für klassische und strategisch anspruchsvolle Brettspiele wie Schach. Ein professioneller Schachspieler kann in kürzester Zeit alle möglichen Spielzüge im Kopf vorhersehen. Das heißt aber nicht, dass er auch außerhalb des Schachbretts strategischer handelt als ein Schach-Anfänger. Es gebe zwar Transfereffekte, sagt der Psychologe Jäncke, „aber die sind meist eher mau“.
Es gibt allerdings Fälle, in denen man beim Spielen durchaus etwas für das Leben lernen kann.
Spiele, egal ob am Computer oder an einem Tisch, können helfen, Defizite auszugleichen, sagen Forscher. Wer Probleme mit dem Gedächtnis, der Aufmerksamkeit oder Reaktionsgeschwindigkeit hat, kann vom Spielen stärker profitieren. Auch mehr Empathie lasse sich dabei einüben, sagt Juma Al-JouJou. „Man lernt bei vielen Spielen auch, Leute lesen zu können.“ Al-JouJou verdient sein Geld allerdings als Spieleentwickler und Chef von der Firma Karma Games. Er spielt selbst seit jungen Jahren Schach. „Lügen entlarven, Stimmungen einschätzen, das gehört alles dazu“, sagt der leidenschaftliche Spieler.
Unterschiedlichste Defizite können also gezielt spielend herabgesetzt werden. Dazu bedarf es nicht einmal der eigens von Neurowissenschaftlern entwickelten virtuellen Realitäten, die oftmals in Studien eingesetzt werden. Es hat sich gezeigt, dass kommerzielle Computerspiele sogar bessere Auswirkungen haben können, da sie schlichtweg realistischere Grafiken einsetzen und damit attraktiver sind als die meisten auf wissenschaftlicher Basis aufgebauten Computerspiele. Es macht mehr Spaß, die kommerziellen Spiele zu spielen, sie werden von Probanden besser angenommen.
Der zweite Fall, in dem im Spiel erlernte Fähigkeiten verstärkt auf die Realität übertragen werden können, hat den etwas sperrigen Namen „Multidomänentraining“. Gemeint ist damit, dass der Spielaufbau dem Spielenden mehrere Fähigkeiten gleichzeitig abverlangt, um erfolgreich sein zu können. Also beispielsweise Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Selbstdisziplin.
Allerdings muss der Spielende all die geforderten Fähigkeiten auch wirklich umsetzen. Allen voran die Selbstkontrolle. Die hängt stark damit zusammen, ob man auf ein schnelles Erfolgserlebnis und Glücksgefühl im Spiel verzichten kann, um sich einen strategischen Vorteil für den weiteren Verlauf zu sichern.
„Delayed gratification“ heißt dieses Prinzip im Fachjargon: Belohnungsaufschub. Im Schach eine Figur sofort zu schlagen, nur weil man kann, ergibt im kompletten Spielverlauf meist wenig Sinn. Der kurze Glücksmoment ist schnell verflogen, wenn der Gegner dafür die nächsten zehn Züge vorn liegt.
Auch beim „Monopoly“ lohnt es sich meist, mit Ausgaben zu warten, statt sein Spielgeld gleich am Anfang zu verpulvern. Wer am Ende in der Schlossallee triumphieren will, sollte sich geduldig und kontrolliert zeigen. Zunächst vielleicht sogar Verluste hinnehmen, um später die Möglichkeit zum großen Immobilien-Coup abzupassen – das wäre der Triumph der Disziplin über die Lust.
Neurophysiologisch kann man diesen Prozess auf einen bestimmten Teil des Gehirns zurückführen: den präfrontalen Kortex, die Kontrollstation unserer Denkprozesse. Über diesen Hirnteil können wir unser Handeln bewusst steuern – und jeder hat von der Natur etwas mehr oder weniger Steuerungsgrundlage mitbekommen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Kinder, die den Belohnungsaufschub nicht beherrschen, auch als Erwachsene Probleme mit der Selbstkontrolle haben. Sie suchen schnelle Wege zum Glücksgefühl und werden unter anderem leichter drogenabhängig.
Das müsse aber nicht zwangsläufig so kommen, sagt der Neuropsychologe Lutz Jäncke. „Kinder mit wenig Selbstdisziplin brauchen vor allem eines: Erziehung.“ Was ihr präfrontaler Kortex zunächst nicht von selbst kann, kann ihnen durch Erziehung beigebracht werden. Man sollte verstärkt darauf achten, dass die Kinder verstehen, warum es sich für sie auszahlen kann, auf eine Belohnung zu warten. Zum Beispiel, indem man mit ihnen ein Spiel spielt.
Man könnte sich zum Beispiel beim „Monopoly“ neben das Kind setzen und mit ihm eine Strategie besprechen. Warum könnte es sich lohnen, nicht jede billige Straße zu kaufen, sondern zu sparen, bis man eine teure erwerben kann? Selbst ein sogenanntes Ballerspiel kann so eine Chance zum Lernen bieten. Warum hilft es, sich eine Strategie für den Weg durch das virtuelle Feindesland zu überlegen, statt um sich zu schießen?
Auch bei Erwachsenen können sich die Abläufe im präfrontalen Kortex noch verändern. Es ist nie zu spät, sich selbst zu erziehen. Dazu muss man den Hirnteil nur in Bewegung halten, etwa durch Spielen. Allerdings nicht unbedingt dasselbe Spiel wieder und wieder, bis man darin zum unschlagbaren Experten geworden ist. Das machen viele inzwischen vor allem mit sehr simplen Spielen – auf ihrem Smartphone.
Noch eine Runde „Candy Crush“ oder „Minecraft“? Die Abläufe dieser Spiele und die besten Gewinnstrategien hat man in kürzester Zeit verinnerlicht. Sobald aber eine Automatisierung im Gehirn stattfindet, hat der präfrontale Kortex kein Mitspracherecht mehr. Das passiert nicht nur bei sehr einfachen Spielen, es passiert dort nur schneller.
Daher gilt: öfter einmal etwas Neues ausprobieren, neue Regeln lernen, neue Strategien anwenden, neue Belohnungen aufschieben. Und vielleicht doch besser mal eine Schach-App herunterladen.
Es gibt natürlich andere Wege, den präfrontalen Kortex anzutreiben – doch Spielen hat den unbestrittenen Vorteil, dass es den meisten Menschen Spaß macht. „Man kann Menschen mit Spielen auch an Themen heranführen, mit denen sie sich sonst wahrscheinlich nicht befasst hätten – und es macht ihnen nicht einmal etwas aus“, sagt der Spieleentwickler Juma Al-JouJou. Er hat ein Strategie-Brettspiel zum Thema Nachhaltigkeit entwickelt. Das Spiel heißt „Green Deal“, die Spieler müssen darin wirtschaftliche Interessen gegen Aspekte der Nachhaltigkeit abwägen. Was ist besser fürs Geschäft, was besser für die Umwelt? Es gilt, als Leiter eines internationalen Konzerns Kompromisse zwischen Profit und Naturschutz zu finden. Nebenbei gibt es viel zu tun für den präfrontalen Kortex.
Abgesehen von gesteigerter Konzentrationskraft haben Spiele noch eine ganz andere, eine soziale Funktion: Sie sorgen für Gleichstellung. Egal, wie viel man verdient, wie man aussieht oder wie alt man ist – am Spieltisch oder an der Konsole muss sich jeder an dieselben Regeln halten. Über die Gewinnchancen entscheidet neben dem Glück nur, wie geübt die anderen in diesem Spiel sind.
Und man selbst kann sich, wenn es schlecht ausgeht, immer noch darin üben, ein guter Verlierer zu sein. Es ist schließlich nur ein Spiel.

