Kunstdiebstahl

...und keiner hat’s gesehen

Plötzlich ist eine Lücke an der Wand. Unbemerkt klauen Diebe 1988 ein teures Gemälde aus der Nationalgalerie. Ein Jahr später verschwinden zwei Bilder von Carl Spitzweg

Um das Millionen-Gemälde zu stehlen, brauchte der Dieb nur einen Schraubenzieher und reichlich Abgebrühtheit. Er hatte es allein auf die bemalte Kupferplatte abgesehen, kaum so groß wie ein Blatt Druckerpapier. Das Kupfer hing zwischen Leinwänden an einem gut zwei Meter langen Draht an der Wand, die Aufhängung war verschraubt. Sie zu lösen, muss Minuten gedauert haben. Als der Dieb damit fertig war, steckte er die Platte samt ihrem goldfarbenen Holzrahmen, Draht und Schraube ein. Und verschwand spurlos.

Zurück ließ der Dieb eine kahle Stelle an der Wand im Kellergeschoss der Neuen Nationalgalerie in Tiergarten. Das Museum stellte gerade Werke von Lucian Freud aus. Dem britischen Maler und Enkel des berühmten Psychoanalytikers. Die Ausstellung des als „größten lebenden Realisten“ gepriesenen Künstlers war zuvor schon in Washington, Paris und London gezeigt worden. Berlin sollte die letzte Station sein, Eintritt frei. Freud hatte 1952 seinen Freund Francis Bacon porträtiert, den ebenfalls weltberühmten irischen Maler. Öl auf Kupferplatte, in blau und grau und gelb, knapp 13x18 Zentimeter. Bacons Gesicht in Nahaufnahme, sein Blick gesenkt, die Mine zwischen melancholisch und abwesend. Zwei große Künstler vereint in einem Bild. Es gilt als Schlüsselwerk von Freuds frühem Schaffen.

Der Dieb war nicht etwa heimlich in der Nacht gekommen, er kam zur Mittagszeit. Gut 800 Besucher waren in jenen Stunden dort, an diesem Freitag, den 27. Mai 1988. Der gestohlene Freud ist nicht der einzige spektakuläre Kunstdiebstahl der 1980er-Jahre in Berlin, der bis heute ungelöst ist. Nur ein Jahr später raubten zwei Männer aus dem Charlottenburger Schloss das Gemälde „Der arme Poet“ und ein weiteres Bild von Carl Spitzweg. Aber dazu später mehr. Wie beim Spitzweg-Raub beobachtete auch in der Nationalgalerie niemand den Unbekannten, als er sich das Freud-Gemälde nahm. Niemand sah ihn hantieren. Niemandem fiel auf, dass da jemand einfach eines der Kunstwerke einpackte. Gegen 15 Uhr registrierte ein Museumsmitarbeiter plötzlich den Verlust und schlug Alarm.

Wie lang das Bild an der Wand zu diesem Zeitpunkt bereits fehlte, ist ungeklärt. Vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht drei? Die Zeugenaussagen von damals widersprechen sich in diesem Punkt. Ein Aufseher glaubte, er habe das Bild um halb drei noch gesehen, eine Museumsbesucherin will schon am Mittag die kahle Stelle bemerkt haben. Als der Diebstahl festgestellt wurde, ließ die Museumsleitung eilig alle Türen verschließen, die verbliebenen Besucher wurden durchsucht. Aber da war es schon zu spät.

Ganz gezielt war der Täter vorgegangen. Die Aufhängung abzumontieren sei nicht leicht gewesen, konstatierten die Ermittler der Polizei. Der Dieb hatte die Vorrichtung vermutlich bei einem früheren Museumsbesuch genau studiert. Das Bild war nicht mit einer Alarmanlage gesichert, wie das sonst in der Nationalgalerie durchaus schon üblich war. Die Sicherung ohne Elektronik war mit der Londoner Tate Gallery, dem Eigentümer des Gemäldes, so vereinbart gewesen. Das muss der Unbekannte gewusst haben. Und Videoüberwachung gab es 1988 keine, erst nach dem Diebstahl wurden technische und organisatorische Sicherheitsvorkehrungen in den staatlichen Berliner Museen verschärft. Der Diebstahl des Porträts war ein allzu perfektes Verbrechen. Kein Splitter und kein Fingerabdruck waren zu finden.

Nur zwei Aktenordner bei der Polizei füllt dieser Diebstahl des Bildes, dessen Maler heute zu den teuersten der Welt zählt. Die spärlichen Ermittlungsergebnisse liegen zwischen angegilbten Ordnerdeckeln auf dem Schreibtisch von René Allonge, im vierten Stock des Berliner Landeskriminalamts am Tempelhofer Damm. Allonge, 40 Jahre alt, ein Mann mit weichem Lächeln, dem das braune Haar in die Stirn fällt, ist Kriminalhauptkommissar. Er leitet die Abteilung 454 des LKA, die Abteilung Kunstdelikte. Deutschlandweit gibt es bei der Polizei nur drei solcher Einheiten, die in Berlin existiert seit den 1970er-Jahren.

„Es gab bei diesem Fall einfach keine Spuren“, sagt Allonge. Alle Ermittlungen vor 26 Jahren verliefen im Sande. Das Bild ist fort, der Täter wurde nie gefunden. Bisher jedenfalls. Immer wieder holen Allonge und seine acht Kollegen sich auch alte Fälle hervor, suchen nach Parallelen zu anderen Straftaten, vergleichen mit Vorfällen außerhalb Berlins und Deutschlands. „Gerade bei dem rätselhaften Fall des Lucian Freud ist das kriminalistische Interesse und auch die Neugier groß“, sagt Allonge. Was war das für ein Täter? Wie konnte er so leicht entkommen? Warum hatte niemand ihn beobachtet?

„Damals in West-Berlin waren die Ermittlungsmöglichkeiten auf dem eingegrenzten Territorium eigentlich sehr gut“, sagt der Kommissar. Die Zahl der Galerien und Händler war überschaubar und nicht einmal in ein Flugzeug hätte der Dieb mit der Kupferplatte im Gepäck so einfach einsteigen können. „Vielleicht hängt das Bild ja irgendwo verborgen in einer Berliner Wohnung“, sagt Allonge. Schon 1988 vermuteten die Ermittler schnell, die Tat könne von einem Liebhaber begangen worden sein. Vielleicht von einem Bewunderer Francis Bacons, der gerade in Deutschland populär war. Die Polizei zog jedoch auch eine Auftragstat in Betracht. Der Bacon- oder Freud-Liebhaber musste sich ja nicht selbst die Finger schmutzig gemacht haben.

Klar war nur: Weiterverkaufen oder gar ausstellen lässt sich so ein Bild nicht. Bis heute steht das Bacon-Porträt in allen einschlägigen Kunst-Datenbanken als gestohlen, doch bei einem derart bekannten Gemälde brauchen Kunsthändler dort nicht einmal nachzuschauen. Aber auch ein Lösegeld für das damals mit 75.000 Pfund versicherte Bild forderte der Täter nicht – was die andere Möglichkeit neben dem Verkauf gewesen wäre, den Diebstahl zu Geld zu machen. Zwei Monate nach der Tat gab es zwar in den Boulevardblättern Londons und Berlins die Schlagzeile, ein anonymer Anrufer bei der Tate Gallery habe drei Millionen Pfund verlangt, damit er den Freud zurückgebe. Auch Scotland Yard ermittelte daraufhin. Doch der Anruf war eine Ente.

Es ist ziemlich bunt im Besprechungsraum der Abteilung 454 beim LKA. Rund um den in die Jahre gekommenen Behördentisch in dem schmalen Zimmer sind die Wände flächendeckend behängt mit Fotografien, die allesamt verschwundene Kunstgegenstände zeigen. Eine große Magnettafel an der langen Seite des Raumes, unterteilt in die Quartale von 2013 und dem ersten von 2014, zeigt die aktuellen Fälle. Bilder von einer Ritterrüstung hängen dort neben Fotografien abstrakter Gemälde, einem Silbertafelaufsatz, einer filigranen Kohlmeise aus Porzellan und goldenem Abendmahlsgeschirr. Der Wert der Gegenstände sei höchst unterschiedlich, sagt Allonge. Es gehe bei den Ermittlungen nicht darum, wie teuer ein gestohlenes Kunstwerk sei. „Wir wollen Straftaten aufklären, danach richten wir uns.“ Es gehe bei der Fahndung um die Einzigartigkeit der verschwundenen Dinge, das unterscheide den Kunstdiebstahl von einem „gewöhnlichen“ Diebstahl, erst dann wird die Abteilung 454 aktiv.

In einem anderen Raum am Tempelhofer Damm, streng gesichert, lagern Dutzende beschlagnahmte Kunstwerke – oder besser gesagt Möchtegern-Kunstwerke. Auch für Fälschungen ist die Abteilung Kunstdelikte zuständig. Durch den Fall Beltracchi waren Allonge und seine Kollegen vor einigen Jahren deutschlandweit bekannt geworden. Der Maler Wolfgang Beltracchi wurde 2011 vom Landgericht Köln wegen gewerbsmäßigem Bandenbetrug zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, er hatte Millionen mit raffiniert gefälschten Gemälden verdient. Ermittelt wurde der große Betrug von Allonge und seinen Kollegen – weil Köln keine eigene Polizeiabteilung für Kunstdelikte hat. Einen „einzigartigen Fall“ nennt Allonge Beltracchi, über den es inzwischen Bücher und Filme gibt. „Da sind am Tag zeitweise 200 Seiten Ermittlungsakten entstanden“, erinnert sich der Kommissar. Kein Vergleich zu der dünnen Aktenlage im Fall Lucian Freud.

Neun Mitarbeiter hat das Ermittlerteam der Abteilung 454. Allonge ist seit 2008 dabei. Vor den Kunstdelikten hat der Kommissar weit weniger feinsinnige Verbrechen bearbeitet. Im LKA 4, wo alle Abteilungen zu organisierter Kriminalität, Banden- und großen Eigentumsdelikten sowie dem Rotlichtmilieu zu finden sind, arbeitet der 40-Jährige schon seit Ende der 1990er. Raub und Einbruch sowie internationale Kfz-Verschiebungen waren früher sein Einsatzgebiet.

Zu den Kunstdelikten sei er aus Interesse gekommen. „In diese Abteilung kann man nur freiwillig versetzt werden.“ Hier könne er seinen Hang zu Naturwissenschaften und Geschichte ausleben, wenn er tief in die Vergangenheit eines Renaissance-Meisterwerks eintaucht oder dank der Kriminaltechniker einen Fälscher durch die chemische Überprüfung der verwendeten Ölfarbe entlarvt. Dass es Spielfilme oder Kriminalromane über Kunstdiebe gibt, kann er gut verstehen. „Es entsteht eine besondere Faszination, wenn sich einfach jemand etwas Unerreichbares und Einzigartiges wie ein berühmtes Gemälde nimmt.“ Dazu die Mythen vieler Kunstwerke und der detektivische Spürsinn der Ermittlungen.

Die Ermittler sind Kriminalisten, keine Kunsthistoriker. Die Abteilung habe ein gutes Netzwerk von Kunstexperten, Händlern und Sachverständigen, die zu Rate gezogen werden könnten. Wenn es etwa um ein verschwundenes Barockgemälde geht, dann wissen die Ermittler genau, wen sie für Hintergründe anrufen müssen. Die Einzigartigkeit von Kunstwerken ist für die Ermittler der entscheidende Vorteil. Kunst ist gut zu ermitteln. „Die Einzigartigkeit macht den Beweis einfach“, sagt Allonge. Entsprechend besser sei die Aufklärungsquote im Vergleich zu anderen Eigentumsdelikten.

Über Zahlen jedoch redet der Kommissar kaum. Statistiken seien wenig aussagekräftig, gerade bei den Kunstdelikten, sagt er. Hier gebe es selten ganze Serien, Trends seien oft ebenso wenig erkennbar. Außer einer: Mit dem steigenden Kupferpreis der letzten Jahre würden auch immer öfter Plastiken aus Parks und Gärten gestohlen. „Die werden dann einfach eingeschmolzen und das Metall wird verkauft“, sagt Allonge und man merkt ihm dabei an, dass es ihm leid tut um die Kunstwerke. Die Gussformen seien oft lange schon zerstört, die Skulpturen damit unwiederbringlich verloren. „Oft wären die Skulpturen weit mehr wert als der reine Metallpreis“, sagt Allonge. Doch entweder wissen das die Diebe nicht oder es fehlt ihnen an Kontakten, Kunst statt Kupfer abzusetzen. Insgesamt zählte die Statistik 2012 für Berlin 112 Fälle des Diebstahls von „Antiquitäten, Kunst- und sakralen Gegenständen“, zwölf mehr als im Jahr zuvor. Die Aufklärungsquote lag bei knapp 20 Prozent. Für das vergangene Jahr gibt die Berliner Polizei dazu noch keine Auskunft.

Die Täter, das seien nach seiner Erfahrung fast immer Männer, erzählt der Ermittler. Und es seien sehr wenige junge Leute unter ihnen. „Weil man Ahnung haben muss.“ Bei schwerem, sorgfältig geplantem Kunstdiebstahl handele es sich außerdem fast immer um Einzeltäter. Banden oder Hierarchien im Hintergrund seien selten. Auch die Opfer seien meistens eine besondere Klientel. Gebildet, oft wohlhabend. Bedacht auf Status und Reputation. Die Kunstwelt sei schon etwas speziell, sagt Allonge. „Da ist oft viel Schein dabei.“

Nicht nur bei berühmten Werken wie dem verschwundenen Freud ist es für Diebe anstrengend, ihre Beute zu Geld zu machen. Kunsthandel findet in der Regel von Experten organisiert öffentlich statt, Diebesgut im freien Handel unterzubringen sei daher nahezu unmöglich, sagt Allonge. Aber es gebe eine Art Zwischenmarkt, kleinere Händler oder auch Pfandleihhäuser, die weniger beobachtet würden oder weniger gut informiert seien. Es gehöre auch zu der Arbeit der Abteilung, einen guten Draht zu diesen Händlern in Berlin zu pflegen und um Vertrauen zu werben, sagt Allonge. Nur dann könne man zusammenarbeiten. Je nachdem, was gestohlen wurde, suchen die Kriminalisten in den passenden Absatzmärkten und sprechen dort die Händler an.

Aktiv und gezielt ermitteln zu können mache die Abteilung Kunstdelikte effektiv, sagt Allonge. Doch sind die Ermittlungsansätze ausgeschöpft, dann sei die einzige Chance einen Fall noch zu lösen, Hinweise von Zeugen zu bekommen. Wie beim Fall Lucian Freud. „Wir können nur hoffen, dass sich noch einmal jemand mit einer hilfreichen Information meldet.“ Doch das verschwundene Gemälde sei etwas in Vergessenheit geraten. Allzu lang ist der Diebstahl schon her. Genau wie der zweite große ungeklärte Fall, dessen Ermittlungsakten noch immer schwer in den Regalen der Abteilung 454 liegen. Er ereignete sich nur ein gutes Jahr nach dem Diebstahl des Freud-Gemäldes. Am Sonntag, den 3. September 1989.

Auf den Fotografien in der Ermittlungsakte fluten Sonnenstrahlen das helle Parkett am Tatort. Beigefarbene Tapete, ein dunkler Rand dort, wo zwei Bilder abgenommen wurden. Neben den dunklen Flecken zwei weiße Kärtchen an der Wand, die Auskunft über Künstler und Werk gaben. Die Galerie der Romantik, Dauerausstellung im Knobelsdorff-Flügel vom Schloss Charlottenburg. Achtlos zurück gelassen vor den ausgestellten Bildern ein einfacher Rollstuhl mit grauen Gummireifen, auf dessen rechter Seite handgeschrieben in schwarzer Farbe die Worte „null Problemo“ stehen. Der Schauplatz eines Verbrechens.

Gegen 11 Uhr waren die Männer ins Schloss gekommen. Der eine im Rollstuhl, vielleicht 25 Jahre alt, groß und mit rotblondem Backenbart und braunem Strickpullover. Geschoben von einem anderen etwa im gleichen Alter, blondem Haar, einem auffallend ähnlichen Pulli und heller Hose. Als die beiden im Knobelsdorff-Flügel die Carl-Spitzweg-Gemälde „Der arme Poet“ und „Der Liebesbrief“ betrachten, kommt Leben in den Mann im Rollstuhl. Beide springen über die hüfthohe Absperrung vor den Bildern, knipsen mit einem Seitenschneider die Drähte durch, an dem die Gemälde hängen, reißen sie von der Wand und fangen an zu rennen.

Die Alarmanlage schrillt los. Ein Wachmann, der das Duo mit dem Rollstuhl zuvor für harmlos hielt, nimmt die Verfolgung auf. Der 63-Jährige erzählt später der Berliner Morgenpost, er habe eigentlich gerade Besucher ansprechen wollen, die verbotenerweise mit Mänteln über dem Arm durch die Ausstellung schlenderten, als die Alarmanlage losging. Er stellt sich den Flüchtenden in den Weg, doch einer von ihnen schlägt ihn mit einem Kinnhaken zu Boden. Durch diesen Gewaltausbruch wird aus dem Kunstdiebstahl ein Kunstraub. Die Räuber entkommen auch einem weiteren Museumsmitarbeiter, laufen aus dem Schloss, über den Rasen, klettern über den Eisenzaun und verschwinden in der Eosanderstraße. Als die Polizei kommt, sind sie längst fort.

Experten schätzten den Wert der Spitzweg-Gemälde damals auf drei Millionen D-Mark, heute dürfte es ein Vielfaches sein. Die Bilder, Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, waren nicht versichert – wie wegen der hohen Versicherungsprämien bei Staatsbesitz damals üblich. „Der arme Poet“, gemalt 1839, war 13 Jahre zuvor schon einmal gestohlen worden. Damals gab der Dieb das Gemälde nach ein paar Stunden wieder zurück.

Eine öffentliche Fahndung nach den beiden Tätern und einem weißen Opel Omega als Fluchtwagen blieben ebenso erfolglos wie die 10.000 D-Mark Belohnung, die von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz damals ausgelobt wurden. Nur 50 Hinweise bekam die Polizei in den ersten Tagen nach der Tat, heiße Spuren blieben aus. Opel und Rollstuhl, das ergaben die Ermittlungen, waren zuvor in Steglitz gestohlen worden. Die Bilder blieben verschwunden. Die Kripo vermutete damals, sie könnten in Amerika oder Asien verkauft werden. Seit dem 3. September 1989 kann der arme Poet nur noch in einer anderen Version in der Münchner Neuen Pinakothek betrachtet werden.

Carl Spitzweg war bereits 104 Jahre tot, als seine Bilder geraubt wurden, Lucian Freud aber lebte. Und er konnte sich nicht so einfach damit abfinden, dass sein Gemälde verschwunden war. So kam es, dass das Bacon-Abbild im Jahr 2001 noch einmal für Schlagzeilen sorgte. Freud plante gemeinsam mit der Tate Gallery London eine große Retrospektive zu seinem 80. Geburtstag. Und in der Ausstellung wollte er auch das kleine Porträt auf Kupferplatte zeigen.

Lucian Freud, 1922 in Berlin geboren und 1933 mit seiner Familie nach England emigriert, entwarf also eine große Kampagne für die deutsche Hauptstadt. Er gestaltete ein Plakat, das monochrom in Grautöne gesetzte Gemälde in der Mitte, darüber im Stil des Wilden Westens in roten Lettern das Wort „Wanted“ und darunter ebenfalls in roter Schrift die Belohnungssumme von 300.000 D-Mark für Hinweise, die zur Wiedererlangung des Gemäldes führen. Viel mehr als eine Telefonnummer war sonst auf dem Plakat nicht zu lesen, das im Sommer 2001 schließlich 2000 Mal in Berlin auf fast jeder Litfaßsäule klebte. „Würde der gegenwärtige Besitzer mir freundlicherweise erlauben, das Gemälde in meiner Ausstellung in der Tate im nächsten Juni zu zeigen“, ließ Freud über die Medien verbreiten. Er sei mit dem Porträt immer sehr zufrieden gewesen, sagte er in einem Gespräch mit dem britischen „Daily Telegraph“, und auch Francis Bacon habe seine Darstellung gemocht. Freud machte dem Dieb sogar das in der Kunstgeschichte wohl einmalige Angebot, das Bild nur als Leihgabe auszustellen.

Die Aktion erregte große Aufmerksamkeit, mehr als 1000 Anrufer meldeten sich, doch wieder gab es keine heiße Spur. Dafür wurde das Poster der Suchaktion selbst zu Kunst, es war in kürzester Zeit vergriffen. Lucian Freud starb im Jahr 2011.

„Viele Berliner erinnern sich noch gut an die Summe der Belohnung, die auf dem Plakat stand“, sagt Allonge. Auch heute würden deshalb manchmal noch Hinweise eingehen. Doch keiner war bisher stichhaltig. Würde der Täter selbst im vierten Stock des Landeskriminalamts am Tempelhofer Damm plötzlich bei den Kunstermittlern auftauchen, sie würden ihn nicht einmal festnehmen. „Wir haben nur noch ein Interesse daran, die Tat aufzuklären und das Bild zurückzubekommen“, sagt Allonge. Strafrechtliche Konsequenzen gäbe es keine. Diebstahl verjährt spätestens nach zehn Jahren.