Sie gibt nur selten Interviews, gilt als kauzig, manchmal aufbrausend, vor allem, wenn man sie Agatha-Christie-Vergleichen konfrontiert, die sie sich seit Beginn ihrer Karriere 1981 immer wieder anhören muss. Besuch einer alten Dame – für einen Moment kommt einem das gleichnamige Stück von Dürrenmatt in den Sinn, in dem eine greise Milliardärin in ihren Heimatort zurückreist. Sie will sich an ihrem früheren Geliebten rächen, setzt ein Kopfgeld auf ihn aus. Eine grausame, aberwitzige Geschichte, ganz in der Art, wie sie auch Grimes in ihren Kriminal-Romanen immer wieder erzählt und sich damit ein Millionenpublikum erschrieben hat. Auf dem Tisch steht ein Glas Mineralwasser, die Tür zum Nebenraum bleibt nur angelehnt. Dort sitzt während des gesamten Interviews ihr Sohn Ken und hört mit. Im vergangenen Jahr haben beide ein Buch über ihre eigenen Abgründe geschrieben – über ihre Alkoholsucht, die sie gemeinsam überwunden haben. Als Grimes während des Gesprächs ein Datum nicht mehr einfallen will, meldet sich plötzlich der Sohn aus dem Nebenzimmer, als Stimme aus dem Off. Auch wenn er in dem Moment eine Informationslücke schließt – ein bisschen unheimlich ist das schon.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Mrs. Grimes, Ihr Kollege Stephen King hat sich lange darüber geärgert, dass Kritiker seine Bücher schmähten, während sie in jenen von Philip Roth das Maß aller literarischen Dinge sahen. Können Sie das nachempfinden?

Martha Grimes:

Nein. Come on – Philip Roth ist ein so viel besserer Schriftsteller als Stephen King. Dazu gibt es doch keine zwei Meinungen!

Aber an der unterschiedlichen Wahrnehmung von der „hohen“ Literatur auf der einen, sowie Thrillern und Krimis auf der anderen Seite haben auch Sie sich schon abgearbeitet. In Ihrem Roman „Mordserfolg“ drängt ein Bestsellerautor seinen Verleger, einen von Kritikern hofierten Schriftsteller loszuwerden. Das wird dann ein Fall für einen Auftragskiller. Gibt es für Sie auch so ein Philip-Roth-Feindbild wie für Stephen King?

Guter Gott, nein! Ich hatte einfach Spaß daran, mir diese Geschichte auszudenken. Von einem Mega-Bestseller-Autor, bei dem sich eigentlich niemand erklären kann, warum er diesen irren Erfolg hat. Und dennoch ist er zerfressen von Eifersucht auf den „anspruchsvollen“ Kollegen. Ein toller Plot. Sehen Sie: Es gibt Schriftsteller, die so viel besser sind als ich, dass es mir das Herz bricht. Natürlich sind Krimis im Vergleich zur höheren Literatur eine minderwertige Gattung. Keine Frage.

Ungewöhnlich, das ausgerechnet von einer Krimi-Autorin zu hören.

Aber so ist es doch. Meistens jedenfalls. Viele Krimis, aber auch andere Genre-Literatur wie Thriller, erfordern nun einmal einen bestimmten Rahmen: Jemand wird ermordet, dann muss der Fall geklärt werden. Es gibt herausragende Kolleginnen wie P.D. James und andere, die diesen Rahmen transzendieren, ihn erweitert haben. Grundsätzlich kann man diese Vorgaben nicht umgehen oder weglassen. In diesem Sinne sind Krimis oder Thriller der großen Literatur gegenüber minderwertig. Philip Roth muss sich jedenfalls nicht mit solchen Plots herumschlagen – für ihn gibt es keinen fest gefügten Rahmen in diesem Sinne.

Sie haben lange Zeit Creative Writing an Universitäten in Washington und Iowa unterrichtet. Haben Sie solche Erkenntnisse auch Ihren Studenten vermittelt?

Ja sicher.

Waren da alle Ihrer Meinung?

Nein. Eine Professorin hielt mal dagegen: „Was ist denn mit Sonetten?“, fragte sie mich, „die haben auch eine vorgegebene Form, niemand würde auf die Idee kommen, sie deshalb als minderwertig zu bezeichnen.“ Da hatte sie natürlich Recht. Es liegt ja nicht nur an der formalen, sondern auch an der thematischen Beschränkung: In Krimis muss es um Mord und Spannung gehen. Das sind nun mal andere Geschichten als „Portnoys Beschwerden“. Ich habe mit dieser Feststellung keine Probleme. Wissen Sie, was mich wirklich ärgert?

Sie werden es mir gleich sagen.

Wenn man mir vorwirft, meine Inspektor-Jury-Bücher seien kuschelige englische Krimis.

Es gab auch wohlmeinendere Einordnungen. Sie wurden als Nachfolgerin von Agatha Christie gepriesen.

Nichts gegen Agatha Christie. Nur hatten meine Geschichten nie diesen verengten Blick auf die Gesellschaft, wie ihre, in denen es keine reale Gewalt gibt und die Morde meist außerhalb der Handlung stattfinden. Ich schreibe über Kindesmissbrauch, Entführung, Drogendelikte – trotzdem werde ich in dieser Tradition gesehen, nur weil meine Krimis in England spielen.

Was womöglich auch an Ihren Verlagen liegt, die Ihre Buchcover immer mit Klischee-Bildern aus englischen Land- und Grafschaften illustrieren.

Das sind die Hüllen, es ist nicht der Inhalt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kritiker meine Bücher gar nicht gelesen haben. Kindesmisshandlung ist nicht „kuschelig“. In einer Hinsicht kann ich Stephen Kings Empfindlichkeit allerdings gut verstehen: Er hat ja neben den Horror-Geschichten auch ganz andere, literarische Texte veröffentlicht. Das wurde allerdings lange nicht wahrgenommen: Einmal Horror-Autor, immer Horror-Autor. Und wenn man wie ich eine Krimi-Serie erfunden hat, die seit Jahrzehnten erfolgreich ist, wird alles, was sie darüber hinaus schreiben, in dem Kontext wahrgenommen. In der „New York Times“ werden alle meine Bücher immer nur in der Krimi-Ecke besprochen. Das bringt mich jedes Mal auf die Palme.

Ist Inspektor Jury inzwischen eine Last für Sie?

Nein. Das ist er nicht. Ich bin natürlich dankbar für den Erfolg, den diese Bücher haben. Nur missfällt es mir, wenn man mich ausschließlich darauf reduziert.

Sie sind nicht die einzige amerikanische Autorin, die ihre Krimis in England spielen lässt. Elizabeth George hat damit ebenfalls großen Erfolg. Was macht England zu so einem Parade-Land, wenn es um die Abgründe menschlichen Verhaltens geht?

Das ist zum einen mit meiner Vorliebe für traditionelle englische Krimis zu erklären. Es kam mir nie in den Sinn, dass es ein Hindernis sein könnte, als Amerikanerin über Briten zu schreiben. Ich habe mal vier, fünf Monate in England gelebt, inzwischen reise ich zweimal im Jahr dorthin, um zu recherchieren. Der eigentliche Grund ist meine Liebe für englische Pubs. Jeder meiner Inspektor-Jury-Romane ist ja nach einem englischen Pub benannt.

Was Ihre deutschen Leser leider nicht mitbekommen. Der Jury-Roman „The Old Wines Shades“ heißt im Deutschen beispielsweise „Inspektor Jury kommt auf den Hund“, „The Black Cat“ heißt „All die schönen Toten“ – das ist schon ein Unterschied, oder?

Ja. Manche deutsche Übersetzungen sind sehr eigenartig. Ich mag Pubs über alle Maßen, Sie haben eine großartige Atmosphäre. Für die Briten ist ein Pub so was wie ein zweites Zuhause, sie sind integraler Bestandteil ihres Lebens. Ich liebe es, in Pubs zu sitzen, die Leute zu beobachten, Ihnen zuzuhören. So entstehen meine Geschichten.

Im vergangenen Jahr haben Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn ein Buch über ihrer beider Alkoholsucht geschrieben und wie Sie davon loskamen. Wie verträgt sich das mit Ihrer Vorliebe für Pubs?

Sehr schwer. Das muss ich zugeben. Aber ich trinke schon seit Jahren keinen Alkohol mehr. Ich habe mich daran gewöhnt. Wenn ich heute in einen Pub gehe, bestelle ich ein Mineralwasser. Mein Sohn und ich, wir haben fast gleichzeitig mit dem Trinken aufgehört. Er erinnert sich noch genau an den Tag, an dem wir aufhörten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal mehr, in welchem Jahr das war.

(Stimme des Sohnes aus dem Nebenzimmer): Du hast am 23. Dezember 1990 deinen letzten Drink genommen, ich war dir sechs Monate voraus, ich habe es am 4. Juni aufgehört.

Ich danke dir. Es hat uns gut getan, gemeinsam über unsere Sucht zu schreiben, und wie wir davon loskamen, jeder auf seine Weise. Ich habe einen Entzug in einer Klinik gemacht, mein Sohn ging zu den anonymen Alkoholikern. Beides hat funktioniert.

Sie schreiben in dem Buch, in all den Jahren hätte niemand bemerkt, dass Sie Alkoholikerin waren, weil Sie so gut funktionierten. Welchen Einfluss hatte die Sucht auf all die Jury-Romane, die Sie in dieser Zeit schrieben?

Gute Frage. Das Trinken schien mein Schreiben nicht zu stören. Ich trank ja nicht, während ich schrieb. Ich schrieb meistens am Morgen oder am frühen Nachmittag – zu diesen Zeiten trank ich nicht. Wenn ich nachts geschrieben hätten, hätte ich mir die Drinks nur so reingeschüttet. Die Alkoholsucht hat mich weder beim Schreiben noch beim Unterrichten groß beeinflusst.

Was gab den Ausschlag, dass Sie aufhören wollten?

Ich merkte irgendwann, dass mein Leben nicht mehr von mir, sondern von der Sucht nach Alkohol gesteuert wurde. Ich wollte nicht fremdbestimmt sein. Das war mir unheimlich. Obwohl es in vielerlei Hinsicht auch sehr angenehm war. Ich habe es geliebt Guinness zu trinken. Und das lässt sich nun mal nicht mit Mineralwasser vergleichen. Aber wenn ich jetzt einen Martini bestellte, wär’s das. Als Alkoholiker kannst du eben nie wieder nur mal noch einen Drink nehmen. Das ist vorbei.

Wie ist das in der Buchbranche, wenn Sie abends zu einem Empfang eingeladen werden, bei dem alle anderen Alkohol trinken und Sie mit Mineralwasser Vorlieb nehmen müssen?

Ehrlich?

Wenn’s geht.

Es ärgert mich immer noch, wenn ich bei solchen Gelegenheiten keinen Wein trinken kann, nicht trinken darf. Während alle um mich herum trinken. Dann werde ich eifersüchtig auf die anderen. Aber es gibt auch positive Momente. Ich habe festgestellt, dass ich heute nicht mehr so schnell wütend werde wie früher, als ich noch trank. Ich kann mich kontrollieren.

Hat sich Ihr Schreibstil verändert?

Nein, nicht, dass es mir bewusst wäre.

Es ist schwer vorstellbar, dass Sie auf der Suche nach dem nächsten Krimi nach wie vor durch englische Pubs ziehen, sich dort hinsetzen, um sich inspirieren lassen. Die größtmögliche Versuchung. Warum tun Sie sich das an?

Das ist grausam, nicht wahr?! Die Frage hat mir schon mein Psychiater in der Entzugsklinik gestellt.

Was haben Sie ihm geantwortet?

Ich wich ihm zunächst aus, sagte, dass ich Pubs liebte, weil sie Teil der englischen Identität sind. Er sah mich skeptisch an, fragte: „Ist das alles? “ Es war nicht alles. Es stimmt schon, ich ging gerne dorthin, um dort zu trinken. Das hat mir Spaß gemacht. Wenn Alkoholiker über ihren „Freund Jack Daniels“ sprechen, ist das keine Koketterie. Wenn du mit dem Trinken aufhörst, ist das so, als würdest du einen guten Freund verlieren, einen wirklich guten Freund. Ein großer Verlust. Und es ist ein ständiger Kampf. Ich nehme ihn an, gehe in ein Pub und bestelle mir das hier (hebt ihr Glas mit Mineralwasser). Jetzt bin jetzt süchtig nach diesem Zeug. Cheers. Aber ich verzichte nicht auf die Pub-Besuche. Ich brauche sie für meine Bücher.

Haben Sie schon einen Pub für Ihr nächstes Buch gefunden?

Ja. Diesmal gibt es eine kleine Variation. Für den nächsten Jury-Fall ist eine Champagner-Bar im obersten Stockwerk eines Hochhauses im Londoner Finanzdistrikt Namensgeber. Sie heißt „Vertigo 42“. Da konnte ich nicht widerstehen. Das wird der Titel. Mir schossen gleich Gedanken wie diese durch den Kopf: „Wenn du schon Vertigo im Titel hast, lässt du am besten irgendjemand von einem Hochhaus stürzen.“

So wie es in dem Hitchcock-Thriller passiert?

Ja. Ich zitiere den Film im Buch an mehreren Stellen.

Können Sie noch mehr verraten?

Nur soviel: ich lasse jemanden aus einer großen Höhe stürzen, es geht nicht gut aus.

Das Gespräch führte Martin Scholz