Berliner Merkwürdigkeit

Politik für Naivlinge

"Du musst wissen, dass ich den Intellekt eines 14-Jährigen habe" sagt Tilo Jung in der ersten Folge seiner YouTube-Serie "Politik für Desinteressierte": "Ich habe keine Ahnung." Mit dieser Haltung geht der Berliner ans Eingemachte. Fragt den Sicherheitspolitik-Journalisten Thomas Wiegold: "Wir sind noch in Afghanistan? Warum denn?" Und den FDP-Abgeordneten Wolfgang Kubicki: "Wozu ist ein Parteitag eigentlich da?" und "Wie findest du Philipp Rösler?"

Tilo Jung, 27 Jahre alt, sagt er, sei "Freier Chefredakteur". Geht das auch konkreter? Er arbeite regelmäßig für das Radioeins Medienmagazin, antwortet Jung. Als Chef?, fragen wir naiv zurück. Nein, sagt er. Er blogge aber. Habe er dann einen eigenen Blog? Nein, das nicht, er aber er habe Facebook, Twitter und Tumblr. Fakt ist: Seit knapp einem Monat stellt Jung fast täglich ein Video auf YouTube, in dem er Politikern und Journalisten mal mehr und mal weniger naive Fragen stellt. Er fragt "Warum?", will Gründe wissen und erlaubt keine verklausulierten Antworten: "Dass junge Menschen politikverdrossen sind, halte ich für einen Mythos", sagt Jung: "Die Medien sind politikverdrossen, weil sie kein Interesse mehr haben, Sachverhalte erklärend darzustellen." Wenn man mal zwei, drei Wochen keine Zeitung gelesen habe, komme man nicht mehr ins Thema. "Da wird nirgendwo noch einmal erklärt, wie es eigentlich dazu kam. Und wenn doch, dann geschieht das auf einem viel zu hohen Niveau." Also schnappte sich Jung Aufnahmegerät und Kamera, twitterte Journalistenkollegen und Politiker an und bat sie zum "naiven" Interview.

Und wie findet Wolfgang Kubicki jetzt Philipp Rösler? "Ich werde für ihn stimmen", sagt er in Jungs Mikro auf dem FDP-Parteitag vergangen Woche: "Unabhängig davon, dass wir keinen anderen Kandidaten für den Parteivorsitz haben, hat er heute mit seiner Rede gezeigt, dass er wieder der Alte wird." Rösler sei witzig, charmant, intelligent und nicht mehr so eingezwängt. "Stand Rösler nicht mal auf der Kippe?", erinnert sich Jung. Nein, die Journalisten hätten ihn auf die Kippe geschrieben. "Da er aber für zwei Jahre gewählt war, gab es zwischendrin nicht das Bestreben, ihn wegzuhauen", sagt Kubicki zu Jung.

Einen anderen möglichen Kandidaten für den Parteivorsitz habe es aber schon gegeben: Rainer Brüderle. Der habe aber gesagt, er wolle nicht Vorsitzender sein. Dafür werde Brüderle das Gesicht der FDP zur Bundestagswahl 2013: "Das heißt, er sitzt bei den großen Runden, da wo die anderen Spitzenkandidaten der anderen Parteien auch sitzen, und nicht Rösler." "Warum?", fragt Jung. "Wir wollen den besten Wahlkämpfer da hinschicken", sagt Kubicki. Und der beste Wahlkämpfer sei Brüderle. "Warum?", fragt Jung wieder. Weil Brüderle jemand sei, der dokumentiere, dass die FDP im Wirtschaftsbereich über ausreichende Kompetenz verfüge. "Ausreichend?", hakt Jung erschrocken nach: "Note Vier?""Ja, aber das ist ja immerhin schon was", sagt Kubicki: "Ich kenne eine Vielzahl von Menschen, die mangelhafte Kenntnisse haben: Herr Trittin, Frau Künast, selbst mein Freund Peer Steinbrück hat mangelhafte Kenntnisse im ökonomischen Bereich." Das müsse man ihm jetzt, wo er Kanzlerkandidat sei, "leider einfach unterstellen."

Tilo Jung sagt, er sei in diesen Interviews wagemutiger als in seinem sonstigen "freien Chefredakteur"-Alltag. "Alles was ich mir sonst verkneifen würde, kann ich hier fragen." Seine Videos stießen bisher vor allem auf Medieninteresse. Abonnenten hat Jung bisher nur 338. "Kommt die leicht erklärte Politik im Netz, nun also doch nur bei den Medien gut an? Und ist die Netzgemeinde am Ende doch politikverdrossen?" - "Nein", sagt Jung. Seine YouTube-Serie gebe es schließlich erst seit gut vier Wochen. Und er bekomme viele positive Rückmeldungen von den Zuschauern.

Ein Soldat habe geschrieben, dass er das Video zu Afghanistan seiner Frau zeigen wolle. "Negatives Feedback bekomme ich eigentlich nur zu technischen Angelegenheiten wie Ton und Kameraführung." Und wie findet Wolfgang Kubicki die Kanzlerin? "Persönlich sehr nett. Sehr charmant, und, obwohl man ihr das nicht ansieht, auch sehr witzig", erfahren wir. Philipp Rösler hatte er ähnlich beschrieben. Bei ihm hatte er noch "intelligent" hinzugefügt.