Jahrgang 1902

Ein Berliner Leben

Zur Konfirmation gratulierte die Kaiserin: 110 Jahre ist Else Aßmann alt. Hier blickt sie gemeinsam mit unserer Autorin Eva Sudholt zurück

Zum letzten Geburtstag kam ein Brief von Christian Wulff. Er war schon ein paar Tage vorher eingetroffen, und als sie ihn dann am 18. Februar 2012 öffnete, das edle Briefpapier aus Bellevue und ein Porträtfoto des Präsidenten aus dem Umschlag zog, da war der Mann auf dem Bild schon nicht mehr im Amt. Bundespräsident Nummer 10 war Geschichte, Else Aßmann hatte auch seine Amtszeit überlebt, so wie die seiner Vorgänger und Vorvorgänger, aus anderen Zeiten und Epochen, als sie noch Reichspräsidenten und Reichskanzler hießen: Dönitz, Hitler, Hindenburg, Ebert. Und als das Staatsoberhaupt noch Seine Majestät genannt wurde. Am 18. Februar 2012 ist Else Aßmann, geborene Kaiser 110 Jahre alt geworden, so alt wie kein anderer Mensch in Berlin. "110!", denkt sie manchmal, "das darf doch nicht wahr sein." Manchmal muss sie lachen dabei, und ihre Tochter findet: fast ein bisschen verschämt.

Else Aßmann wird 1902 als erstes von drei Kindern in das letzte Drittel des Kaiserreichs hineingeboren, am Tag ihrer Geburt tritt die Berliner Untergrundbahn ihre erste Fahrt an, als erste deutsche U-Bahn überhaupt - die Strecke: Stralauer Tor (heute Osthafen), Schlesisches Tor, Oranienstraße, Kottbusser Tor, Prinzenstraße, Hallesches Tor, Möckernbrücke, Potsdamer Platz. Es heißt, der Kaiser wolle an der Eröffnungsfahrt nicht teilnehmen, weil er beim ersten Mal, als er einen der Waggons besichtigt habe, mit seiner Pickelhaube gegen den Türrahmen gerannt sei. 17 Tage später wird Heinz Rühmann geboren, fünf Wochen später Leni Riefenstahl, ein langlebiger Jahrgang offenbar, und auch sie überlebt Else Aßmann noch um sehr lange Zeit. Sie ist zehn, als ihr Vater ihr vom Untergang der "Titanic" erzählt, zwölf, als der Erste Weltkrieg ausbricht; und als Kaiser Wilhelm II. kurz vor dem Ende seiner 30-jährigen Regentschaft steht und ganz Europa vor einem historischen Umbruch, ist Else gerade mit einem anderen Großereignis befasst - sie hat vor Kurzem die Liebe ihres Lebens kennengelernt. Und doch gibt es ein Ereignis in dieser Zeit, heute vor 95 Jahren genau, in dem nicht ihr zukünftiger Ehemann Erich die Hauptrolle spielt, sondern die Frau des letzten deutschen Kaisers.

Der 23.12.1917 ist ein Sonntag, Else ist 15, festlich, aber demütig gekleidet; schlicht und schwarz. Sie steht vor der Garnisonkirche in Potsdam, als sie eine feine Dame auf sich zukommen sieht. Begleitet von ihrer Entourage, bleibt sie vor Else stehen, reicht ihr die Hand, der weiße Handschuh der Kaiserin umschließt den schwarzen der Konfirmandin. Auguste Viktoria von Preußen hatte Else, ihren kleinen Bruder Willi und die anderen jungen Leute vor der Kirche erblickt und ihnen persönlich zur Konfirmation gratulieren wollen. Und dann ist sie auch schon wieder verschwunden. Kein Jahr später wird Auguste Viktoria mit ihrem Mann vor der Novemberrevolution ins niederländische Exil fliehen, und Else wird in ihrem Leben noch oft von der Begegnung erzählen.

95 Jahre später ist es für Else Aßmann fast zur Routine geworden, dass Staatsoberhäupter ihr die Ehre erweisen. Jedes Jahr trifft pünktlich zu ihrem Geburtstag ein Brief aus dem Bundespräsidialamt ein. Den ersten aus dem Jahr 2002, unterschrieben von Johannes Rau, hat sie in ein Fotoalbum geklebt, daneben ein Bild, das sie vor einem reich geschmückten Gabentisch zeigt, sie hält eine Flasche Eierlikör in der Hand, der Deckel ist eine Eierschale, statt eines Etiketts klebt auf dem Bauch der Flasche ein Spiegelei, beides aus Plastik natürlich. Blumen und Geschenke stehen auf der Kommode - und wie jedes Jahr das große Schwarzweißfoto ihres geliebten Mannes.

Ein Jahrzehnt und zehn Glückwunschschreiben später sind in Deutschland nur zwei Menschen bekannt, die älter sind als sie: Elisabeth Schneider und Gertrud Henze, beide aus Niedersachsen, beide bereits 111. Das höchste Alter, das eine Deutsche jemals erreicht haben soll, waren 115 Jahre - 79 Tage nach ihrem Geburtstag starb Augusta Holtz aus Posen 1986 in den USA. Und auch der älteste lebende Mensch der Welt, der Japaner Jirouemon Kimura, zählt aktuell 115 Lebensjahre. Der älteste Mann, der je in Deutschland gelebt haben soll, starb 2005 mit 111 Jahren und 279 Tagen in Düsseldorf.

Die Zahl der Überhundertjährigen in Deutschland ist in der Zwischenzeit um 96 Prozent gestiegen, berichtet Professor Andreas Kruse, Chef des Gerontologischen Instituts in Heidelberg. Im Jahr 2000 wurden noch 401 Männer und 2697 Frauen 100 Jahre alt, 243 Personen sogar 105 Jahre und älter. 2011 feierten schon 786 Männer ihren Hundertsten und 5131 Frauen. Was die Zahlen angeht, müssen sich selbst Altersforscher wie Kruse auf die Gratulationen des Bundespräsidialamts berufen. Die wiederum werden von Gemeinden oder Angehörigen beim Bundesverwaltungsamt in Köln beantragt, das die Glückwunschschreiben bis zur Unterschriftsreife anfertigt und nach Bellevue weiterleitet. Sterbefälle werden nach einer Gratulation nicht registriert, außerdem ist nicht garantiert, dass es nicht vielleicht noch ältere Jubilare im Land gibt.

"Ob 110 oder 113, das macht letztlich keinen großen Unterschied", sagt Andreas Kruse. Bedeutend seien vielmehr die Gründe für eine solche Langlebigkeit - genetische Faktoren, natürlich, aber auch psychologische wie "Glück- und Sinnerleben, wie Widerstand gegen Belastungen, wie Offenheit für Neues und ein fundamentales Gefühl der Teilhabe, der Bezogenheit: auf andere Menschen, auf Ideen, auf Lebensbereiche, auf den Glauben." Wenn man Else Aßmann fragt, was ihre Kinder von ihr lernen konnten, sagt sie: Liebe und Lebensfreude. Und dass man sich nicht so viel sorgen soll. "Das macht nur unnötig Falten", sagt sie. Doch am Ende liegt wohl, ähnlich wie das mit den Falten und grauen Haaren - so sehr man sich auch bemühen mag, sie nicht wachsen zu lassen - auch das persönliche Glückserleben in den Genen.

Ihre Kindheit verbringt Else Aßmann unbekümmert südlich von Berlin im Brandenburger Urstromtal. Im Alter von zwölf Jahren wechselt die Klassenbeste von der ländlichen Volksschule auf die Höhere Schule nach Potsdam, doch so oft es geht, verbringt sie Zeit bei ihren Eltern in Baruth. Ihr Vater Alfred Kaiser ist Direktor der Glashütte mit rund 200 Mitarbeitern, die Familie ist angesehen in dem kleinen Ort, der heute ein Museumsdorf ist, pittoresk wie eine Filmkulisse. Familie Kaiser lebt in einem stattlichen Fachwerkhaus am Waldrand. Dort steht es noch heute. Wenn sie an ihre Jugend denkt, riecht Else Aßmann frisch gebackenes Brot, Blumen und Pilze, sie denkt an Beeren und Waldvögel, an ihre Bienenzucht und ihren treuen Schäferhund Lux. Und sie denkt an den 10. April 1917, als plötzlich ein junger Industriekaufmann aus Schlesien vor ihr steht, er ist 17 Jahre alt, auf der Suche nach Arbeit, und stellt sich beim Herrn Direktor in der Glasfabrik vor. Der junge Mann gefällt Alfred Kaiser - und seiner Tochter. Doch es wird noch bis 1925 dauern, bis Erich Aßmann sie zur Frau nehmen wird.

Erst einmal geht Else nach Dresden. Eigentlich will sie immer schon Ärztin werden, sie hat bereitwillig die Kranken in Baruth versorgt und bei Hausgeburten geholfen, aber sie lehnt sich nicht auf, sie weiß, dass Studieren nicht vorgesehen ist für ein Mädchen, eines aus gutem Hause zumal. So besucht sie stattdessen eine Hauswirtschaftsschule in Dresden. Sie hadert nicht, heute sagt sie: "Ich bin zufrieden, wie es kam". Wie eigentlich immer in ihrem Leben. Auch jetzt, wo alles nicht mehr so einfach geht. "Schön, dass ich noch da bin", sagt sie dann.

Sie selbst ist in ihrem Leben nur zwei Mal beim Arzt gewesen. Da war sie schon über 100 und unglücklich gestürzt. Sie hat erst noch versucht, den Oberschenkelhalsbruch mit Aspirin zu behandeln. Aber dann hat sie sich doch überreden lassen, ins Krankenhaus zu gehen. Beim zweiten Mal war sie schon 105, da war es das andere Bein. Als sie damals zurück nach Hause gehumpelt kam, hatte ihre 80-jährige Tochter gerade selbst die erste Hüft-OP hinter sich, und ihre Mutter zog sie auf, sie solle sich mal nicht so haben in ihrem jugendlichen Alter. Eine Gehhilfe, einen Rollator gar, hat Else Aßmann nie benutzt, nicht mal mit Lesebrille lässt sie sich sehen. Das ist nur was für alte Leute.

Else Aßmann lebt noch immer in der Wilmersdorfer Wohnung, Ruhrstraße, in die sie vor 40 Jahren eingezogen ist. Seit anderthalb Jahren muss sie viel liegen. Dann geraten Traum, Erinnerung und Wirklichkeit hin und wieder durcheinander. Manchmal, wenn sie so da liegt, die Pflegerin in der Küche mit den Töpfen klappern hört, fängt sie selbst an zu kochen, bereitet Schmorbraten für die Familie, Hühnerfrikassee und Blechkuchen mit Blaubeeren oder eines ihrer anderen berühmten Gerichte. Schwere Soßen, viel Sahne, gute Butter statt Olivenöl, das sie jetzt alle immer verwenden. Else Aßmann ist auch so ihr Leben lang schlank geblieben, obwohl sie Würfelzucker lutschte wie Kinder, Bonbons und Salat noch nie hat anrühren mögen. Nur Alkohol hat sie fast nie getrunken, und nie in ihrem Leben geraucht.

Manchmal, wenn sie so da liegt, ist sie wieder in Warnemünde, ein Sommerurlaub Ende der Dreißiger, sie steht im Wasser bis zum Oberschenkel, Erich an ihrer Seite, Gisela mit Zöpfen, Horst hat ein Segelboot in der Hand. Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus und sie bleibt mit den Kindern im Sommer zuhause - dort ist von Gefechten und Verfolgung nicht viel zu spüren. Erst als der Krieg verloren ist und die Rote Armee anrückt, da flieht sie mit den Kindern in den Wald und versteckt sich in den Futtertrögen der Rehe. Als sie irgendwann nach Baruth zurückkehrt, haben sich russische Soldaten in ihrem Haus einquartiert. Else zieht ihrer hübschen Tochter einen alten Lodenmantel an, ein lumpiges Kopftuch über das lange Haar, sie hofft, die Männer würden von einer kleinen Vogelscheuche die Finger lassen. Die zierliche Else, selbst nur 1,58 Meter klein, schlägt sich derweil tapfer, die Männer liegen im Schlafzimmer, in der Stube, überall, aber Else lässt sich nicht beirren, klettert einfach über sie drüber, wenn sie etwas braucht aus ihrem Haus, und die Männer lassen sie in Frieden.

Manchmal, wenn sie so daliegt in ihrer Wohnung, denkt sie an die Blumen auf dem Balkon, jemand muss sie gießen, alles soll doch hübsch aussehen. Und dann kommt ihr manchmal ihr Vater in den Sinn, dann schreckt sie auf - alles ist auf einmal so schnell gegangen, sie muss sich beeilen, um noch einen Grabstein zu finden für ihn. Sie hat ihren Vater sehr geliebt. Er ist vor 45 Jahren gestorben und wurde auf dem Klasdorfer Friedhof bei Baruth bestattet. Manchmal geraten ihr die Jahrzehnte durcheinander. Sechs Jahrzehnte ist es nun her, dass Else Aßmann nach Berlin gekommen ist. Schon als junges Mädchen zieht es sie hierher. Ihr Vater fährt zwei Mal die Woche zum Einkaufen 75 Kilometer mit dem Automobil von Baruth nach Berlin. Und sie fährt mit, sie liebt das Kaufhaus Wertheim in der Leipziger Straße, in dem ihr Vater Delikatessen für die Familie einkauft. Das Kaufhaus gibt es schon lange nicht mehr. Anders als das Kaufhaus des Westens - dort haben Elses Eltern schon das Matrosenkleidchen gekauft, das sie bei ihrer Einschulung trug.

Später, als Berlin ihre neue Heimat geworden ist, besucht Else Aßmann das KaDeWe fast jeden Tag, bis ins hohe Alter. Meistens will sie gar nichts kaufen, sie liebt es, die Leute zu beobachten, den Duft einzuatmen, durch die glänzenden Räume zu flanieren. Wenn sie dann noch Zeit hat, läuft sie den Kurfürstendamm entlang, dann rechts die Wilmersdorfer Straße hoch, aber immer nur bis zur Bismarckstraße und wieder zurück. Und wenn die Füße nicht mehr wollen, verlässt sie sich auf ihre treuste Begleiterin, ihre Altersgenossin - die U-Bahn. Zum gemeinsamen 100. Jubiläum bringt ihr der damalige BVG-Direktor Ullrich Deinhardt sogar Blumen und eine Jahreskarte vorbei. Sie freut sich, dass die Sitze weicher geworden sind, dass die jungen Leute ihr immer den Platz anbieten, "und es ist angenehm, dass nicht mehr geraucht werden darf."

Trotz ihrer Liebe zur Großstadt wird sich Else Aßmann immer nach ihrer grünen Heimat in Brandenburg sehnen, die sie nach dem Krieg verlassen muss. Die Familie lässt Baruth bald hinter sich, das einzige, was Else Aßmann nach Berlin retten kann, ist das Bett, in dem ihre beiden Kinder zur Welt gekommen sind. Nach 50 Jahren als Direktor gibt Alfred Kaiser 1948 die Leitung ab, die Glasfabrik wird Volkseigener Betrieb. In West-Berlin lebt die Familie zunächst in beengten Verhältnissen, erst am Hohenzollerndamm, dann in Kreuzberg in der Waldemarstraße, in der Einemstraße gegenüber dem Hotel Berlin und schließlich in der Ruhrstraße unweit des Fehrbelliner Platzes. Ihr Mann Erich hat eine Stelle im Glasgroßhandel Pubanz bekommen. Die Kinder haben längst ihr eigenes Leben und sind von Zuhause ausgezogen. Elses Sohn Horst, der nach Familientradition Glasmacher gelernt hat, findet eine Stelle im Lichthaus Mösch in der Tauentzienstraße, heute ist darin ein Laden der Modekette Zara. Ihre Tochter Gisela studiert an der Freien Universität Pharmazie, das Studium finanziert sie sich durch die Arbeit in einer Apotheke in Tempelhof. Als sie mit 22 Jahren hinter dem Ladentisch steht, taucht auf der anderen Seite des Tresens plötzlich ein junger Mann namens Wolfgang auf. Er ist ein aufstrebender Reporter beim RIAS, ein paar Jahre später wird er live vom Potsdamer Platz vom Aufstand des 17. Juni 1953 berichten, später wird Wolfgang Hanel Karriere machen beim Sender Freies Berlin und 25 Jahre die "Berliner Abendschau" moderieren. Aber erst einmal wird er sich in die 22 Jahre alte Gisela Aßmann verlieben. Das Paar bekommt eine Tochter und wird zusammen bleiben bis zu Hanels Tod mit nur 64 Jahren im Oktober 1994. Und seine Tochter wird in seine Fußstapfen treten - Marion Hanel moderiert beim Sender 88,8 die Sonntagssendung "Guten Morgen Berlin". Sie mag die Anonymität des Radios - dass die Leute sie auf der Straße nicht erkennen wie damals ihren Vater.

Auch Giselas Mutter Else muss ihren Mann zu früh entbehren - als Erich 1967 von ihr geht, ist sie gerade einmal 65. Heute ist Else Aßmann 40.486 Tage alt. In 55 Tagen könnte ein Brief des 11. Bundespräsidenten Joachim Gauck in ihrem Briefkasten liegen, der ihr zum 111. Geburtstag gratuliert. Auf die Schnapszahl wird es vielleicht ein Gläschen Eierlikör geben, vielleicht sogar einen Schluck Sekt. Dann werden vier Generationen Berlin zusammenkommen, ihr Urenkel Daniel hat gerade Abitur gemacht, er sieht aus wie sein Großvater Wolfgang. Auf dem Gabentisch werden Blumen auf dem selbstgestickten Deckchen stehen, daneben Nougatpralinen und das Porträtfoto von Erich, das sie wieder aufstellen wird. Nach seinem Tod hat sie keinen anderen Mann mehr gewollt, seit 45 Jahren lebt Else Aßmann schon allein. Aber nicht einsam. Meistens sagt sie: "Ach wissen Sie, noch jemanden in meinem Alter zu finden, ist relativ unwahrscheinlich."