Immer neue Gänge zweigen ab, enden abrupt oder teilen sich. Nach oben? Unten? Links? Rechts? Mit dem Boden gerät auch der Orientierungssinn ins Wanken. War ich hier nicht schon? Woher bin ich gekommen? Und vor allem: Wie finde ich bloß wieder raus?

Warnungen gab es im Vorfeld zu genüge. "Peristal Singum", heißt es, öffne die Tür zu einem mysteriösen, nicht ganz ungefährlichen Trip in eine andere Welt; Wiedergekehrte raunen etwas von "bewusstseinserweiternd" und "Grenzerfahrung". Ein Kunstprojekt, erdacht von Tim Schneider, Georg Losch und Andrija Belosevic, dem Trio des Neuköllner Kulturzentrums "Karmanoia". Schon dort existierte das "Peristal Singum" - der Name ist der Peristaltik entlehnt, also den Kontraktionen des Darms, und verrät damit übrigens auch das künstlerische Konzept: Eine Reise vom, nun ja, Enddarm bis hinauf in die Seele. Als das Kulturzentrum schließen musste, zogen die Karmanoianer mit ihrem Labyrinth nach Friedrichshain. Dort erstreckt es sich über mehrere Stockwerke im Anbau des Clubs "Salon zur Wilden Renate".

Was genau aber nun an diesem Ort geschieht, darüber schweigen alle: Die Macher ebenso wie die Besucher. Ebendarum gehe es ja, sagt Andrija Belosevic. Diese Erfahrung solle jeder selbst machen, als Reise abseits der gewohnten Pfade. Das leuchtet ein, sind Labyrinthe doch eine uralte Erfindung der Menschheit; schon aus vorchristlicher Zeit sind Irrgarten-Skizzen überliefert. Das Bedürfnis, sich zu verlieren, ist offenbar eine anthropologische Konstante. Im "Peristal Singum" indes geht es darum, sich zu finden, oder zumindest zu einem Teil seiner selbst, der bislang verborgen blieb. Eine Vorstellung, die den meisten wohl noch weniger behagt als Finsternis und Orientierungsverlust.

Hilft ja alles nichts: Ein Selbstversuch muss her. In der "Wilden Renate" steht Andrija Belosevic auf einem Podest und schnippelt Zwiebeln. Der Torwächter des "Peristal Singum" drückt dem Besucher gegen einen Obolus eine goldene Münze in die Hand. Dann heißt es warten - das Labyrinth darf nur einzeln betreten werden. Im Abstand von zehn Minuten verbinden Andrija oder sein Gehilfe den Wartenden die Augen mit einem roten Seidenschal und führen sie durch den Vorhang, hinter dem sich eine Schleuse verbirgt. Sobald der Besucher hier die Münze einwirft, kann er die Tür vor sich öffnen - doch die Pforte hinter ihm verschließt sich dann. Von nun an gibt es kein Zurück.

Die Welt, die sich auftut, ist schrillbunt und stockdüster, mal beklemmend oder obszön, dann wieder faszinierend, irritierend oder schlichtweg schön. Man stolpert durch eine Kulisse, wie sie sich Tim Burton und Salvador Dalí bei einem Teller Haschkekse hätten ausdenken können, klettert und kraxelt und krabbelt auf allen Vieren, macht kehrt, hält inne. Andrija sagt, die drei Schöpfer hätten all ihre Gefühle und Gedanken aus Kopf, Herz und Bauch zusammengepackt und daraus das "Peristal Singum" erschaffen; und tatsächlich könnte dieses Labyrinth mit seiner Geräuschkulisse auch ein Organismus sein, der atmet und pulsiert. Dann und wann stößt man auf andere Besucher, darunter etliche, die den Ausgang schon gefunden haben, sich aber weiter umsehen wollen. Zwischen drei Minuten und drei Stunden haben Leute hier schon verbracht, den Weg heraus gefunden haben letztlich alle. Viele waren begeistert, manche wollten nie wieder kommen. Wer Angst vor Dunkelheit oder engen Räumen hat, sollte diesen Ort tatsächlich besser meiden. Alle anderen erleben hier etwas, das je nach Gemüt und Seelenzustand irgendwo zwischen Abenteuerspielplatz für Erwachsene, Kuriositätenkabinett und Selbstfindungstrip liegt.

Eine Dreiviertelstunde später ist der Ausgang des "Peristal Singum" gefunden. Die Nachwirkungen: leicht aufgeschürfte Fingerknöchel, ein kleiner Adrenalinkick - und ein Kopfkino, dessen Bilder noch berauschen, wenn man längst wieder in der S-Bahn sitzt.