Berliner Illustrirte Zeitung:
Was verbinden Sie mit Berlin und Ihrem Vater, dem weltberühmten Architekten und Bauhaus-Gründer Walter Gropius?
Ati Gropius Johansen:
Mein Vater liebte Berlin. Er stammte aus einer renommierten Berliner Architektenfamilie, sein Großonkel hat den Martin-Gropius-Bau entworfen. Walter Gropius hat sich aufgrund der intellektuellen Atmosphäre der Stadt in Berlin immer sehr wohl gefühlt und sich selbst auch als Berliner empfunden. Bevor er nach Amerika ging, hatte er wohl auch diesen typischen Berliner Dialekt - und wenn er von seinen Berlin-Aufenthalten nach Amerika zurückkehrte, erzählte er auch immer Witze mit dem speziellen Berliner Humor.
Was war Ihr Vater für ein Mensch?
Es ist nicht einfach, seinen Charakter kurz zu umschreiben, der meiner Meinung nach die Grundlage für seine Genialität war. Vor kurzem habe ich deswegen ein kleines Büchlein herausgegeben, in dem ich einen Einblick hinter die Fassade der berühmten, öffentlichen Person, Walter Gropius, gegeben habe (Walter Gropius. The Man Behind the Ideas). Mein Vater war warmherzig, großzügig, charmant, naturliebend, humorvoll, trotz zahlreicher Rückschläge und Verluste optimistisch, lebensfroh und immer sehr weltoffen. Vor allem hatte er Ideen, die ihm selbst so wichtig waren, dass er die Leute mitgerissen hat. Er war voller Enthusiasmus und Glauben, dass sich das moderne Denken durchsetzen wird und das hat Leute angesteckt, die auch vorwärts wollten. Dennoch war er keineswegs dogmatisch oder egozentrisch. Mein Vater vertrat ein sehr kooperatives Verständnis von Architektur und sah Zusammenarbeit als höchstes zu erreichendes Gut an. Es ging ihm nicht darum zu zeigen, was er alleine als Architekt erreichen kann, vielmehr ging es ihm darum, das architektonisch Beste in Zusammenarbeit mit Stadtplanern, Ökonomen, usw. zu erreichen, um spezifische Probleme zu lösen.
Was halten Sie selbst von der heutigen Architektur?
Ich bin keine Architektin, deswegen kann ich diese Frage kaum beantworten. Ich habe aber den Eindruck, dass heute das Erscheinungsbild der Architektur zum Teil übermächtig geworden ist. In der Bauhaus-Architektur bestimmte die Funktion das Erscheinungsbild, heute geht es oft um die Einzigartigkeit eines Gebäudes, die die Funktion bestimmt. Ich denke, ein Gebäude sollte in seiner Architektur die Lösung für etwas sein, sei es ein Problem des Wohnens und Zusammenlebens oder auch der Produktion und des Arbeitens.
Die Fragen stellte Jan Draeger

