E-Commerce

Start nach Maß

Kleidung im Internet bestellt, aber die Größe passt nicht? "Upcload" verspricht die Lösung: Per Webcam kann man sich wie beim Schneider messen lassen, die Größen werden dann auf gängige Marken umgerechnet. Ein Millionen-Projekt - wenn es funktioniert

"Sebastian war der Beste unseres Jahrgangs", sagt Asaf Moses auf dem Flachdach seines Büros in der Berliner Ziegelstraße, in Mitte, wo sonst. "Direkt nach seinem Studium erhielt er etliche Angebote. Aber nach einem Bewerbungsgespräch bei einer renommierten Unternehmensberatung rief er trotzdem mich an." Zehn Mal habe er angerufen und immer wieder gesagt: "Ich steige ein. Lass es uns machen, lass uns gründen." Der gebürtige Israeli Moses war mit dem Ziel, sich selbstständig zu machen, nach Deutschland gekommen. Er studierte Volkswirtschaft an der Humboldt-Universität. Während der ersten Pause seines ersten Tages an der Uni traf er auf Sebastian Schulze. Drei Jahre später schlossen die Kommilitonen ihr Wirtschaftsstudium mit dem Bachelor-Grad ab. Schulze ist 23, Moses 27, keiner von ihnen hat Kapital oder Berufserfahrung. Aber beide sind besessen von Moses Idee, textiles Onlineshopping mittels Webcam-Körpervermessung verlässlicher zu machen. Die Konfektionsgrößen variieren von Marke zu Marke, ein XL von Adidas muss noch lange kein XL von einem Mitbewerber sein. Wenn Onlineanbieter von Textilien nun mit verlässlichen Daten arbeiten könnten, würden sich ganz neue Möglichkeiten ergeben. Die Idee kam dem jungen Israeli, nachdem ihm mehrere Ebay-Errungenschaften nicht passen wollten - heute heißt sie "Upcload", ist millionenschwer und preisgekrönt. Das "Wall Street Journal" bezeichnete das Start-up als eines der interessantesten überhaupt. Die beiden jungen Gründer wohnen trotzdem noch in ihren Studenten-WGs.

In der obersten Etage eines Verwaltungsgebäudes der Humboldt-Universität ist die Eingangstür ausgehebelt. Sie steht neben einem hüfthohen Karton mit aussortierten Akten und leeren Mateteeflaschen. Alle anderen Türen stehen weit offen. Sebastian Schulze sitzt in dezent gestreiftem Hemd vor seinem Notebook. Die Sonne scheint ihm auf den Rücken und bricht sich in dem staubigen Plexiglas mehrerer Gründer-Awards neben ihm. "Der ist heiß, der ist definitiv interessiert", gibt Schulze in das Mikrofon seines Headsets und schwingt auf seinem Drehstuhl hin und her. Dynamisch, aus der Hüfte heraus. "Ich glaub, ich kann das ganz gut pushen", telefoniert Schulze. Unterstreichend tippt er mit dem Daumen auf den Knopf seines Kugelschreibers. Der Stuhl, auf dem Schulze sitzt, sowie die Büro-Räumlichkeiten, in denen er sich befindet, sind nicht seine. Sie werden ihm im Rahmen eines Gründer Unterstützungs-Programms von seiner ehemaligen Uni gestellt. Auch die kleinen Mädchen, die neben Schulze auf Fotos von der Tapete grinsen, sind nicht seine eignen, sondern die seiner Schwester. Sie leben in seiner Geburtsstadt Dresden. Er sieht sie selten. Eine Beziehung ist für den 25-jährigen "Upcload"-Chef seit zwei Jahren "zeitlich schwer umsetzbar", wie er sagt. 19 Mitarbeiter beschäftigt er aktuell, die meisten davon sind älter als er.

So auch Steffen Poralla, der Schulze direkt gegenüber sitzt. Sein Schreibtischstuhl ist weniger imposant als der seines Vorgesetzten - und statt einer Marken-Aktentasche liegt ein Rucksack unter seinem Schreibtisch. Der 26-Jährige hat ein Online-Aufgabenverwaltungstool geöffnet. "Jeden Morgen pflegen Sebastian und ich hier ein, was zu tun ist, und fügen per Klick die Mitarbeiter hinzu, die sie erledigen sollen."

Seit Kurzem wird der Körpervermessungsdienst von "Upcload" im Onlineshop des Otto-Konzerns angeboten. Mit einer als Maßstab in der Hand gehaltenen CD soll sich der Kunde vor die Webcam stellen. Die fotografiert und vermisst dann. Später gleicht die Applikation die genommenen Maße mit der Kleidung ab. Würde sie beim Kunden weit, eng oder sehr eng sitzen? Bis wohin reichen die Ärmel? Eine Grafik veranschaulicht den Sitz des Textils am Kundenkörper. Poralla und Schulze werden heute häufiger telefonieren. Bereits interessierte Konzerne sollen auf die Otto-Kooperation hingewiesen werden. Auf einem Whiteboard sind sie paar dieser Kunden notiert. Keiner von Ihnen ist ein Unbekannter.

Zu der Öffentlichkeitsarbeit bei "Upcload" kam der studierte Historiker Poralla über einen Bekannten. Textmarker, Taschenrechner und Mehrkopfstecker liegen um seinen provisorisch anmutenden Arbeitsplatz verstreut: "Ich weiß, dass das hier kein Familienunternehmen wird", sagt er. "Was mich an dem Job aber reizt, ist die Tatsache, dass ich hier täglich vor einer neuen Herausforderungen stehe." In der kommenden Woche heißt diese Herausforderung Philipp Rösler. Der Wirtschaftsminister plane Start-ups prominenter auf seine Agenda zu setzten. Bei "Upcload" wolle er sich publikumswirksam vermessen lassen. "Das Treffen muss noch besser organisiert werden", sagt Schulze. Poralla nickt. Wie genau er das machen wird, weiß er noch nicht. Er wird es herausfinden.

"Weder Asaf noch ich hatten am Anfang viel IT-Knowhow", sagt Schulze. "Als wir beschlossen, uns selbstständig zu machen, standen wir also nicht nur vor den Herausforderungen, weder Startkapital, noch Berufserfahrung zu haben, sondern konnten ebenso nicht sicher sein, ob unsere Idee überhaupt umsetzbar sein würde." Dennoch hatte Schulze wenig Interesse, sich in einem bereits bestehenden Unternehmen hochzuarbeiten. "Dort öffnet man ein Modul und arbeitet es nach einem vorgegebenen Schema ab", meint der Gründer. "Für ,Upcload' mussten wir unsere Ideen hingegen selbst erst mal in mögliche Handlungsschritte umwandeln." Aus Moses Kreuzberger WG heraus schrieben die Jung-Unternehmer in einem ersten Schritt potenzielle Kunden an: Wäre ein Webcam-Vermessungstool für Ihren Online-Shop interessant? Per Mitfahrgelegenheit fuhren die Berliner zu Onlineversandhäusern.

Überall war man sich einig: Eine vermessende Webcam könnte kostenintensive Retouren eindämmen. Nach der Marktanalyse konnten Moses und Schulze im Mai 2010 zwei erfahrene Entwickler für ihr Projekt gewinnen. Da sie den Spezialisten derzeit kein Gehalt zahlen konnten, stiegen sie als Gesellschafter ein. Im Dezember 2010 begossen Moses und Schulze ihre notariell besiegelte Gründung schließlich mit mitgebrachten Rotwein bei Burger King. Für mehr reichte ihr Budget damals nicht. "Es existiert ja diese Vorstellung, dass in Start-ups viel gefeiert wird", sagt Schulze. "Das kann ich für uns nicht bestätigen." Im ersten Jahr arbeiteten die Jung-Unternehmer häufig bis vier oder fünf Uhr morgens. Um neun standen sie wieder auf. Dass ihr Produkt eines Tages funktionieren würde, darauf hatten sie weder Einfluss noch eine Garantie. Trotzdem mussten sie sich um Förderprogramme und Investoren bemühen.

Asaf Moses führt seit vier Jahren eine Fernbeziehung nach Köln. Seine Freundin habe ihm nicht immer die gewünschte Rückendeckung geboten, sagt der Gründer. Anfangs habe sie nicht daran geglaubt, dass die Idee ihres Partners funktionieren könne und habe zudem nicht verstanden, wie Moses bereit sein konnte, rund um die Uhr vor dem Computer zu sitzen; ohne jede Bezahlung, ohne mit ihr zu verreisen oder sie auch nur zu besuchen. Seitdem 2011 die ersten Förderungen und Investoren auf das Projekt setzten, habe sich ihre Meinung aber geändert. "Am Anfang war es Unverständnis und Angst, heute ist es Begeisterung und Neid", beschreibt Moses auch die Reaktionen seiner Eltern. Moses Mutter ist Lehrerin, sein Vater Flugzeugingenieur, seit 33 Jahren arbeitet er für den gleichen Konzern. Aber jeder habe doch einen Traum, dem er eigentlich lieber nachgehen würde, sagt Moses: "Und ich war eben mutig genug, diesen Traum auch in die Tat umzusetzen."

Anders als Schulze sitzt Moses nicht in einem eigenen Büro, sondern mitten im Raum, neben den Kleidungsvermessern, Entwicklern und Grafikdesignern. Nicht ein persönlicher Gegenstand steht auf seinem Schreibtisch. "Ich habe die Pflanzen", witzelt Asaf, mit Wink in Richtung ein paar müder, eingetopfter Grünlinge. Auch für Freunde habe er momentan keine Zeit. Ein Privatleben führe er schlicht und ergreifend nicht. "Ich weiß, dass das krank ist", sagt er: "Aber niemand hat Erfolg, weil er irgendwann mal irgendwas nebenbei gemacht hat." Die Phase, als sie noch eine Fantasie verkauften, von der nicht klar war, ob sie jemals Realität werden würde, habe ihn damals schlaflos gemacht. Heute beruhigen ihn die täglich eingehenden Nutzerstatistiken von Otto. "Mittlerweile haben wir über 9100 User", sagt Moses, während er gemeinsam mit einer IT-Entwicklerin die Daten ausliest. "Manche Nutzer brechen den Scanvorgang ab, oder melden sich in kurzer Zeit drei Mal hintereinander mit anderen Maßen an. Das verstehe ich nicht", sagt Moses. Was will der Nutzer? Was braucht er? Diesen Fragen muss die junge Firma in nächster Zeit nachgehen. Upcload funktioniert. Jetzt muss ihr Dienst optimiert werden.

Mit einem Meldebogen vom Bürgeramt in der Hand, rauscht Conny Schmitz, eine freie Mitarbeiterin, in Schulzes Büro. "Sebastian, was soll ich in Toms Formularen unter ,Ausgeführter Tätigkeit' angeben?", fragt sie. "Vice President of Technology and Operations", ordert ihr Chef. "Also Abteilungsleiter der Technologie", schlussfolgert die 28-Jährige. "Und was sind Operations?" Sebastian überlegt: "Prozesse" "Tom ist also neuer Abteilungsleiter für Technologie und Prozesse?", fragt Schmitz ungläubig und das Dreiergespann lacht.

Tom Shenhav ist 31 Jahre alt, Programmierer polnischer und israelischer Staatsbürgerschaft. Zuvor hat er bei einem internationalen Elektronikkonzerns gearbeitet und Smartphone-Kameras mitentwickelt. Auf jede deutsche Bewerbung, die bei "Upcload" eingeht, kämen zwei bis drei internationale. Und häufig seien die "Internationals" höher qualifiziert, sagt Schulze. Beim Besuch des Vize-Kanzlers in der kommenden Woche will er diesen Punkt zur Sprache bringen: "Das Image von Start-ups ist in Deutschland nur gut, solange man selber gegründet. Als Mitarbeiter bei einem Start-up anzufangen wird hingegen nicht so positiv bewertet. Dabei verdient man hier ebensoviel, wie in einem mittelständischen Unternehmen", meint Schulze. Conny Schmitz ist gelernte Visagistin. Ab September wird sie bei einem anderen Start-up, als Office Managerin fest einsteigen. "Mir geht es dabei vor allem um interessante Aufgaben in einer entspannten Arbeitsatmosphäre", sagt sie: "Ich bin kein Typ für eine biedere Kanzlei." Upcloads neuem Vice President of Technology and Operations wird sie in den nächsten Tagen sowohl ein Zimmer zur Zwischenmiete, als auch ein Fahrrad besorgen.

Mit 24 und 27 Jahren halten Schulze und Moses ihre ersten Million in den Händen. "Na ja, auf dem Konto", wiegelt Schulze ohne Augenzwinkern ab. "Wir sind vorher von vielen Investoren und Förderungen abgelehnt worden. Dass wir voriges Jahr endlich Gelder erhalten haben, war notwendig und mehr eine Erleichterung als eine Freude", sagt Moses. Geld habe derzeit ohnehin keinen Einfluss auf ihren Lebenswandel. Viel mehr sei Geld Luft, welche die Firma zum Weiteratmen benötigte. "Sebastian und ich sind momentan wahrscheinlich die am schlechtesten verdienenden Mitarbeiter bei Upcload", sagt Moses: "Wir beziehen ein Gründerstipendium des Wirtschaftsministeriums." 2000 Euro erhalten er und Schulze monatlich. Da sie ihrer Firma nichts kosten, versuchen die Unternehmer möglichst viele Aufgaben selbst zu übernehmen. Von Putzen, bis hin zur Klärung von Rechtsfragen. Zum Mittag gibt es in der Mikrowelle erhitzte Nudeln mit Bohnen und Hähnchen.

In den nächsten Tagen wird Asaf Moses nach San Francisco fliegen. Die Expansion nach Amerika ist der nächste Schritt. Die Kooperation mit dem kalifonischen Outdoor-Ausstatter "The North Face" ist bereits beschlossene Sache. "Es ist an der Zeit, dass wir nicht nur Investorengelder einnehmen, sondern auch Umsatz machen", sagt Moses. In spätestens anderthalb Jahren werden er und sein Partner absehen können, ob sie ihr Ziel, den großen Exit, erreichen werden. Ob sie danach noch einmal gründen würden? Moses weiß nur eins, er wird sich wieder auf die Suche nach neuen Herausforderungen begeben: Sebastian Schulze betont, er würde nach Upcload erst Mal versuchen, den Interessen nachzugehen, die er momentan zu sehr vernachlässige: Reisen und Entwicklungshilfe. Noch mal zu gründen, kann er sich aber auch vorstellen. Und wenn es nur das Risikounternehmen "Familie" sein sollte.