Der Tag verspricht Spannung, zumindest was das Wetter für Berlin an diesem Freitag, dem 17. August 1962, betrifft. Ein kleines Zwischentief zieht von der Ostsee her auf die geteilte Stadt zu, die hochsommerliche Hitze der vergangenen Tage weicht einer drückenden Schwüle. Der Himmel ist bewölkt, für den Abend werden Schauer erwartet.
An der Mauer sieht alles nach Normalität aus: "Die offenen Angriffe auf unsere Grenzposten an der Staatsgrenze" treten in den ersten Stunden dieses Tages "nicht so massiert in Erscheinung wie an den Vortagen", heißt es im Rapport Nr. 229 des Ost-Berliner Präsidiums der Volkspolizei.
Bald nach sechs Uhr früh machen sich die Bauarbeiter Peter Fechter in Weißensee und Helmut Kulbeik in Friedrichshain auf den Weg in die Stadtmitte. Die Freunde, beide 18 Jahre alt, haben schon seit Wochen über eine mögliche Flucht in den Westen gesprochen, sogar schon mögliche Orte ausgespäht. Sie kennen eine Stelle an der Zimmerstraße, die ihnen geeignet erscheint. Doch eine Entscheidung über das Wann haben der agile, große Kulbeik und der eher schmächtige, stille Fechter noch nicht getroffen. Vor ihnen liegt an diesem Tag ein anstrengender Arbeitstag. Den Morgen über arbeiten sie auf ihrer Baustelle. Dann schlagen ihnen zwei Kollegen aus ihrer Brigade vor, auf ein Bierchen mitzukommen in die Kneipe "Bullenwinkel" am Hausvogteiplatz. Gegen 11.45 Uhr ist die Pause vorbei, und die vier machen sich auf den Weg zurück. Für Fechter und Kulbeik eine ideale Gelegenheit: Jetzt können sie sich endlich absetzen, ohne Aufsehen zu erregen.
Zwei verdächtige Personen
Kurz nach zwölf Uhr fallen dem Unteroffizier Rolf Friedrich zwei junge Männer in Arbeitskluft auf. Als Postenführer des Postens 4 der 1. Kompanie beobachtet er vom Kontrollpunkt an der Markgrafenstraße aus das Hinterland der innerstädtischen Grenze, während der ihm heute zugeteilte Posten, der Gefreite Erich Schreiber, das Sperrgebiet selbst im Blick behält. Friedrich kommen die beiden verdächtig vor. Wenige Minuten später sieht auch Feldwebel Hans Schönert vom Nachbarposten 3 auf der Charlottenstraße die beiden Männer. Inzwischen stehen sie vor einem Gemüseladen an der Schützenstraße und schauen in Richtung Sperrgebiet. Schönert greift zum Feldtelefon seines Kontrollpunktes und informiert seinen Gruppenführer. Wie jeden Tag hoffen die Posten, während ihrer Schicht möge nichts passieren. Um 15 Uhr ist Wachwechsel.
Fast eine Viertelstunde stehen Peter Fechter und Helmut Kulbeik an dem Gemüseladen, dann gehen sie die Schützenstraße zurück Richtung Osten und betreten durch eine lange Zufahrt die Tischlerei im teilweise kriegszerstörten Haus Nr. 8. In ihrer dunklen Arbeitskleidung sehen sie aus wie Beschäftigte der Firma. Problemlos gelangen sie über einen Hof mit teilweise schon vermauerten Fenstern in das Gebäude Zimmerstraße Nr. 72-74. Es ist düster, Türen und Fenster sind verrammelt. Nur ein kleines Oberlicht in mehr als drei Metern Höhe lässt etwas Helligkeit herein. Die Öffnung von vielleicht 50 mal 60 Zentimetern ist aber mit Stacheldraht gesichert. In der Halbdämmerung erkennen Fechter und Kulbeik, wie vor ihnen große Haufen Hobelspäne liegen. Sie kriechen darunter, verharren dort still und wollen Kraft sammeln für die entscheidenden Sekunden, die sie vor sich haben: Nur etwas mehr als zehn Meter trennen sie von West-Berlin, von der Freiheit.
Knapp anderthalb Stunden später ist es soweit: Fechter klettert hoch, verrenkt seinen Körper, um sich durch die enge Öffnung zu zwängen, und springt vorsichtig hinunter, um so nah wie möglich an der Hauswand zu landen, im toten Winkel der Wachposten. Kulbeik folgt. Für beide ist es ein Sprung ins Ungewisse: Vielleicht patrouillieren auch auf der Zimmerstraße Streifen? Das kann sie nicht mehr schrecken, sie kennen nur eine Richtung: nach West-Berlin, in die Freiheit. Sie rennen los, mitten hinein ins Schussfeld der beiden Doppelposten. Peter Fechter läuft als Erster, Helmut Kulbeik folgt ihm mit wenigen Schritten Abstand. Es ist wenige Sekunden nach 14:10 Uhr.
Als Erster nimmt der Gefreite Erich Schreiber vom Posten 4 Markgrafenstraße die schnelle Bewegung der beiden Flüchtenden rechts von sich wahr. Instinktiv ruft er seinem Postenführer Rolf Friedrich zu: "Da flitzt einer!" Der Unteroffizier gibt noch zurück: "Wo denn, ich sehe keinen", dann zieht er den Abzug seiner Kalaschnikow schon durch. Die Waffe ist auf Dauerfeuer gestellt, Friedrich gibt aus der Hüfte mehrere Feuerstöße ab, 17 Kugeln insgesamt. Schreiber drückt ebenfalls ab, zwei Feuerstöße.
Nur einen Wimpernschlag später nimmt auch der Gefreite Siegfried Buske vom Posten 3 an der Charlottenstraße die Flüchtlinge wahr und drückt ab - möglicherweise zu einem Warnschuss in die Luft. Als sein Postenführer Hans Schönert diesen Schuss hört, wendet er sofort den Blick Richtung Sperrgebiet, reißt sein Gewehr hoch und schießt. Etwa 55 Meter liegen zwischen ihrem Standort, dem Sockel einer alten Litfaßsäule, und den beiden Flüchtlingen. Neun Schuss gibt Schönert ab, dann muss er in Deckung gehen, weil Kugeln aus den Waffen der Kompaniekameraden als Querschläger in seiner Nähe einschlagen. Nach nicht einmal zehn Sekunden ist das Schießen vorüber.
In genau diesen Sekunden rennt Kulbeik quer über die Zimmerstraße, windet seine 1,85 Meter geschickt durch den gitterförmig gespannten Stacheldraht vor der Mauer, zieht sich auf die Betonsperre hoch und unter den ypsilonförmigen Stacheldrahtträgern hindurch. Da registriert er aus dem Augenwinkel, dass sein Freund wie angewurzelt auf der Ost-Berliner Seite der Mauer steht. Kulbeik ruft ihm noch zu: "Nun los, nun los, nun mach doch!", dann rutscht er über die Mauerkrone. Hinter sich hört er weitere Schüsse. Aber er kommt durch. Mit Ausnahme von Kratzern an Armen und Beinen ist er unverletzt.
Ganz anders ergeht es Peter Fechter. Zwar trifft ihn nur ein einziges der insgesamt 34 abgefeuerten Stahlgeschosse vom Kaliber 7,62 Millimeter, aber es durchschlägt seine rechte Beckenschaufel. Der Schusskanal verläuft schräg nach oben durch den ganzen Unterkörper; die Kugel zerreißt Dick- und Dünndarm sowie die Beckenschlagader, zertrümmert seine linke Beckenschaufel und tritt elf Zentimeter über der Einschusswunde wieder aus. In Fechters Körper gerät die Kugel ins Trudeln, die Austrittswunde ist elf Millimeter breit und 22 Millimeter lang. Die Energie des Einschusses reißt Fechter von den Beinen, er stürzt längs zur Mauer hin, keinen halben Meter vor ihr entfernt.
Ganz dicht am Geschehen befindet sich Renate Pietsch. Die 17-Jährige steht auf der Charlottenstraße im Osten, nur wenige Meter entfernt von der Straßensperre aus Betonelementen. Sie hat schon Feierabend und wartet auf ihren Freund Wolf-Dieter Zupke, der wie sie in der Druckerei des Union-Verlags arbeitet. Plötzlich knallt es nur wenige Meter hinter ihr. Die junge Frau, die bis zum Mauerbau eine Lehrstelle als Schneiderin in West-Berlin gehabt hat, nun aber als ungelernte Kraft in der Druckerei arbeiten muss, dreht sich sofort um. Am Rande ihres Blickfelds sieht sie eine männliche Gestalt auf der Mauer und hört noch so etwas wie: "Nun mach doch!", dann wirbelt eine zweite männliche Gestalt in dunklen Kleidern vor der Mauer herum und bricht zusammen.
In diesem Moment erreicht Wolf-Dieter Zupke seine zukünftige Verlobte. Der 19-Jährige hat vom Zugang zur Union-Druckerei aus verfolgt, was sich rund 60 Meter vor ihm im Sperrgebiet abgespielt hat. Auch er nimmt eine schnell laufende männliche Gestalt wahr, die unmittelbar vor der Mauer zusammenbricht, während geschossen wird. Renate Pietsch berichtet ihm empört, was sie kurz zuvor gesehen hat. Da weist sie auf die beiden Uniformierten, die in einem niedrigen Graben Deckung genommen haben, und sagt: "Die müsste man fotografieren."
Auf West-Berliner Seite reagiert der Polizeiposten an der Lindenstraße sofort, als die ersten Schüsse fallen, und alarmiert per Telefon die Einsatzzentrale des Präsidiums. Dort nimmt der diensthabende Beamte um 14:12 Uhr die Meldung auf und schickt drei Funkstreifenwagen los. Innerhalb von drei Minuten sind sie an Ort und Stelle. Die Grundstücke gegenüber der Ruine Zimmerstraße Nr. 72-74 sind abgeräumt. Nur zwei kleine Podeste stehen dort, von denen aus man über die Mauer hinweg nach Ost-Berlin schauen kann; ansonsten wächst hier nur Gras. Jetzt allerdings versammeln sich auf dem Areal rasch einige West-Berliner, die wissen wollen, was genau soeben geschehen ist. Sie hören auch Fechters verzweifelte Rufe: "So helft mir doch, helft mir doch!"
Zur selben Zeit befindet sich bereits der junge Fotoreporter Wolfgang Bera vor Ort. Er hat die Schüsse gehört, als er auf dem Weg in die "Bild"-Redaktion ist, um belichtete Filme abzugeben. Sofort rennt er die kaum 100 Meter herüber. Mehrfach springt er hoch, um über die Betonplatten einen Blick in die Sperrzone zu erhaschen, aber er kann kaum etwas sehen. Bera will schon aufgeben, als er auf einmal eine Bewegung auf Ost-Berliner Seite bemerkt. Im vierten Stock im Haus Zimmerstraße Nr. 70 steht eine alte Frau am Fenster. Sie zeigt deutlich auf eine Stelle hinter der Mauer. Bera versteht sofort, was sie meint. Er läuft hin und klettert an der Mauer hoch, dann sieht er Fechter. Der Fotograf drückt auf den Auslöser.
Gegen 14:15 Uhr treffen Polizeimeister Harry Bergau und sein Kollege mit dem ersten Funkstreifenwagen ein. Sie sehen auf West-Berliner Seite Dutzende aufgeregte Menschen und Bera, der sich von westlicher Seite an die Mauerkrone klammert. Schnell erfahren die Polizisten, unmittelbar hinter der Mauer liege auf Ost-Berliner Seite ein Flüchtling, offenbar schwer verletzt. Bergau zögert nicht lange, geht vor zur Mauer, die drei Meter hinter der offiziellen Sektorengrenze auf Ost-Berliner Gebiet steht, und hangelt sich neben dem blonden Reporter an der Sperre hoch. Eigentlich ist das ein schwerer Verstoß gegen die geltenden Dienstanweisungen. West-Berliner Polizisten haben, zumal in Uniform, den Befehl, die Demarkationslinie unter keinen Umständen zu überschreiten - denn die DDR-Posten sehen darin einen Angriff auf die Souveränität der SED-Diktatur.
Doch darum schert sich Bergau in diesem Moment nicht: Er will wissen, was sich wirklich hinter der Mauer abspielt. Als er seinen Kopf unter der Stacheldrahtkrone hindurchzwängen kann, sieht er einen jungen Mann auf dem Rücken direkt an der Mauer liegen. Der Polizeimeister hört, dass der Verletzte etwas sagen will, versteht ihn aber nicht. Bergau lässt sich aus dem Funkstreifenwagen ein paar Verbandspäckchen reichen, die er über die Mauer wirft. Doch Peter Fechter ist zu schwach, um damit etwas anfangen zu können. Er kann sich gerade noch auf seine rechte Seite drehen.
Auf West-Berliner Seite hat Herbert Ernst ebenfalls die Schüsse gehört. Der junge Kameramann, der für die westdeutsche Kino-Wochenschau regelmäßig aus Berlin berichtet, hat gerade in einem Fachgeschäft in der Friedrichstraße ein neues Objektiv kaufen wollen. Augenblicklich greift er sich seine Filmkamera und läuft hinüber zur Mauer. Er sieht Uniformierte und Zivilisten direkt an der Demarkationslinie stehen, weiß aber nicht, was vor sich geht; trotzdem beginnt Ernst die Situation zu filmen.
Die Amerikaner wollen nicht helfen
Vorn an der Mauer erkennt er seinen Bekannten Wolfgang Bera, der unter dem Stacheldraht hindurch fotografiert. Der rennt, kaum dass er seine Bilder gemacht hat, los, Richtung Friedrichstraße zum Checkpoint Charlie, wo US-Militärpolizisten Tag und Nacht Dienst schieben. Bera ist sich sicher: Nur sie können dem Verletzten helfen, denn Ost-Berliner Grenzer und Volkspolizisten dürfen US-Soldaten in Uniform weder kontrollieren noch aufhalten. Der Fotograf hofft, dass die GIs helfen werden, wird jedoch enttäuscht: Der diensthabende Sergeant hat bereits kurz nach den Schüssen mit seinem vorgesetzten Offizier telefoniert: Seine Männer und er sollen sich heraushalten. Also fertigen sie den Reporter hart und kalt ab: Das sei nicht ihre Sache.
Auf Ost-Berliner Seite hat Feldwebel Schönert inzwischen seinen Vorgesetzten informiert. Grenzer müssen jeden Fluchtversuch umgehend melden. Auf dem vorgesehenen Dienstweg erfährt Hauptmann Heinz Schäfer, zu diesem Zeitpunkt als stellvertretender Kommandeur der IV. Grenzabteilung direkter Vorgesetzter der beiden Doppelposten an der Charlotten- und der Markgrafenstraße, ein "Grenzverletzer", wie es im Jargon der Grenztruppen heißt, sei "unter Anwendung der Schusswaffe gestellt" worden. Die Person liege jetzt im Sperrgebiet, offensichtlich verletzt. Über die Schwere der Verwundung gibt die Meldung keinen Aufschluss. Schäfer, der in der Kaserne in Rummelsburg Dienst hat, befiehlt dem Zugführer, den Verletzten sofort zu bergen. Oberleutnant Martin Leistner verweigert dies allerdings. Nach den Schüssen hat er sich von einem Beobachtungsstand in der Hausruine Zimmerstraße Nr. 72-74 aus ein Bild gemacht. Durch die enge Schießscharte kann er zwar nicht viel sehen, aber er glaubt, auf West-Berliner Seite sechs bis acht Polizisten mit Gewehren im Anschlag ausgemacht zu haben. Die Uniformierten hätten ihm zugerufen, sie würden auf DDR-Grenzer schießen, sollten sie den Verletzten bergen wollen.
Schäfer nimmt seinem Untergebenen diese Darstellung ab. Dabei handelt es sich um eine reine Schutzbehauptung: Kein anderer Zeuge, weder auf West- noch auf Ost-Berliner Seite, hat auch nur etwas annähernd Ähnliches gehört. Im Gegenteil, mehrere westliche Beamte, darunter Harry Bergau, und einige Zivilisten, fordern die DDR-Grenzer auf, dem Schwerverletzten an der Mauer doch endlich zu helfen. Auch stehen nicht sechs bis acht Polizisten mit Gewehren im Anschlag auf einem Podest - ohnehin passen auf die einfache Holzkonstruktion nur maximal vier Personen. Zwar halten sich auf der Freifläche vor der Mauer nun einige Bereitschaftspolizisten auf, die Karabiner in den Händen, aber nur auf Hüfthöhe haltend, und sie stehen rund 20 Meter weg von der Mauer, die ihnen den Blick versperrt. Gezielt schießen kann man so kaum. Die Uniformierten wollen DDR-Grenzer nur von Schüssen auf West-Berliner Gebiet abhalten. Doch Schäfer hat die Hasspropaganda der SED gegen die "Frontstadtpolizei" so verinnerlicht, dass er seinem Oberleutnant glaubt. Sofort ruft er nach seinem Fahrer, zehn Kilometer trennen Schäfer vom Ort des Geschehens. Er will die Lage selbst prüfen und dann entscheiden, was zu tun ist.
Der Volkspolizist Heinrich Mularczyk wird ebenfalls über Funk darüber informiert, dass an der Sektorengrenze geschossen worden ist. Der Hauptwachtmeister ist Streifenführer der Polizeiinspektion Mitte und erhält den Auftrag, zur Charlottenstraße zu fahren und die Grenztruppen "abzusichern". Umgehend macht er sich mit seinem Funkstreifenwagen auf den Weg. Hilflos harren viele West-Berliner auf der Charlottenstraße aus, es graut ihnen bei dem Gedanken, dass wenige Meter entfernt gerade ein Mensch stirbt und sie nichts tun können. Manche empfinden Scham. Ähnlich ergeht es den Augenzeugen auf der Ostseite. Und je länger die Untätigkeit andauert, umso mehr kippt auf der Westseite die Stimmung. Immer häufiger und lauter hallt der Ruf "Mörder, Mörder" über die Mauer.
In der Redaktion der "Neuen Zeit", die im Verlagshaus Union ihren Sitz hat, beobachten mehrere Mitarbeiter das Geschehen. Obwohl der Chefredakteur des Parteiblattes der Ost-CDU bald die klare Weisung gibt, alle sollten von den Fenstern zurücktreten, schauen einige weiter hinaus. Dazu gehört auch Fotograf Dieter Breitenborn.
Er reißt das Fenster in seinem Büro auf. Von hier aus kann er die ganze Szenerie überblicken. Auf West-Berliner Seite sieht Breitenborn Streifenwagen, Uniformierte mit Gewehren und viele aufgeregte Zivilisten, die auf die Polizisten einreden. Auf der Ostseite entdeckt er weitere Grenzer, die in Deckung liegen. Der Fotograf schaut in die andere Richtung, zur Friedrichstraße.
Am Checkpoint Charlie fallen ihm US-Soldaten auf, die betont teilnahmslos auf Posten stehen, als bekämen sie nichts mit von dem, was sich in ihrer Nähe abspielt. Den Grund dafür kann auch Breitenborn nicht ausmachen. Wieder und wieder schaut er an der Ost-Berliner Seite der Mauer entlang, doch erst nach einigen Minuten fallen ihm Füße auf, die hinter einer der Verstärkungen hervorragen.
Als Breitenborn gerade hinauf zu seinem Zimmer rennt, kommt der Volkspolizist Mularczyk an der Sektorengrenze an. Zwar hat die Ost-Polizei im Sperrgebiet vor der innerstädtischen Grenze keinerlei Befugnisse, aber der 24-jährige Hauptwachtmeister kennt sich aus: Bis vor wenigen Monaten hat er selbst als Feldwebel ganz in der Nähe der Zimmerstraße Dienst bei den Grenztruppen geschoben. Ohne Zögern läuft er weiter zum Sperrgebiet. Seit den Schüssen ist etwa eine halbe Stunde vergangen.
Der erste Befehl lautet: Einnebeln
Wenige Minuten später trifft Hauptmann Heinz Schäfer ein. Rasch verschafft sich der 31-jährige Offizier einen Überblick, dann gibt er einen klaren Befehl: "Einnebeln!" Er fordert Mularczyk auf, ihn zu begleiten, und geht durch einen engen Durchlass im Stacheldraht direkt ins Sperrgebiet. Vom Ausländerübergang Friedrich-/Ecke Zimmerstraße nähern sich derweil zwei Gefreite der Grenztruppen. Horst Wurzel und Klaus Lindenlaub haben einen Entschluss gefasst: Sie wollen zu dem Verletzten laufen und schauen, ob sie ihm helfen können. Ohne Order eines Offiziers dürfen sie das allerdings nicht, weshalb sie längere Zeit gezögert haben. Jetzt stoßen sie auf Mularczyk und Schäfer. Der Hauptmann befiehlt ihnen, den Verletzten zu bergen. Sie stellen fest, dass er noch am Leben ist, und legen ihm einen Notverband an. Dann hebt einer der beiden den schlaffen Körper auf und trägt ihn vor sich die wenigen Meter bis zur vermauerten Kreuzung Charlottenstraße, während der andere hinterher geht und seinen Kameraden sichert. Sie legen den Verletzten direkt im Schatten der Mauer ab und winken Unterstützung heran.
Von seinem Fenster aus kann Dieter Breitenborn den Abtransport genau sehen. Er hat seine Kamera herausgenommen und dokumentiert, wie Wurzel und Lindenlaub vorrücken, wie sie sich über den Verletzten beugen und ihn in seine Richtung tragen. Der Fotograf ist allein im Zimmer und sehr darauf bedacht, keinem DDR-Grenzer und keinem Kollegen aufzufallen. Er verfolgt, wie auf das Winken der beiden Grenztruppengefreiten hin zwei weitere Uniformierte quer über das Sperrgebiet direkt bis an die Mauer gehen. Es sind Heinrich Mularczyk und ein weiterer Volkspolizist. Zu viert packen sie den Verletzten und tragen ihn so schnell wie möglich zum hinteren Stacheldraht. Damit verschwinden sie aus Breitenborns Blickwinkel.
Dafür sind sie jetzt von West-Berlin aus zu sehen. Herbert Ernst hat einige weitere Schwenks gedreht, um die Szenerie einzufangen. Die Nebelschwaden verraten ihm, dass gleich etwas geschehen wird. Ernst hastet über die Brachfläche zu einem der Podeste, auf dem schon zwei Polizisten stehen, schiebt sich an ihnen vorbei und hebt die Kamera. Genau im richtigen Augenblick. Denn Sekunden später rennen, exakt auf seiner Linie, die vier Ost-Uniformierten mit Peter Fechter aus dem Schatten der Mauer über den Todesstreifen zum Zaun. Für wenige Sekunden ist zu sehen, wie die Grenzsoldaten Wurzel und Lindenlaub den leblosen Körper über den Stacheldraht heben. Auf der anderen Seite stehen Hauptmann Schäfer und Mularczyk, der bereits hinübergestiegen ist.
Mularczyk trägt den 1,73 Meter großen, aber schmächtigen Fechter, als wöge er nichts, und steigt über die Fahrzeugsperre. Der hünenhafte Uniformierte läuft mit dem leblosen Peter Fechter in den Armen auch an den wenigen Zuschauern ganz nahe am Sperrgebiet vorbei. Einige weichen zurück. Es ist kurz vor 15 Uhr, knapp 50 Minuten sind vergangen, seit die Schüsse abgegeben worden waren.
Auch Renate Pietsch und Wolf-Dieter Zupke sehen dem Abtransport zu, sie sind ein Stück die Charlottenstraße hochgegangen und können so die Schützenstraße einsehen, in der ein normales Polizeifahrzeug steht, kein Krankenwagen. Die Funkstreife fährt los, so schnell wie möglich. Ziel ist das Krankenhaus der Volkspolizei. Um 15.08 Uhr trifft der Polizeiwagen in der Notaufnahme ein, doch der diensthabende Mediziner stellt nach zwei Minuten Untersuchung fest, dass jede medizinische Hilfe zu spät kommt.
Peter Fechter ist verblutet.
Lars-Broder Keil / Sven Felix Kellerhoff: Mord an der Mauer: Der Fall Peter Fechter. Herausgegeben von Thomas Schmid. Quadriga Verlag Berlin 2012. 192 S., viele Abbildungen. 19,99 Euro. Öffentliche Buchvorstellung am 8. August 19 Uhr im Mauer-Café Bernauer Straße 117, Mitte

