Sonnencreme. Man riecht sie schon, bevor Jens Westerbeck die Hand zum Schütteln ausstreckt. Süßer Duft nach blauem Himmel und Salzwasser. Das passt zu seiner kurzen Hose, den Lederslippern, dem hellblauen Maßhemd aus England. Da steht er, auf der Dachterrasse des "Hotel de Rome", an einem schwülen Tag mit dunklen Wolken. Wir haben noch kein Wort gesprochen, da hat er gewissermaßen schon ein Versprechen gegeben. Dass der Sommer dieses Jahr schön wird. Sein Lächeln sieht aus wie ein: ganz bestimmt.
"Heute ist mein Geburtstag", sagt Westerbeck und lässt sich die Weinkarte geben. "Jetzt feiern wir ein bisschen." Wer seinen Roman "Boatpeople" gelesen hat, könnte nun etwas Angst bekommen. Dort laufen Partys nie ohne Drogen, Champagner und Prostituierte. Sein Protagonist heißt Nick de la Mooring, ein zynischer Kokser, der mit Luxusbooten handelt. "Autobiografisch gefärbt" sei das Buch, sagt Westerbeck. Aber wie sehr?
Überrascht stellt man fest, dass Westerbeck einen Ehering trägt. Ganz gesittet. Wahrscheinlich muss er doch früh nach Hause. Noch etwas passt nicht ganz zu seinem St.-Tropez-Look: Sein Maßhemd ist etwas zu groß. Es stammt, wird er später sagen, aus seinem früheren Leben. Als er selbst als Yachtbroker arbeitete und den reichsten deutschen Familien die teuersten Boote verkauft hat. Damals gab es schon vormittags Champagner. Kein schlanker Lebensstil war das.
Seinem Hemd mag Westerbeck entschrumpft sein, seine Rolle als Verkäufer hat er noch drauf. Man muss etwas vorsichtig sein, schließlich hat er mal erzählt, er sei der Junge gewesen, der seit Jahrzehnten die Verpackung von "Kinderschokolade" schmückt. Optisch haut das hin, die Ähnlichkeit ist verblüffend. Doch es stimmt nicht. Westerbeck sagt, dass er das mal aus Spaß behauptet hat, auch um sich bekannter zu machen. Er gibt das freimütig zu. So, als erzähle er einen guten Witz.
Ist er ein Hochstapler? Nein, so liest sich seine Vita nicht. Westerbeck, Sohn eines Gemüsehändlers aus Westfalen, wurde Yachtbroker in Cannes und St. Tropez. Sein Roman ist gerade neu aufgelegt worden im Verlag Heyne Hardcore ("Underground, Spannung, Erotik") und als Hörbuch erschienen, gesprochen von Benjamin Völz, Synchronstimme von Charlie Sheen. Er schreibt auch Gags für Atze Schröder, der sein Kumpel ist, und arbeitet im Team des wohl bekanntesten Deutschen, Thomas Gottschalk. In seinen Büchern geht es viel um unverbindlichen Sex, aber Westerbeck selbst pendelt von Berlin nach Bünde zu seiner Frau und seinem Sohn. Er ist erst 35 Jahre alt und seit 13 Jahren verheiratet. Gerade schreibt er an "Löffelchenstellung", der Forstsetzung von "Boatpeople". Hauptfigur ist nicht mehr Nick de la Mooring, der verkokste Yachtmakler, sondern dessen Frau.
"Ich setze mich beim Pinkeln hin, seitdem ich aus ihrer Perspektive schreibe", sagt Westerbeck und zündet sich eine Marlboro an. "Ansonsten ist die Frau in meinem Buch natürlich ebenso ein Dreckskerl wie ihr Mann."
Gefühlt wie beim Milchstau
Nun mal langsam. Man fragt sich, wie das alles angefangen hat. Westerbecks Geschichte beginnt im Alter von 28 Jahren, mit der Geburt seines Sohnes. Seine Frau hatte gerade einen Friseursalon eröffnet und Westerbeck sagte, er kümmere sich ein, zwei Jahre um das Kind: "Das Schnullertaxi machen." Aber dann sitzt er täglich mit anderen Müttern in Cafés seiner Stadt mit 60.000 Einwohnern. "Ich habe mich gefühlt, als hätte ich einen Milchstau", sagt er. "Eine langweilige Scheiße war das." Sein Plan: Eine Disco aufmachen. Freitag und Samstag arbeiten, sonntags ausschlafen, montags die Getränke für die Bar bestellen. Die anderen Tage frei. Er findet eine schöne Industriehalle, clubtauglich. Der Besitzer dieser Immobilie handelt mit Yachten. Und weil der an Westerbeck irgendwas findet, nimmt er ihn mit ins französische Cannes auf eine Messe, wo er sich die Angebote der Konkurrenten anschauen soll. Kurz nach der Rückkehr gibt Westerbeck seinen Sohn in der Kita ab ("Irgendwann wirst du Papa mal dafür danken", denkt er). Dann reist er nach Genua, auf die größte Bootsmesse der Welt. Er ist im Geschäft.
Yachten fangen in der Liga einer Mercedes-S-Klasse oder eines Bentleys mit Preisen von zwei Millionen Euro an. Die kaufen sich in der Regel nur Menschen, die mindestens das Zehnfache an Geld haben. Die Schmuck und Autos besitzen und noch ein "Ausrufezeichen" für ihren Reichtum suchen, wie Westerbeck sagt. Gezahlt wird meist bar, kaum eine Bank finanziert Yachten, zu unsolide. Zumal sie oft für Fantasiepreise den Besitzer wechselten. Vor der Finanzkrise jedenfalls war die Nachfrage immer größer als das Angebot. Wer erfolgreich auf diesem Markt sein will, muss schnell erkennen, wer sich ein Schiff leisten kann. Alles andere wäre Zeitverschwendung.
Westerbeck schaut über die Terrasse auf dem "Hotel de Rome". Da sitzt ein Herr mit grauen Haaren im Jackett, man kennt ihn aus dem Fernsehen. "Nee, der nicht", sagt er. "Der würde zwar auf eine Bootsmesse gehen, aber nur deshalb, weil er sich selbst überschätzt." Sein Blick wandert und bleibt bei einem jungen Typen hängen, Italiener vielleicht, er trägt Jeans der Marke True Religion (etwa 300 Euro), neben ihm läuft eine hochgewachsene Schönheit. "Genau der", sagt Westerbeck. Jene Gleichgültigkeit, mit der er durch das mondäne Hotel laufe. Seiner schönen Begleitung ("garantiert eine Edelprostituierte") habe er beim Rausgehen nicht mal auf den Hintern geschaut. "Für den ist Luxus selbstverständlich." Das sei die Liga der Yachtkunden.
Anfänge am Gemüsestand
Wie Westerbeck seine Menschenkenntnis gelernt hat, sagt vermutlich viel über ihn aus. Er arbeitete als junger Mann oft am Gemüsestand seiner Eltern, auf Marktplätzen in Bünde. Schnell habe er erkannt, welcher Kunde ein Kilo Kartoffeln kaufte, um seine Familie satt zu bekommen - und wer auch für Prinzessböhnchen aus Südafrika zu haben war. Sättigungsbeilage oder Feinkost, darum ging es damals wie jetzt. Westerbeck ist einer dieser unerschütterlichen Deutschen aus der Provinz, die sich die Welt anschauen, aber nicht in ihr verloren gehen, weil sie ihre Heimat kennen.
Geschäfte mit Booten jedenfalls machte Westerbeck fast nur mit Deutschen. Die seien zwar nicht so exzessiv wie etwa die Italiener, von denen einige Zweit- und Drittboote hätten, was aber die Ehefrauen nicht wissen dürfen, weil dort die Partys steigen. Aber dafür seien die wohlerzogen Deutschen berechenbarer. Aber wie kommt man an sie ran? Die oberen zwei Prozent, das ist bekannt, verkehren gern in geschlossenen Kreisen, in die Normalbürger kaum vordringen können - nicht mal, wenn sie sich für Rolex und maßgeschneiderten Anzug hoffnungslos verschulden. Sein Tipp: viel Wirtschaftspresse lesen, die wenigsten reichen Deutschen sind bekannt wie Carsten Maschmeyer, der mit Veronika Ferres verheiratet ist. Und: Sie sollten in einem Hafen von Mallorca ankern.
Man muss sich das so vorstellen: Westerbeck läuft in Maßhemd und Lederslippern in einen Luxushafen. Er fängt ein Gespräch mit den Besitzern an, etwa so: "Ich sehe gerade, Sie fahren eine S-Klasse. Ich hätte noch einen Bentley für Sie." Er reicht seine Visitenkarte nach oben und kommt an Bord. Dort sitzt er mitten im Privatleben der Superreichen, in ihrer Freizeit. Wo sie viel ungeschützter sind als im Berufstalltag, wenn sie mit Krawatte und Anzug im Konferenzraum sitzen. Man trinkt gemeinsam ein Gläschen.
Westerbeck sieht die Speckröllchen der Millionärsgattin, die unbekümmert davon erzählt, dass sie in Spanien immer Probleme mit dem Stuhlgang habe und dass ihr Mann (ein bekannter Industrieller, jetzt aber in Badeshorts) mal wieder das Schlafzimmer nicht aufgeräumt habe. Westerbeck hört sich das alles an, streichelt den Labrador und zwinkert den Kindern zu. Er verkauft Lässigkeit. Dann sagt er: "Hmm, Ihre Tochter wird ja bald ihren ersten Freund mit in den Urlaub nehmen, fehlt Ihnen nicht eine Kabine?" Das Ehepaar antwortet, darüber hätten sie auch schon nachgedacht, und sagen: "Meinen Sie, dass unsere Tochter überhaupt noch mit uns fährt?" Westerbeck antwortet: "Wenn Sie eine weitere Kabine haben, dann ja." Er redet weiter: Sie wüssten ja gar nicht, wie viele seiner Kunden ähnliche Sorgen hätten und bietet an, die alte Yacht in Zahlung zu nehmen. Dann streichelt er wieder den Hund, geht von Bord und schickt am selben Tag ein Angebot raus. Westerbeck nutzte schon ein Blackberry, als viele seiner älteren Kollegen ihre Offerte noch per Fax rausschickten.
Luxusyachten, sogar jene für viele Millionen Euro, sind immer noch ein Stück Campingmobil. Er habe sich nie mit Motoren oder Wasserlagen ausgekannt, sagt Westerbeck, sondern damit, mit welchem Knopfdruck der Fernseher aus der Wand fährt und ob die Schlafkabinen im Hafen von der Landseite einsehbar ist. Ein guter Makler verkauft seinen Kunden ihre eigenen Träume. In seinem Roman bezeichnet Westerbeck die Hauptfigur als "Umgebungsopportunisten." Einer, der sich immer und überall an sein jeweiliges Umfeld anpassen kann. Kein Zweifel, dass Westerbeck das auch beherrscht. Mit dem Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 war es vorbei mit dem Bootshandeln. Westerbeck sah damals, am 15. September, im Hotel die Nachrichten. Als Angela Merkel sagte: "Ihre Ersparnisse sind sicher", da habe er gewusst: Es ist vorbei. Viele Superreiche errechnen sich ihr Vermögen über Aktienpakete und Beteiligung, es sind virtuelle Werte, die zusammenfallen können wie ein Kartenhaus. Viele seiner Kunden erreichte er plötzlich nicht mehr auf dem Mobiltelefon.
Heute, nach dem Crash, verkauft Westerbeck immer noch Träume. Vor allem Träume von Männern, die sich nach Abenteuern sehnen. Vielleicht ist vor allem das die "autobiografische" Färbung seines Werkes. Sein Buch erinnert an "39,99", die Abrechnung des Franzosen Frédéric Beigbeder mit der Werbebranche aus dem Jahr 2001. Westerbeck hat es nicht gelesen. Auch kein Buch von Michel Houellebecq, dem Mann für zynischen Sexismus - doch wer Houellebecq schätzt, wird sich auch bei Westerbeck amüsieren. Solche Vergleiche schmeicheln, sind ihm aber auch herzlich egal. Schließlich hat er damals einfach drauflos geschrieben. So unbekümmert und schamlos, wie es vielleicht nur ein Mann sein kann, der in Berlin in einer Junggesellen-Loft lebt, aber weiß, dass der Zug ins heimische Bünde pünktlich fährt; es wie immer nur 2:50 Stunden dauert, bis Frau und Sohn ihn umarmen. Vielleicht war er deshalb auch so erfolgreich als Yachtbroker, weil er den Zirkus nicht ernst genommen hat. "Für mich war das wie Disneyland."
Nun also schreibt er aus der Perspektive einer Frau. Der Ehefrau seines Romanhelden Nick de la Mooring. Man denkt, dass er nun auf die lustigen Zoten seines Erstlingswerkes verzichten muss. Zumal irgendwie auch klar ist, dass er von seiner eigenen Ehe inspiriert sein muss - und so ein Buch kann ja peinlich werden, wenn die Nachbarn es lesen. Er zeigt das Manuskript seiner Frau vorher nicht, aber schon jetzt ist klar, dass Familie Westerbeck auch in Wahrheit nicht verklemmt sein kann. Doch es geht auch um Liebe. In "Löffelchenstellung", das im November erscheint, ist eine Szene, wie sein Protagonist seine Freundin mit einem "peinlich aufgemotzten" GTI abholt und sie an der Ampel bittet, mal den Kofferraum zu öffnen und zu prüfen, ob der Verstärker eingeschaltet ist. Sie steigt also aus, etwas beschämt, öffnet die Heckklappe und findet ein Becken mit Orchideen, in dem ein Herz mit ihrem Namen schwimmt. Genau so habe Westerbeck damals auch seiner Frau einen Antrag gemacht. Im Roman koksen die beiden dann ordentlich, und die Skepsis seiner Frau weicht einer ergreifenden Liebesszene, erzählt in einem Satz. "Trotzdem wurde es der beste Abend, die beste Nacht, der beste Morgen, der beste Mittag, der beste Abend, die beste Nacht, der beste Morgen, der beste Mittag, der beste Abend, die beste Nacht und der beste Morgen."
Die Flasche Weißwein ist ausgetrunken, die Dachterrasse des "Hotel de Rome" ist fast leer. Westerbeck schaut auf die Uhr, er will noch arbeiten. An seinem Geburtstag. Das sieht man ihm gar nicht an, dass er viel am Schreibtisch sitzt. Bevor er geht, verrät Westerbeck noch, warum: Die duftende Sonnencreme enthält viel Carotin. Das macht die Haut rosig. Ein wichtiges Detail für einen Menschen, der hauptberuflich Träume verkauft.

