Klare Worte sind eine Zier. Auch, ja gerade weil sie nicht jedem gefallen, vielen sogar gegen den Strich gehen. Schon in ihrer allerersten Ausgabe erhob die "Berliner Morgenpost" den Anspruch, ein Blatt der klaren Worte zu sein: "Wer in den schweren politischen Kämpfen unserer Zeit nicht Partei nimmt, ist ein Schwachkopf, ein Faulpelz oder ein Feigling", heißt es im Leitartikel am 20. September 1898. Zugleich stellte der Kommentator fest: "Wo jemand Partei nimmt, ist Sache der Einsicht, des Temperaments, der bürgerlichen Lage nicht zuletzt, ist seine eigene Sache, in die ihm niemand hereinzureden hat."
Die Sätze der ersten Nummer der Morgenpost hat Axel Springer im Kopf, als er auf den Tag genau 75 Jahre später an der Kochstraße die politische Prominenz West-Berlins im 19. Stock seines Verlagshauses empfängt. "Man liest in dieser Ausgabe die geradezu militante Aufforderung an die Berliner Bürger, nicht Parteigänger, sondern Parteinehmer zu sein", hebt der Wahl-Berliner Springer an und fährt fort: "Ich glaube, in aller Bescheidenheit sagen zu dürfen, diesem Spruch sind wir treu geblieben. Und auch eines hat sich bis in die heutige Zeit nicht gewandelt - wir sind große Liebende dieser Stadt!"
Zwischen Morgenpost und Axel Springer besteht zu dieser Zeit schon eine lange Verbindung. Sie reicht zurück bis in die frühen 30er-Jahre, als der Sohn des Altonaer Verlegers Hinrich Springer hofft, nach der Lehre als Drucker und Setzer sowie Volontariaten bei einer Nachrichtenagentur und einem Lokalblatt im Umkreis von Hamburg in die große Zeitungswelt hineinschnuppern zu können. Das bedeutet 1932 Berlin, damals eine der drei, vier Welthauptstädte des gedruckten Wortes. Denn hier sitzen mit dem "Berliner Tageblatt" und der "Vossischen Zeitung" die wichtigsten deutschsprachigen Presseorgane, hier erscheint mit der "B.Z. am Mittag" die weltweit schnellste Zeitung - und mit der Morgenpost das auflagenstärkste Blatt des ganzen Landes.
Doch der junge Mann aus Altona ist nicht nur an der journalistischen Seite interessiert - er möchte am liebsten auch hineinschnuppern in die Welt des größten und innovativsten europäischen Zeitungshauses, des Ullstein-Verlages. Seit der Jahrhundertwende expandiert das Unternehmen mit immer neuen Ideen, von denen die meisten auf den Gründer Leopold Ullstein selbst und nach ihm auf seine fünf Söhne zurückgehen. Ullstein ist mehr als ein normaler Presseverlag. Das Haus an der Kochstraße im historischen Zeitungsviertel mit seinem mächtigen wie prächtigen, vom Selbstbewusstsein eines Marktführers zeugenden Druckhaus in Tempelhof hat auch die ökonomische Seite des Geschäfts mit dem gedruckten Wort revolutioniert.
Hier wird zum ersten Mal die Verwertungskette für Inhalte vorgelebt - wie auch Zeitungskolumnen Fortsetzungsromane werden, die dem hauseigenen Buchverlag riesige Auflagen bescheren. Hier werden zum ersten Mal ganz auf die Interessen verschiedener Zielgruppen zugeschnittene Blätter entworfen, die sich teilweise millionenfach verkaufen. Hier gelingt dem aktuellen Pressefoto der Durchbruch, in Form der "Berliner Illustrirten Zeitung". Sie ist zwar keine Erfindung von Leopold Ullstein, sondern aufgekauft. Aber er macht sie zum führenden Bilderblatt des frühen 20. Jahrhunderts, zum Vorbild für ähnliche Produkte anderer deutscher und internationaler Verlage.
Doch Axel Springer muss 1933 auf das erhoffte Volontariat bei Ullstein verzichten. In Berlin ist inzwischen Adolf Hitler Reichskanzler und setzt den liberalen, durch und durch deutschen Ullstein-Verlag wegen der jüdischen Herkunft seiner Eigentümer unter Druck. Innerhalb von Wochen verändert sich das Klima grundlegend, ziehen sich die angesehenen Blattmacher zurück, übernehmen Karrieristen mit dem NSDAP-Parteiabzeichen immer mehr Funktionen. 1934 zwingen die Nazis die Familie Ullstein gar, ihr Unternehmen weit unter Wert an eine parteieigene Presseholding zu verkaufen; drei Jahre später verschwand auch der traditionsreiche Name. Fortan erscheint die Morgenpost im "Deutschen Verlag", bald zusammen mit neu erfundenen NS-Propagandablättern wie der Auslandsillustrierten "Signal" und der Wochenzeitung "Das Reich", die Propagandaminister Joseph Goebbels als Leitmedium des Hitler-Staates konzipiert hat.
Axel Springer hält sich in dieser Zeit fern von der Berliner Presselandschaft. Zwar kommt der junge Redakteur der väterlichen "Altonaer Nachrichten" oft in die Reichshauptstadt, um das Leben hier zu genießen. Doch Ullstein ist für ihn ein erst einmal abgehakter Traum.
Erst recht gilt das nach 1945. Jedenfalls auf den ersten Blick. Deutschland ist weitgehend, Hamburg und das Berliner Zeitungsviertel sind nahezu vollständig zerstört. Dennoch ergreift Axel Springer, gerade 33 Jahre alt, entschlossen alle Chancen, die sich bieten. Als die Überlebenden der Familie Ullstein die Reste ihres Unternehmens restituiert bekommen, ist Springer bereits ein aufstrebender Verlagsgründer und Unternehmer. 1953 treten die beiden Verlage sogar in direkte Konkurrenz: Ullstein, dessen wichtigstes Blatt, eben die Morgenpost, erst seit September 1952 wieder erscheint, bietet mit, als die britische Regierung ihre überregionale Zeitung "Die Welt" verkaufen will. Doch Springer bekommt, mit freundlicher Unterstützung von Bundeskanzler Konrad Adenauer, 1953 den Zuschlag.
Ullstein gerät wenig später ökonomisch ins Trudeln. Die Anteilseigner der Familie haben zu unterschiedliche Interessen, zudem fehlt Kapital für Investitionen und - wenig erstaunlich angesichts der bitteren zurückliegenden Jahre - schlicht die Kraft für Innovationen, wie sie den Verlag im Kaiserreich und der Weimarer Republik ausgezeichnet hatte. Doch diesmal steht ein Partner bereit, denn Axel Springer erneuert seine alte Verbundenheit zu Berlin und dem einst wichtigsten Verlag der Stadt. Zuerst, 1956, als Teilhaber, mit Wirkung vom 1. Januar 1960 als Mehrheitseigner, steigt er bei Ullstein ein - und übernimmt damit neben der "B.Z." auch die Morgenpost.
Es ist eine "der Form nach freundliche, in der Sache aber knallharte Übernahme", wie der Historiker und Springer-Biograf Hans-Peter Schwarz rückblickend urteilt. Der Verleger schickt seinen besten Mann zu Ullstein: Peter Tamm dreht innerhalb von anderthalb Jahren die ökonomisch schwierige Situation des Verlages in die schwarzen Zahlen. Wirtschaftlicher Erfolg muss sein, sonst sind alle anderen Bemühungen vergeblich - ein finanziell abhängiger Verlag kann niemals unabhängig berichten. Die Operation gelingt, wie Axel Springer bei einem weiteren Jubiläum, diesmal zum 100. Gründungstag des Ullstein-Verlages, 1977 feststellt: "Ich habe mich nicht mit dem Namen Ullstein geschmückt und den Namen Ullstein nicht mit dem meinen." Eine "Adoption ohne Namenswechsel", dafür aber "mit voller Sorgepflicht und entsprechendem Sorgerecht" habe er vollzogen, sagt der Verleger in seiner Festrede und fährt fort: "Das, was vom Hause erhalten und weitergeführt werden konnte, die ,B.Z.', die Morgenpost und der Buchverlag, waren nicht Stiefkinder in meinem Hause, sondern Angehörige an Kindes Statt."
Doch nur wer mit der Zeit geht, ihr am besten etwas voraus ist, kann die Zukunft gewinnen. Deshalb entwickelt Springer die Morgenpost weiter. Ein ausgewiesener Anhänger der seriösen Regionalzeitung ist er schon lange, das zeigt nicht zuletzt seine eigene Erfindung, das "Hamburger Abendblatt". In seiner Bewerbung um die Zulassung dieser Zeitung hatte Springer 1948 geschrieben: "Die Erfahrung lehrt, dass man zur Demokratie nicht nur unmittelbar auf rein politischem Wege gelangt, sondern mittelbar auch dadurch, dass man die Menschen menschlich anspricht und in ihrer privaten Sphäre zu verstehen versucht." Vertrauen könne eine Zeitung bei ihrem Leser vor allem durch Nachrichten erwerben, "die ihn angehen. Die kleine Nachricht, sorgfältig gewählt und gepflegt, gibt ein wahrheitsgetreues Lebensbild, das auch ohne besondere Absichten Maß und Wert sichtbar macht und humanitäre Haltung fördert". Als Springer diese Zeilen schreibt, ist die Morgenpost von 1898 genauso fern wie die Idee, dass sie in wenigen Jahren wieder erscheinen könnte - und dennoch ist sein Rezept so etwas wie die Fortschreibung des bewährten Ullstein-Konzepts.
Zugleich aber ist die Morgenpost als eines der zwei, drei wichtigen Blätter West-Berlins, der geteilten Metropole, zwangsläufig sehr politisch. Diesen Spagat bewältigt die Redaktion nach Ansicht des Verlegers mal besser, mal weniger gut. Als Springer wieder einmal diese Balance ein wenig zu fehlen scheint, 1978, beruft er den erst 36-jährigen Wolfgang Kryszohn zum Chefredakteur. Er ist bis dahin stellvertretender Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts" und soll die Vorzüge dieser Regionalzeitung einbringen in die zwangsläufig stärker politische Morgenpost.
Wo der Verleger zu dieser Zeit den künftigen Ort der "an Kindes statt" angenommenen Morgenpost sieht, illustriert ein Erlebnis Kryszohns. Als er etwa ein Jahr Chefredakteur der Morgenpost ist, fragt ihn sein Verleger einmal, ob er gelegentlich auf der direkten Transitstrecke von West-Berlin nach Hamburg fahre. Er solle einmal darauf achten, ob es an einer Hauswand entlang der Strecke, zu dieser Zeit noch keiner Autobahn, irgendwo im Norden Brandenburgs oder in Mecklenburg, noch die alte Werbung für die Morgenpost aus Vorkriegstagen sieht, die damals die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands war. "Irgendwann", sagt Springer weiter, "irgendwann werden Sie Ihre Zeitung auch dort wieder verkaufen."
Daran muss Wolfgang Kryszohn noch heute denken, wenn er sich an seine Zeit bei der Morgenpost erinnert. Denn als er zum zweiten Mal eine Leitungsfunktion bei der Traditionszeitung übernimmt, 1996 als Herausgeber, ist "seine Zeitung" längst wieder in Brandenburg und - wenigstens in der Sommersaison - auch in Mecklenburg erhältlich. Axel Springer hat nicht mehr erlebt, dass seine Prophezeiung wahr wird. Aber das hätte ihm mit Sicherheit gefallen.

