Berliner Illustrirte Zeitung:
Herr Ballhaus, Sie haben vor fünf Jahren verkündet, keine Filme mehr zu machen. Jetzt, mit 76, kehren Sie für den Kampusch-Film "3096" wieder hinter die Kamera zurück. Da fällt einem sofort Sean Connerys Weigerung ein, nie wieder 007 zu spielen: Sag niemals nie.
Michael Ballhaus:
Mag sein. Aber dieses Projekt ist einfach so spannend. Überlegen Sie: Bei Entführungen geht es entweder um Geld - oder Sex. In diesem Fall aber geht es weder um das eine noch um das andere. Da ist ein Mann, der sieht ein kleines Kind und entscheidet, das hol ich mir in meinen Bunker und ziehe mir meine Frau heran. Dass ein Kind die Kraft hat, das durchzustehen und dabei immer stärker zu werden, am Ende stärker als der Entführer, das hat mich gepackt, das ließ mich nicht mehr los.
Hat man Sie erst überreden müssen oder sind Sie heilfroh, dass man Sie endlich wieder gefragt hat?
Weder noch. Das kam so in zwei Phasen auf mich zu. Meine Frau Sherry Horman war die erste, der Bernd Eichinger das Angebot gemacht hat, diesen Film zu drehen. Sie sagte: "Bernd, ich mach das gern, aber ich muss erst meinen eigenen Film machen." Das war "Die Anleitung zum Unglücklichsein", nach Paul Watzlawick. Der Bernd meinte, du hast mir schon zwei Filme abgesagt, mach deinen Watzlawick später und dreh erst die Kampusch. Sherry hat sich aber geweigert. Und da beschloss Bernd, das selber zu machen. Er hat sich hingesetzt, begann zu schreiben...
... und ist darüber gestorben.
Interessanterweise zu einem Zeitpunkt, als es sehr spannend wurde, als die nämlich Sex haben. Dann kam Martin Moszkowicz und sagte: "Sherry, jetzt gibt's kein Zurück, jetzt musst du das machen." Ich musste ihr sehr zureden, sie fragte mich dauernd: "Kann ich das wirklich?" Ich sagte: "Sherry, das kannst nur du machen, diesen Film muss eine Frau machen, eine, die sich in die Psyche dieses Mädchens einfühlen kann." Wir hatten sehr viel darüber gesprochen, und ich habe ihr versprochen, dass ich bei der Vorbereitung helfen werde. Irgendwann fragte der Moszkowicz, wer denn eigentlich die Kamera mache. Und Sherry: "Das weiß ich noch nicht." Darauf Moszkowicz: "Dann frag doch deinen Mann."
Zwei Fliegen mit einer Klappe.
Wir haben hin- und her überlegt. Aber dann haben wir uns entschlossen, wir versuchen das mal. Jetzt bin ich aufgeregt und nervös wie nie zuvor.
Und Ihre Frau sicher auch?
Ja.
Wird das noch mal ein anderes Kennenlernen, wenn man sich in der Arbeit begegnet?
Natürlich. Das ist eine ganz neue Herausforderung. Der Stoff ist schon schwierig genug. 32 Szenen des Films spielen nur in diesem Bunker. Da muss ich mir schon viel Mühe geben, das so zu lösen, dass die Leute nicht nach einer halben Stunde das Kino verlassen. Aber vermutlich wird man auch genau darauf achten, wie das Ehepaar Horman-Ballhaus denn so "funktioniert".
Wird "3096" eine Ausnahme bleiben oder ist das der Rückzug vom Rückzug des Michael Ballhaus? Zwickt es Sie wieder?
Nein eigentlich nicht. Das ist wirklich eine Ausnahme. Mich juckt die Faszination dieses Stoffes. Aber so einen "normalen" Film würde ich nicht mehr machen.
Die Gerüchte verstummen nicht, Sie könnten bei Martin Scorseses "Sinatra"-Projekt wieder mitmachen. Auf der Branchenwebsite "imdb" werden Sie dort seit langem als "announced" gelistet.
Ich weiß. Ich werde auch immer darauf angesprochen. Na, die Hoffnung stirbt zuletzt. "Sinatra" ist ein tolles Projekt, das Marty und ich haben schon vor vielen Jahren besprochen haben. Aber nein: Das ist zu spät. "Departed" war meine siebte Zusammenarbeit mit Marty, ein großer Erfolg und ein schöner Schlusspunkt.
Das Kapitel USA ist abgeschlossen? Definitiv?
Ja okay. Never say never again... Aber bei "Sinatra" bestimmt nicht. Das wird, wenn es überhaupt je realisiert wird, ein gigantisches Projekt. Was mich aber gefreut hat: Vor Weihnachten habe ich mit Sherry Marty und Mike Nichols besucht. Und das war großartig, wie die sich mit ihr über das Kampusch-Projekt ausgetauscht haben. Wir haben dort viele liebe Freunde von mir getroffen, erst in New York und dann in L.A. Das war sehr schön, dass Sherry dort sofort aufgenommen wurde. Aber nein, es zieht mich nicht mehr da hin.
Sie wollten eigentlich in den Ruhestand gehen. Das war ja dann doch ein Unruhestand. Können Sie überhaupt je abschalten, können Sie aufhören?
Ich fürchte nein. Ich bin kein Mensch für den Ruhestand. Das ist auch kein Beruf, wo man irgendwann aufhören muss, weil man nicht mehr kann. Ich habe nie die Lust verloren. Es wurde mir nur ein wenig zu anstrengend. Es war natürlich auch anders gedacht. Ich wollte die letzten Jahre ja mit meiner ersten Frau genießen. Keiner konnte ahnen, dass das alles ganz anders gehen würde. Vielleicht hab ich mich nach ihrem Tod dann auch ein bisschen in neue Aktivitäten geflüchtet. Ich unterrichte ja, wie Sie wissen, an Hochschulen und betreue kleine Umweltprojekte. Das macht mir nach wie vor große Freude.
Und ist womöglich auch ein Lebensquell?
Kann man so sehen, ja. Durch Sherry hat mein Leben natürlich noch mal eine ganz entscheidende Wende genommen. Plötzlich bin ich mit einer jungen Frau verheiratet, die mit Film zu tun hat. Und auf einmal blühe ich auf und fühle mich mit ihr zusammen jünger, jeden Tag.
Sie konnten sich als Kameramann ja selbst gegen, sagen wir mal: komplizierte Regisseure wie Fassbinder durchsetzen. Aber wie wird das, mit der eigenen Frau zu drehen? Wappnet man sich da für eventuelle Konfliktsituationen?
Natürlich sprechen wir darüber. Aber für mich ist ganz eindeutig: Was sie will, wird gemacht. Das ist nicht anders als bei anderen Regisseuren. Für mich war der Kameramann immer jemand, der Sache dient. Das Wichtigste sind die Schauspieler vor der Kamera, und dann der Regisseur. Auch wenn es viele Kollegen gibt, die das anders sehen. Sherry hat wunderbare Ideen, ich versuche ihr zu helfen und eigene Ideen einzubringen. Die wird sie gut finden oder ablehnen. Da bin ich aber unverwundbar. Wenn sie was blöd findet, dann denke ich mir was Besseres aus. Sie ist der Boss. Das ist sie übrigens auch zuhause.
Nun nehmen wir mal an, diese Zusammenarbeit wird ganz großartig und Ihre Frau meint, den nächsten Film müsse man auch gemeinsam machen. Da hat sie dann auch das Sagen?
Ich weiß nicht (lacht). Das käme schon sehr auf das Projekt an. Ich mag Geschichten, die sehr emotional sind, aber die liegen nicht so auf der Straße. Jetzt drehen wir einfach mal diesen Film und schauen, wie es wird.
Ihre beiden Söhne arbeiten ebenfalls beim Film, Florian Ballhaus auch als Kameramann. Geben Sie dem eigentlich auch Tipps? So wie Ihren Studenten?
Es ist eher umgekehrt: Die beraten mich. Florian dreht längst, seit es sie gibt, mit der Alexa (eine neue Digitalkamera, die Red.). Ich dreh nun das erste Mal damit. Natürlich frage ich jetzt. Und er begrüßt das, dass ich nicht mehr mit Film drehe, sondern digital. Und will mir einiges dazu sagen.
Ist das befruchtend, wenn die ganze Familie in der Branche arbeitet. Oder ist das auch anstrengend, weil man über nichts anderes mehr redet?
Das ist schon toll. So war das früher ja auch mal, dass die Kinder in die Fußstapfen der Eltern getreten sind. Etwas wird weitergetragen. Und wenn die Kinder dann noch gut sind in diesem Job, dann erfüllt einen das schon mit Stolz.
Sie bekommen am Freitag bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises einen Ehrenpreis für Ihr Lebenswerk. Sie haben es gut, Sie sind der einzige, der nicht bibbern muss, ob er was kriegt.
Nee, das ist noch schlimmer. Man muss auf die Bühne und was Kluges sagen. Und das ist nicht so einfach, vor allem bei all den Schwergewichten, die den Preis schon bekommen haben.
Sie sind auch ein Schwergewicht.
Ich empfinde mich aber gar nicht so. Wenn ich mir so ansehe, in welch illustrer Gesellschaft ich da bin, kann man ja nur ganz klein werden.
Vor fünf Jahren haben Sie bereits einen Ehrenpreis beim Europäischen Filmpreis erhalten. Ist das nicht merkwürdig, dass die Lola so spät nachkommt? Müsste die Reihenfolge nicht umgekehrt sein?
Wenn Sie das so sagen... Ja, es ist schon etwas verwunderlich. Wollen wir nur hoffen, dass es diesmal anders wird. Der Europäische Filmpreis war ja die größte Katastrophe, die ich je erlebt habe. Das war un-be-schreib-lich. Die haben gedacht, sie machen was ganz Tolles, laden einen berühmten Kameramann ein, den ich kenne. Und dann kommt dieser Trunkenbold auf die Bühne...
Es ehrt Sie, dass Sie Christopher Doyle nicht beim Namen nennen. Er kam barfuß auf die Bühne, grölte wirres Zeug und meinte dann: You fucking wonderful whore, come on stage and get your price.
Versuchen Sie darauf mal zu reagieren. Ich habe keine Ahnung, wer diesmal der Laudator wird. Das weiß man ja nie.
Was bedeuten Ihnen Preise?
Das ist der wichtigste Preis, den ich in Deutschland bekommen werde. Und ich fühle mich als Deutscher. Ich war ja lange weg, ich habe 25 Jahre in Hollywood gearbeitet. Es ist so ein Willkommen-zuhaus-Preis. Ich habe das Gefühl, dass man mich damit wieder in die Familie aufnimmt.
Das Gespräch führte Peter Zander

