Grund genug dafür hätte die Cilli, wie sie in der österreichischen Residenz genannt wurde, genug. Wenn es stimmt, was von ihr erzählt wird: Cäcilie Krapf, das sagt angeblich schon der Name, soll die Erfinderin des Krapfens sein. Jenes leckeren fettigen süßen Gebäcks, das in diesen Tagen so häufig verspeist wird wie nie. Ihre Spezialität war der Legende nach das lukrative Ergebnis ihres Temperamentes. Denn die Cilli soll in der Backstube im Streit ein Stück Hefeteig nach ihrem Ehemann geworfen haben. Weil der rechtzeitig den Kopf einzog, landete das Teigstück im siedenden Fett. Sofort verbreitete sich ein wunderbarer Duft. Frau Cäcilie vergaß ihren Ärger und ihren Mann, fischte den gebackenen Teig aus dem Fett, pustete, kostete - und war begeistert. Als sie dann auch noch eingemachtes Obst in den süßen Kloß füllte, war sie geboren: Die Cillikugel. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts soll das gewesen sein. Und während des Wiener Kongresses 1815 rollten angeblich zehn Millionen "Cilli"-Kugeln auf Bällen und Empfängen in die Bäuche der erlauchten Gäste.

Wir wissen nicht, wer die "Cillikugeln" gezählt hat. Wir wissen auch nicht, ob die Geschichte von der Frau Krapf überhaupt der Wahrheit entspricht. Wir Hauptstädter wissen nur eines: Der Krapfen ist ein Berliner. Und wenn die Österreicher stets etwas anderes behaupteten, dann mag das damit zu tun haben, dass sie die Preußen nicht mögen. An den historischen Tatsachen ändert das nicht. Schließlich heißt das fette Gebäck nicht "Wiener", nein, es heißt "Berliner". Auch wenn er in Berlin nicht so heißt, weil das irgendwie kannibalisch wäre. Er gehört trotzdem hierher, wie die Kugel an den Fernsehturm, wie die Kuppel auf den Reichstag. Und wer den Nachnamen der Frau Krapf ins Spiel bringen will, als Argument für den österreichischen Ursprung des Gebäcks, dem sei gesagt, dass der nicht die Wortwurzel des Krapfens ist.

Schon im Mittelalter gab es ein längliches Schmalzgebäck, das in zwei gebogenen Spitzen endete, die wie Krallen aussahen. Die althochdeutsche Bezeichnung für "Kralle" aber ist "Crapho", später sagte man "Krapfe". Um 1200, das ist nachgewiesen, wurde derartig geformtes Siedegebäck in einigen Klöstern verspeist. Dass Krapfen im Mittelalter so beliebt waren, hatte sicherlich damit zu tun, dass sie so einfach zuzubereiten waren, weil man keinen Ofen benötigte. Es war lediglich eine Feuerstelle nötig. Ein Topf - und viel Fett, möglichst Schmalz, in dem der Teig gewendet wurde. Das fetttriefende Gebäck mag geschmacklich unserem "Berliner" geähnelt haben, die schöne runde Form aber hatte das Gebilde offenbar nicht. Und auch nicht die wunderbare Füllung, die so viel verspricht. Die gab ihm erst ein Mann, dem die Berliner Bäcker-Innung sicherlich eigentlich ein Denkmal setzen würde, wenn sie denn dessen Namen wüsste.

Der Pfannkuchen, so die offizielle Bezeichnung des Krapfens in Berlin, ist das Kind preußischer Tugenden. 1756, im Siebenjährigen Krieg, soll es gewesen sein, als ein Berliner Zuckerbäcker Friedrich dem Großen als Kanonier dienen wollte. Ein treuer Untertan war der Bäcker, aber kein guter Soldat. Und schon gar kein Kanonier. Der Preußenkönig entließ ihn dennoch nicht und gab ihm neue Aufgaben: Der Zuckerbäcker sollte für das leibliche Wohl der Soldaten sorgen und für sie backen. Weil es aber schwierig war, auf dem Feld einen Ofen aufzustellen, verfiel der Bäcker auf die Idee, Teig im siedenden Fett zuzubereiten. Wenn er schon nicht mit Kanonen schießen durfte, so gab er seinem Gebäck wenigstens die Form einer Kanonenkugel und vermutlich füllte er sie auch noch mit süßer Marmelade. Und weil der Bäcker aus Berlin kam, hieß der Kuchen von nun an "Berliner". Ist doch klar. Das jedenfalls glauben die Berliner. Sollen die Wiener doch glauben, was sie wollen.

Es gibt Gerüchte, wonach der "Berliner" erst im Oktober des Jahres 1880 mit Marmelade in Berührung kam. In jenen goldenen Herbsttagen sollen Berliner Bäcker ihre hübschesten Verkäuferinnen, adrett gekleidet, auf die Straßen geschickt haben, damit sie die Pfannkuchen feilboten. Die Damen kamen damals angeblich auf die Idee, das Gebäck mit Marmelade zu verzieren und einen zweiten Pfannkuchen draufzusetzen. Ob das stimmt? Dieser Doppel-Berliner erinnert eher an einen Vorläufer des Hamburgers.

Das deutsche Reich jedenfalls wurde irgendwann von "Berliner Pfannkuchen" überrollt. Das war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Industrialisierung, als auch die Räder der Eisenbahnen rollten und die Schornsteine qualmten. Berlin wurde Reichshauptstadt, Berlin war en vogue. Das galt nicht nur für die Mode, die Musik und das Theater. Das galt auch für das Gebäck. Der Schriftsteller Heinrich Oppermann beschreibt in seinem Roman "Hundert Jahre" ein Volksfest im Norden Deutschlands, bei dem "Berliner Pfannkuchen" nicht fehlen durften. Auch Heinrich Heine genoss "Berliner" auf seinen Reisen. "Berliner Pfannkuchen" sind in der Literatur jener Zeit stets Zeichen besonderer Gastfreundschaft. Um die Jahrhundertwende bekommen sie endlich auch ihren Ehrenplatz in den Rezeptbüchern.

Dass Teig, in Fett gebacken, eine besondere Köstlichkeit ist, das wussten schon die Römer. "Globuli" - "Kügelchen" - nannte Marcus Portius Cato die kleinen Teigbällchen, die mit Honig bestrichen wurden. Ob die Ägypter so etwas wie "Berliner" gegessen haben, ist nicht nachgewiesen. Als sicher gilt, dass sie krapfenähnliche Kuchen als Beilage eines Grabes verwendet haben.

Krapfen sind aber eigentlich etwas für die Lebenden. Sie wurden jedenfalls schon immer gern bei ausgelassenen Feierlichkeiten verzehrt. Bis heute dürfen sie auf keiner Silvester- und Neujahrsfeier fehlen. Auch in der jüdischen Tradition spielen sie als Spezialität zum Chanukka-Fest eine besondere Rolle. Das fetttriefende Gebäck steht für Überfluss, Reichtum, für Genuss. In den bäuerlichen Gesellschaften Europas bereiteten die Frauen den Dreschern bei der Ernte ganze Berge davon zu. Es sättigte einfach gut, vor allem, wenn es mit Spinat oder Sauerkraut gefüllt war. Der Krapfen war auch immer ein Gebäck der Liebe. Gemeinsam einen Krapfen zu essen, galt in Österreich als Zeichen der Verlobung. Bei Hochzeiten verteilte man sie auf dem Weg zur Kirche unter das Volk.

Dass dieses Gebäck traditionell in der Fastnacht gegessen wird, erklärt sich mit der Aussicht auf magere Zeiten während der Fastenzeit, die ja mit dem Aschermittwoch beginnt. So wie das Faschingsfest noch einmal Gelegenheit gibt, über die Stränge zu schlagen, ausgiebig dem Alkohol zu frönen und anderen Lastern, so bietet der Krapfen einen letzten echten Genuss. Und der war umso exklusiver, als Zucker lange Zeit echter Luxus war. In den langen Wochen bis Ostern waren weder Fleisch noch andere tierische Produkte wie Eier und Schmalz erlaubt. Krapfen zu Fasching zu backen, war also auch eine gute Gelegenheit, die in der Fastenzeit verbotenen Vorräte aufzubrauchen. Hausfrauen und Bäcker haben wohl bei keinem Gebäck so viel Fantasie entwickelt wie bei dem fetten Hefekloß. Davon zeugen nicht nur die Namen. Wo er nicht wie in weiten Teilen West-Deutschlands "Berliner" heißt oder "Berliner Ballen" wie im Ruhrgebiet und im Sauerland, da hat man die skurrilsten Bezeichnungen gefunden. "Kreppel" heißt er in Hessen, "Puffel" in Aachen. In Frankreich spricht man von der "Boule de Berlin". In der Schweiz - vom "Berliner".

Sie werden mit Puderzucker bestreut oder mit Zuckerguss glasiert. Gesichter werden auf sie gezeichnet. Sie werden mit bunten Bonbons verziert oder mit Glücksbringern. Sie werden mit Marmeladen aller Art gefüllt, mit Nugat, Pudding, Marzipan und Eierlikör. Spaßvögel spritzen Senf hinein, Ketchup oder Mayonnaise. Das sorgt beim Feiern für großes Vergnügen. Nett ist das nicht.

"Natur läuft am besten", sagt Silvia Eggert von der Spandauer Familienbäckerei Rösler. "Marmelade, Pflaume oder Kirsche." Das mögen die Kunden, die in diesen Tagen wie verrückt Pfannkuchen kaufen. Frau Eggert selbst macht sich nicht viel daraus. Vielleicht ist das irgendwann so, wenn man jeden Tag Pfannkuchen auf Pappscheiben legt. Aber sie weiß, wie man die Pfannkuchen am besten isst, ohne sich schmutzig zu machen: Dort reinbeißen, wo die Marmelade hineingespritzt wurde. Dann kann nichts schief gehen.

Was bleibt, ist die Frage, ob der Berliner Pfannkuchen der einzig wahre Faschings-Krapfen ist. Denn wenn man ganz ehrlich ist, wurden auch schon vor der legendären Geburtsstunde des "Berliners" auf dem preußischen Feld der Ehre Krapfen während der tollen Tage gegessen. Hans Sachs, Meistersinger aus Nürnberg, reimte bereits 1540: "Ich hab zu Fastnacht euch hierher geladen, dass ihr Euch Krapfen holt und Fladen."

Lassen wir dem Berliner Pfannkuchen das Privileg. Schließlich hat kein Staat den Karneval so beeinflusst wie der preußische. 1815 besetzten preußische Truppen das Rheinland. Freunde des bunten disziplinlosen Treibens waren sie nicht. Sie versuchten, den Karneval zu reglementieren, zensierten die Karnevalszeitung. Diese Eingriffe aber waren es, die erst dazu führten, dass der Kölner Karneval politisch wurde. Dass man seinen Spott mit Uniformen, Orden und Gleichschritt trieb. Frech war das. Verzeihlich, wenn es dazu führt, dass dem Berliner Pfannkuchen als Köstlichkeit des Karnevals die Ehre zuteil wird, die ihm gebührt.

Das deutsche Reich wurde irgendwann von "Berliner Pfannkuchen" überrollt

In Frankreich spricht man von der "Boule de Berlin". In der Schweiz - vom "Berliner"

Es gibt Gerüchte, wonach der "Berliner" erst im Oktober des Jahres 1880 mit Marmelade in Berührung kam