Etwas Tempelartiges steht dort oben, aus hellen Säulen, schimmernd im Winterhimmel. Sogar im wahrsten Sinne luftig. Denn dieser Tempel hat kein Dach, er sieht aus wie ein offener Säulengang. Irgendwie unvollendet. Wer bitteschön hat denn hier seine Akropolis abgestellt, direkt über dem Schifffahrtskanal und dem Humboldthafen?
Ein Fan des Altertums war am Werke, ganz klar. Das Klinikgebäude, auf dem das Ding steht, stammt von 1956. Zu jener Zeit baute die DDR gern mit klassischen Anklängen. Nur fällt das heute kaum jemandem auf an der Invalidenstraße, Ecke Alexanderufer. Niemand reckt den Hals hinauf. So entdeckt kaum einer den kuriosen Dachaufbau. Dabei ist der absolut einzigartig. Ein Sonnendeck für Krebspatienten war dies nämlich. Die damalige Geschwulstklinik der Ost-Berliner Charité lag im Haus, auf dem Flachdach konnten die Kranken hinaus ans Licht und an die frische Luft. Und das mitten in der Stadt.
Für die Krankenhausarchitektur war dies ein großer Schritt. Doch die bittere Ironie der Geschichte ist, dass das innovative Sonnendeck genau an der Sektorengrenze lag. Kaum fertig, musste es schließen. An der Hausecke wurde der Grenzübergang Invalidenstraße eingerichtet. Das Licht-, Luft- und Sonnendeck war tabu. Patienten der DDR durften keinen so freien Blick in den Westen haben, wie es ihn von hier aus gab. Nur die Stasi nutzte die Terrasse als Ausguck. Bis heute ist das Unikum jedoch in Vergessenheit geraten, selbst in der Charité. Ein spektakulärer Ort, aber unentdeckt.
Nun freuen sich immerhin die Studenten des "Reformstudiengangs Medizin" daran. Ihre Unterrichtsräume liegen in den oberen Etagen des Hauses. Sie nutzen die einstige Patiententerrasse, im Sommer ist der Platz zum Lernen oder Feiern beliebt. Das Open-Air-Karree ist sieben mal zehn Meter groß. Es ist fest ummauert und wirkt doch offen, weil es eben eine Art Säulengang ist. So pfeift es jetzt dort oben auch stark. Die angehenden Mediziner stecken sich im Winter auf dem Deck allenfalls eine Zigarette an. Ein Platz zum Abheben ist das trotz Wolken und Sturm. Die Aussicht hinüber zum Hauptbahnhof und weiter nach Westen ist grandios. "Was für Sonnenuntergänge das sind", schwärmt eine Tutorin des Medizin-Studiengangs. Sie bringt im vierten Stock anderen Studenten das Blutabnehmen bei, dann macht sie auf dem Dach eine kurze Pause. Weit kann sie auch gen Süden und Osten schauen, zum Regierungsviertel und ins Zentrum. Und rechter Hand lässt sich hinunter in die Fenster des gegenüber liegenden Wirtschaftsministeriums spähen. Vom Format der Büros her muss es die Staatssekretärsebene sein.
Wer hätte so etwas hier erwartet. "Aber das ist ein typisches Beispiel für die Prävention und den Gedanken der Sozialhygiene, den die Medizin in der DDR verfolgte", sagt die Historikerin Sabine Schleiermacher. Sie forscht an der Charité über die Geschichte der Medizin. Im Ursprung stammten die Ideen der Frischluft- und Licht-Therapie schon aus den 20er-Jahren, damals waren Sonnendecks in der Großstadt verbreitet. Aus ganz ernst gemeinter Fürsorge für seine Verkäuferinnen hatte sogar das KaDeWe eine Sonnenterrasse mit Liegestühlen, für die Pausen.
An der Invalidenstraße baute die DDR dann in den 50er-Jahren eine hochmoderne Klinik für Strahlentherapie, mit Laboren und ersten radiologischen Anlagen. Aber gleichzeitig flossen die typischen Ideen der Rehabilitation ein; so war der Bau an der Invalidenstraße auch ein wenig Sanatorium. Allerdings blieb dieses Klinik-Sonnendeck das einzige seiner Art. Erst nach der Wende 1989 durften wieder Patienten auf das Dach in der Invalidenstraße, das eigentlich immer für sie bestimmt war. Das Haus hieß nun Klinik für Onkologie, einige Jahre gab es noch auf zwei Etagen die Stationen. Dann zogen sie um. Ein Radiologie-Zentrum ist allerdings noch da, und darüber liegen die Lehrräume für die Studenten. Hoffentlich wird von ihnen bald jemand auf die Idee kommen, die Säulenterrasse auf ihrem Dach kräftig-bunt zu beleuchten. So wie drüben am Hamburger Bahnhof. Das wäre ein glänzendes Duo.

