Die letzte Frage: Bethany Hamilton, Profisurferin

Warum haben Sie keine Angst, Bethany Hamilton?

Bethany Hamilton ist nicht die beste Profisurferin der Welt, aber die wohl berühmteste. Am 31. Oktober 2003 verlor die Hawaiianerin beim Angriff eines Hais einen Arm - und schafft es doch, in ihrem Sport Karriere zu machen.

Wer die heute 21-Jährige erlebt, der kann zwar ihr äußeres Handicap nicht übersehen, aber er erkennt auch einen der Gründe, weshalb sie sich durch diesen Schicksalsschlag nicht aus der Bahn werfen ließ - eine in sich ruhende, leicht introvertierte Bestimmtheit ohne jede Spur von Zorn und Bitterkeit. Inzwischen ist Hamilton sogar zur Filmheldin geworden, mit "Soul Surfer" kommt eine von ihr autorisierte Adaption ihrer Biografie in die Kinos. Allerdings: Von ihren wahren Ängsten ist im Film nichts zu erfahren. Von ihnen erzählt sie im Gespräch.

Berliner Illustrirte Zeitung: Der Haiangriff, dem Sie zum Opfer fielen, ist nun acht Jahre her. Wie gut ist noch die Erinnerung an diesen Tag?

Bethany Hamilton: Ich sehe noch alles klar vor mir. Ich wusste sofort, dass ein Hai zugeschlagen hatte. Aber ich blieb in diesem ganzen Chaos völlig ruhig - so wie es auch im Film zu sehen ist -, starrte nur auf das Wasser. Meine Selbstbeherrschung trug auch dazu bei, dass ich am Leben blieb. Aber eigentlich möchte ich über diese Erfahrung nicht mehr sprechen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Doch dieses Schlüsselereignis wurde auch für den Film rekonstruiert. Waren Sie beim Dreh der entsprechenden Szenen dabei?

Bethany Hamilton: An einem der Tage, als das gedreht wurde, habe ich das Set besucht. Das war schon ein wenig merkwürdig. Dabei ist die Verletzung wirklich gut verheilt, und auch innerlich habe ich das längst überwunden. Ich kann das Leben genießen. Wenn ich jetzt wieder Surfen gehe, denke ich gar nicht mehr an die Möglichkeit, dass mich ein Hai attackieren könnte - auch wenn das ein wenig verrückt klingt.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie begannen ja drei Wochen später schon wieder mit dem Training im Meer. Hatten Sie da keine Angst?

Bethany Hamilton: Doch, die hatte ich. Aber meine größte Befürchtung war, dass ich nicht mehr surfen kann. Das liebe ich nun mal leidenschaftlich. Deshalb war ich sehr motiviert und entschlossen, es wieder zu versuchen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Und wie ist es jetzt? Denken Sie noch an Haie?

Bethany Hamilton: Es dauerte ein paar Jahre, aber jetzt habe ich solche Gedanken abgestreift. Denn jetzt läuft bei mir alles gut. Abgesehen davon passieren solche Angriffe ganz selten.

Berliner Illustrirte Zeitung: Haben Sie Antipathien gegen diese Tiere?

Bethany Hamilton: Nein. Haie sind Teil der Kette des Lebens und ich bin diejenige, die in ihren Lebensraum eindringt. Sie sind wunderschöne Kreaturen, die normalerweise dem Menschen gegenüber nicht aggressiv sind. Ich war damals einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

Berliner Illustrirte Zeitung: Was meinen Sie damit?

Bethany Hamilton: Gott hat einen Plan für alles. Und mein Glauben an ihn hat mich auch durch diese schwere Zeit geführt. Aber Gott bietet mir auch Hoffnung und Zukunft. Ich muss nur bereit sein, ihm zu vertrauen, meine Schmerzgrenzen zu überwinden und in einen Bereich vorzudringen, den ich nicht gleich verstehe. Wenn ich mich darauf einlasse, dann kann etwas Wunderbares und Gutes daraus entstehen - so, wie das auch geschehen ist. Es ist schon erstaunlich, wie das Leben so funktioniert.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie sind ja sogar Profi-Surferin geworden und haben Top-Platzierungen in diversen Wettbewerben belegt. Wie schwer war es, das mit Ihrem Handicap zu erreichen?

Bethany Hamilton: Sie dürfen nicht vergessen, dass ich schon surfte, bevor ich überhaupt laufen konnte. Als ich noch ein Baby war, haben mich meine Eltern auf einem Surfbrett durchs Wasser geschoben. Und ich bestritt ja auch vor dem Unfall Wettbewerbe. Als ich danach meine ersten Surfversuche machte, schaffte ich es schon bei der dritten Welle, auf dem Surfbrett zu stehen. Ich war jung - bin es ja eigentlich immer noch - und da fiel es mir leicht, mich umzustellen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Im Film sehen Ihre ersten Surfversuche aber wesentlich schwieriger aus.

Bethany Hamilton: Ja, da hat man ein bisschen übertrieben, damit es nach einer größeren Herausforderung aussah. Aber ich will nicht sagen, dass es leicht war. Offen gestanden war es sehr hart.

Berliner Illustrirte Zeitung: Aber wie sieht es im täglichen Leben aus? Da müssen Sie doch auch mit Banalitäten fertig werden - zum Beispiel dem Schneiden einer Tomate.

Bethany Hamilton: Da hatte ich nach einiger Zeit den Bogen raus. Mittlerweile bin ich ziemlich gut darin. Das Einzige, was ich nicht mehr kann, ist Ukulele spielen. Das vermisse ich ein wenig. Aber dafür habe ich so viele andere tolle Erfahrungen gemacht, treffe inspirierende Leute auf der ganzen Welt.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wer ist für Sie inspirierend?

Bethany Hamilton: Momentan ist es ganz besonders der Australier Nick Vujcic, der ohne Arme und Beine geboren wurde - ein christlicher Motivationsredner, der eine unglaubliche Einstellung zum Leben hat.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie präsentieren sich auch als Vorbild. Schon vor dem Film haben Sie ein gleichnamiges Buch veröffentlicht. Ihre Schwägerin drehte eine Dokumentation, auf Ihrer Website gibt es beispielsweise 'Inspirational Posters' zu kaufen. Genießen Sie Ihre Vorbildrolle?

Bethany Hamilton: Sagen wir es so: Ich versuche, ein Vorbild zu sein - vor allem, weil es nicht so viele für Kids gibt. Aber ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass ich eine öffentliche Person bin. Das war eine der schwierigsten Veränderungen überhaupt. Die Leute beten dich ja regelrecht an - was ich total merkwürdig finde. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die öffentliche Aufmerksamkeit lieben. Aber jetzt versuche ich, meiner Verantwortung gerecht zu werden.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wird Ihnen dieser Druck nicht manchmal zu viel?

Bethany Hamilton: Ich denke so wenig wie möglich daran. Manchmal ist es nicht ganz einfach. Über Facebook kriege ich Nachrichten von durchgeknallten Kids, die eine schwere Zeit durchmachen, weil sich ihre Eltern trennen oder ihre Mitschüler sie mobben. Denen versuche ich Mut zu machen. Aber ich habe dafür keine speziellen Rezepte, sondern bin einfach nur ich selbst. Ich passe mich nicht an die Erwartungen an, die andere an mich haben, sondern führe einfach ein gesundes Leben. Zum Beispiel trinke ich keinen Alkohol - nicht, dass ich grundsätzlich dagegen wäre, aber für mich ist das nichts. Und wenn man mich dafür gewinnen will, bestimmte Sachen zu unterstützen oder zu promoten, dann bin ich vorsichtig. So etwas muss schon eine persönliche Bedeutung für mich haben. Ansonsten versuche ich, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und surfe einfach weiter.

Berliner Illustrirte Zeitung: Können Sie für einen Nicht-Surfer beschreiben, welchen Reiz dieser Sport auf Sie ausübt?

Bethany Hamilton: Manchmal hat das ein bisschen was von einer Offenbarung an sich - auch wenn ich jetzt nicht zu mystisch klingen möchte. Und für mich ist es einfach ein Fluchtpunkt. Wenn die Welt an Land zu überwältigend für mich wird, dann gehe ich aufs Wasser. Dort genieße ich die Schöpfung Gottes und atme einfach durch.

Berliner Illustrirte Zeitung: Werden Sie nervös, wenn Sie nicht surfen?

Bethany Hamilton: Absolut. Als ich ein kleines Mädchen war, war es noch viel schlimmer. Ich konnte nicht mehr als drei Tage am Stück vom Meer weg sein. Jetzt komme ich damit ein bisschen besser zurecht.

Berliner Illustrirte Zeitung: Unter Surfern scheint es aber ziemlich rau zuzugehen - im Film macht Ihnen eine gemeine Konkurrentin das Leben schwer.

Bethany Hamilton: Die ist eine Erfindung der Drehbuchautoren. Ich selbst habe nie eine so intensive Feindschaft erlebt. Was nicht heißt, dass alles harmonisch abläuft. Beim Surfen gilt die Regel: Freunde auf dem Land, aber nicht im Wasser.

Berliner Illustrirte Zeitung: Aber dieser Sport hat offenbar auch zerstörerische Züge. Der ehemalige Surfweltmeister Andy Irons verstarb im November 2010 an einem Mix aus Drogen und Medikamenten.

Bethany Hamilton: Es ist egal, was für einen Beruf du hast, ob Rockstar oder Schauspieler oder Profisportler - du musst immer darauf achten, dass du das aus den richtigen Motiven tust. Das heißt, du darfst keine Obsession für Dinge entwickeln, die dich von deiner wahren Leidenschaft wegführen - in der Regel Drogen und Alkohol. Andy war ein sehr, sehr guter Freund von mir, aber er traf einfach nicht die richtigen Entscheidungen. Und ich habe zum Glück nicht nur meinen Glauben, sondern auch meine Familie, die mich enorm unterstützt.

Berliner Illustrirte Zeitung: Gehört auch ein fester Freund zu Ihrem Unterstützerkreis?

Bethany Hamilton: Nein - damit lasse ich mir Zeit. Es ist wichtig, dass du deine Jugend genießt. Es gibt genügend Kids, die viel zu schnell erwachsen werden. Ich warte lieber auf die richtige Person, anstatt schlechte Entscheidungen zu treffen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Und wenn diese richtige Person nichts fürs Surfen übrig hat?

Bethany Hamilton: Dann mag es schon sein, dass es nicht zwischen uns funktioniert. Aber es ist schwer zu sagen. Die Liebe ist doch etwas Mächtigeres als das Surfen. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass er das mag. Schließlich verbringe ich damit den Großteil meiner Zeit.

Berliner Illustrirte Zeitung: Und was machen Sie in 30 Jahren? Sie könnten doch nicht Ihr Leben lang Profisurfer bleiben.

Bethany Hamilton: Ich kann natürlich das Ende meiner Karriere hinauszögern, aber ich werde diesen Beruf ganz sicher nicht ewig machen. Es gibt auch noch andere Dinge, für die ich mich sehr interessiere - zum Beispiel gesunde Ernährung.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie engagieren sich auch sozial für andere Trauma-Opfer - von Überlebenden des Tsunami bis zu kriegsversehrten Soldaten. Gibt es nach diesen Erfahrungen noch etwas, was Sie erschüttert?

Bethany Hamilton: Ich kann schon sehr emotional werden. Vor ein paar Monaten habe ich die Dokumentation "Invisible Children" über Kindersoldaten in Uganda gesehen. Das war fast unerträglich.

Berliner Illustrirte Zeitung: Aber persönlich haben Sie vor nichts mehr Angst?

Bethany Hamilton: Oh doch, eine große Welle kann schon ganz schön einschüchternd sein. Wenn so eine anrollt, ist es wichtig, dass du deine Grenzen kennst. Aber wovor ich wirklich Angst habe, sind Spinnen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sind die schlimmer als Haie?

Bethany Hamilton: Ja. Denn die sind so klein und kriechen überall hinein, dass du sie nicht sehen kannst. Aber ich möchte nicht auf meinen Ängsten rumreiten. Denn die halten mich nur zurück. Und ich möchte im Leben noch so viel erreichen.