Reportage

Freiheit für Borsigwalde

Im Norden Berlins tobt ein Unabhängigkeitskampf. Es geht um eigene Ortsschilder. Und ein eigenes Wappen. Und überhaupt

Das Schild, das die Borsigwalder umtreibt, steht unter der S-Bahn-Trasse neben einem Kondomautomat. Wenn der Bus Richtung Frohnau die Haltestelle Holzhauser Straße anfährt, verdeckt er das Ortsteilschild von Wittenau. Das ist so manchem nur recht, denn es lügt, finden sie. Hier beginnt nämlich nicht Wittenau, sondern Borsigwalde. In einer Nacht- und Nebelaktion, so erzählt man sich, schraubten einst Unbekannte unter das Wittenau-Schild ein zweites an: Borsigwalde stand darauf. Doch rechtens war das nicht. Formal handelt es sich bei Borsigwalde nämlich nicht um einen Ortsteil, sondern um eine Ortslage. Es ist nicht befugt, eines der grün-gelben Schilder aufzustellen. Also wurde das Schild wieder abgeschraubt. Unerhört, fanden die Bürger und gingen auf die Barrikaden: Wir wollen unabhängig sein, riefen sie. Nächstes Frühjahr soll der Kulturausschuss Reinickendorf nun darüber richten.

Revolutionen stehen in diesem Jahr hoch im Kurs: Ägypten, Tunesien und Libyen befreien sich von ihren Diktatoren, auf der ganzen Welt besetzen junge Leute Finanzgebäude, um einen Systemwandel herbeizuführen, der Südsudan erklärt sich unabhängig. Und nun Borsigwalde. Nichts Geringeres als Autonomie vom Ortsteil Wittenau fordern die Einwohner. Etwas Eigenes zu haben, das ist das Ziel.

An der Spitze der Freiheitskämpfer steht Klaus Fehling. Er ist 76 Jahre alt. Wie ein Revolutionär sieht er eigentlich nicht aus. Wintermantel, grauer Scheitel, der Schnurrbart gelblich verfärbt. Einst hat er als Feuerwehrmann viel Ansehen aus der Bevölkerung bekommen. Dann kam die Pensionierung. Eine neue Aufgabe musste her. Er trat in die CDU ein. 2011 wurde er zum Bezirksverordneten in Reinickendorf gewählt. Endlich Einfluss, endlich mitentscheiden. Schon 2010 habe ihn ein empörter Bürger angesprochen, warum das Borsigwalde-Schild an der Holzhauser Straße wieder abgenommen worden sei. Seitdem treibe ihn das Thema einfach um. Es sei Zeit, die Herzens- zur Bezirksangelegenheit zu machen. Fehling suchte nach einer Möglichkeit, das Schild wieder aufzuhängen, und wurde fündig: In den Geburtsurkunden mancher älterer Bürger habe schließlich Berlin-Borsigwalde als Geburtsort gestanden. Ein Behördenirrtum, für Fehling Grund genug, um zurückzufordern, was einst schon den Weg in offizielle Dokumente gefunden hat: Die endgültige Teilung Wittenaus.

In der ersten Bezirksverordnetenversammlung (BVV) nach der Wahl warf er den Antrag auf Unabhängigkeit auf den Tisch. Seit der vergangenen Wahl arbeiten in Reinickendorf CDU und Bündnis 90/Die Grünen für die laufende Wahlperiode zusammen. Beim Thema Borsigwalde sind sich alle einig: Die "Bo-Walder", wie sie sich nennen, müssen sich abgrenzen. Also legte die BVV ihr Pamphlet dem Kulturausschuss des Bezirkes vor. Der wird überprüfen, ob Borsigwalde es wert ist, sich Ortsteil nennen zu dürfen. Verschiedene Kriterien müssen erfüllt werden: Es braucht einen historischen Ortskern mit einheitlicher Bebauung, eine intakte Infrastruktur und klar absteckbare Grenzen zum nächsten Ortsteil. Die Maßstäbe wurden vor zwölf Jahren eingeführt. Damals hatte Reinickendorf noch neun Ortsteile, als das Märkische Viertel den Aufstand probte. Mit Erfolg: 34 400 Einwohner von Wittenau sind seitdem eigenständig. Wenn die das können, schaffen wir das auch, sagte sich Fehling.

Aber was bedeutet eigentlich die Unabhängigkeit in einem Bezirk? Eigenes Rathaus? Geld, Verwaltung, Verantwortung? Nein, nein, winkt die CDU ab, nichts dergleichen. Ein Vermerk in neu gedruckten Stadtplänen, das ja. Und die Schilder, nicht zu vergessen. Mindestens vier sollen es sein, vielleicht auch acht. Eins koste etwa 100 Euro. So günstig war die Freiheit in den arabischen Ländern nicht zu haben. Die Grenzen zu Wittenau sollen deutlich erkennbar sein. Da steht schließlich die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Wer will mit der schon was zu tun haben?

Ach, und ein eigenes Wappen soll es geben. Fehling sagt, er habe da schon mal eines entworfen. Schwarz-gelb ist es, eine Lokomotive fährt diagonal von unten nach oben, das Tor der Eisenbahnindustrie der Borsigwerke ist zu sehen, Einfamilienhäuser, Bäume. Zugegeben, ein bisschen Kiezpatriotismus gehöre bei seiner Initiative schon dazu, sagt Fehling und lächelt. Es sei eben wichtig, Identität zu stiften. In der Tat, so scheint es, weiß man in Borsigwalde oftmals nicht so genau, wo man zu Hause ist. In der Ernststraße, der Haupteinkaufsstraße, treffen die Einwohner täglich im Café Schleckermäulchen aufeinander.

Wozu gehören sie nun?

"Borsigwalde ist doch schon ein eigener Ortsteil, also das ist nun wirklich nichts Neues", sagt die Verkäuferin.

"Nein, nein, wir gehören doch zu Tegel", widerspricht ein älterer Herr.

"Zu Wittenau", korrigiert ein anderer Gast.

"Wittenau, Wittenau", wirft ein vierter ein, "das ist da wo die Karl-Bonhoeffer-Nervenanstalt ist, das sind doch nicht wir!"

"Wir sind die Nachkommen der Arbeiter, die bei Borsig geschafft haben", sagt Eberhard Schmidt. Er wohnt seit 68 Jahren in Borsigwalde. Sein Vater hat in der Eisenbahnfabrik Lokomotiven gebaut. Schon Ende des 19. Jahrhunderts war die Maschinenfabrik von August Borsig weltbekannt. 1898 errichtete der Unternehmer an der Holzhauser Straße eine erste Wohnsiedlung für seine Mitarbeiter. Sie sollten es nicht so weit zur Arbeit haben. Ungewöhnlich war dabei, dass vor jedem Haus ein eigener Garten vor der Tür angelegt war.

Wer sich heute in Borsigwalde auf den Weg macht, um herauszufinden, ob die Ortslage alle Kriterien erfüllt, um zum Ortsteil befördert zu werden, stößt schnell auf die alten Gründerzeithäuser. In der Räusch- und Ernststraße stehen rote Backsteinhäuser, verziert mit Klinker, Fachwerkgiebeln und Schnitzereien. Einige Gebäude der märkischen Backsteingotik stehen unter Denkmalschutz. Die Borsigwalder würden die Vorgärten nach wie vor mit Hingabe pflegen, sagt Eberhard Schmidt. Er tut dies mit einer Überzeugung, als wäre es unumstritten, dass Gärtnern allein reiche, um einen eigenen Staat zu gründen.

Und wie sieht es mit der Infrastruktur aus? Karnevalsverein, Kleingartenanlage, alles da. Die wichtigste Straße, die Ernststraße, wartet mit Einzelhandel auf: Teppichverkauf, Schlüsseldienst, Friseur, zwei Hundesalons. Der Mikrokosmos funktioniert selbstständig. Wer von außen auf den Freiheitskampf dieser 8500 Berliner blickt, fühlt sich wie ein Zuschauer in einem absurden Theaterstück, in dem der Chor der Borsigwalder laut nach Unabhängigkeit ruft. Läuft man das Territorium der Bo-Walder ab, braucht man von der nördlichen bis zur südlichen Staatsgrenze etwa eine halbe Stunde, von West nach Ost rund 35 Minuten. Das Ortsteilzentrum ist der Sportplatz. Gibt man Borsigwalde im Internet bei einer Suchmaschine ein, führen die ersten drei Treffer zum Sportverein, erst dann kommt der Wikipedia-Eintrag. Sechszeilig. In Schulzens Kegelpinte treffen sich die Herren abends und messen sich im Bierkrugstemmen. Auch Frank Balzer, Bezirksbürgermeister von Reinickendorf, hat schon als Siebenjährige auf dem Platz gekickt. Er ist in Borsigwalde aufgewachsen. "Kein Mensch hier würde sagen: 'Ich komme aus Wittenau'. Sondern: ,Ich bin ein Borsigwalder'."

Und die Stadtteilgrenzen? "Die verlaufen ganz klar", wirbt Initiator Fehling. Entlang der S-Bahntrasse Richtung Hennigsdorf, die Autobahn 111 verläuft im Westen, der Nordgraben zieht die besonders wichtige Grenze zu Wittenau. Die unbeugsamen Bewohner eines kleinen gallischen Dorfes hatten schließlich auch einen Zaun um ihre Hütten, der sie von den Römern trennte. Die Borsigwalder, die stünden außerdem für etwas. Es dürfe nicht sein, dass sie zwischen den dominanten Tegel und Wittenau in der Versenkung verschwinden, wie die Cook-Inseln, die Jahr für Jahr ein Stück weiter im Meer versinken. Ganz Borsigwalde unterstütze den Antrag. Ganz Borsigwalde? Nein! In der Ernststraße gibt es einen unbeugsamen Gastronom. "Die sind doch bescheuert, fällt denen nichts Besseres ein?", sagt er. Er halte den ganzen Aufriss für überflüssig. Seinen Namen will er nicht nennen, schließlich hängt er davon ab, dass die Borsigwalder weiter bei ihm einkehren. Aber Verständnis habe er keines. Ansonsten ist es eine Revolution ohne Gegner.

Selbst von der Bezirks-SPD bekommen die Separatisten mehr Unterstützung. Gilbert Collé, Fraktionsvorsitzender in Reinickendorf, hat Mitleid und nichts gegen den Antrag. "Borsigwalde leidet darunter, nicht so wahrgenommen zu werden", sagt er. Vor zehn oder 15 Jahren habe die Ortslage es besonders schwer gehabt. Banken, Supermärkte, Post hätten geschlossen. Heute sei nur ein kleiner Lebensmittelladen übrig, das Viertel habe keine eigene U-Bahnstation, liege unbeachtet zwischen Tegel und Wittenau. Und wenn es doch der innigste Wunsch der Anwohnerschaft sei, dann wolle seine Partei sich nicht dagegen stellen. Bezirksbürgermeister Frank Balzer wolle bei der Einweihungsparty die neuen Ortsteilschilder in jedem Fall persönlich anschrauben. Blaskapelle, Bier, Bratwürste, alles sei vorstellbar.