Es stampfte noch einmal. Laub raschelte. Ein Hund bellte. Dann verschwand es im Gebüsch.

Weg war es. Was blieb, war der Schrecken. Und die Frage: Was war das?

Es war kein Gespenst, dem der Jogger an jenem kalten Novembermorgen in dem Zehlendorfer Wald begegnete. Es war ein Mufflon, ein Widder genauer gesagt, ein männliches Wildschaf. Rund 30 Artgenossen leben im Düppeler Forst. Eine weitere Herde mit etwa 20 Tieren durchstreift das Gehölz am Schäferberg.

Sie sind schon seit vielen Jahrzehnten hier. Weil sie aber so extrem scheu sind und so gut riechen können, dass sie einen Menschen auf 300 Meter wittern, zeigen sie sich nur selten. Wenn sie aber zu sehen sind, dann sind es immer Begegnungen der besonderen Art. "Die Spaziergänger, die uns von solchen Zusammentreffen erzählen", sagt die Bettina Foerster-Baldenius von der Zehlendorfer Waldschule, die Großstadtkindern die Natur näher bringen will, "berichten, als hätten sie ein Ufo gesehen."

Tatsächlich sind die Mufflons Fremde in unseren Wäldern. Tiere mit Migrationshintergrund. So wie die Wollhandkrabben, die über die Elbe und die Havel nach Berlin kamen. Oder die Nutrias, die zum Ende der DDR aus Pelzfarmen entwichen. Oder die asiatischen Marienkäfer, die sich seit einigen Jahren auch in Deutschland breit machen. Die Mufflons kommen vom Mittelmeer. Eigentlich sind sie auf Korsika zu Hause, in den Gebirgen von Sardinien und Zypern. Wie sehr sich die Zyprer mit dem Tier identifizieren, das vor schätzungsweise 10 000 Jahren zum Hausschaf domestiziert wurde, lässt sich heute nicht nur an dem geflügelten Mufflon ablesen, das die Leitwerke der staatlichen Fluggesellschaft ziert, sondern auch an dem Tier auf den 1-, 2- und 5-Cent-Münzen des Landes. Was aber haben die Mufflons in Berlin verloren? Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sie in Deutschland ausgesetzt. Für die Artenvielfalt, sagen die einen.. "Für den Jagdspaß", sagt Arno Maximini, Revierförster von Nikolassee. Eine Schnecke, so heißt das geschwungene Horn, galt als beliebte Trophäe, mit der Waidmänner gerne ihre Jagdzimmer schmückten.

In den 20er-Jahren gab es Ansiedlungen von Wildschafen. Aber auch den Fünfzigern, als Muffelwild aus dem Saupark im niedersächsischen Springe hier ausgesetzt wurden. In dieser Zeit kamen zudem Tiere aus dem Berliner Zoo hierher.

Richtig wohl haben sich die Tiere nicht gefühlt. Daran war nicht zuletzt der märkische Sand Schuld. "Die Tiere brauchen scharfkantiges Gestein", sagt Förster Maximini. Auf den Boden ihrer heimatlichen Berge wurden die Klauen auf natürliche Weise abgenutzt. In den Berliner Wäldern bekamen sie Fäule.

Mittlerweile haben sich die Mufflons an den sandigen Untergrund gewöhnt. Sie sind schön anzusehen mit ihrem braunen Fell, den lieben Augen. Die Lämmer, die die Weibchen zum Schutz vor Füchsen im Gebüsche verstecken, sind entzückend. Und die Geschichte und Herkunft der Schafe verleiht den Wäldern Exotik. Gut tun sie den Forsten aber eigentlich nicht. Sie knabbern gerne an jungen Bäumen herum. Das ist nicht gut. Und deshalb wird auch auf sie geschossen. So wie auf andere Tiere, auf Rehe und Wildschweine, die dem Wald schaden, wenn sie sich unbegrenzt vermehren. Aber die Mufflons sind auch unter ihresgleichen nicht immer freundlich. Das ist aber nicht der Grund für ihre Bezeichnung als "Muffel". Das Wort stammt aus der Jägersprache und bedeutet "kurze Schnauze". Wenn Widder zur Paarungszeit aufeinander los gehen, dann knallt es durch den ganzen Wald. Dann kann es zu schweren Verletzungen kommen. Joggern tun sie übrigens nichts.