* Um kurz vor zwei sieht er aus wie Cäsar. Die Frisur wie ein Lorbeerkranz um seinen Kopf. Um kurz nach drei Uhr hat er etwas von Hitchcock, der breite Nacken, der Haaransatz. Und schließlich die Tränensäcke, die ganze Augenpartie um Viertel vor vier: wie Adenauer mit Anfang 80.
Der Mann, um den es in Wirklichkeit geht, ist gerade 76 geworden. Er kann nicht mehr sitzen, den Kopf nicht mehr hoch, den Blick nicht mehr starr geradeaus halten. Seit Stunden immer nur durchs Fenster hinaus, das Tageslicht soll sein Gesicht beleuchten.
Der Rücken wird steif. Hin und wieder Gespräche, ein bisschen wie beim Friseur, nicht zu oft und zu ausschweifend, er will ja den Künstler nicht stören. Dann geht es nicht mehr, eine Pause muss sein. Kommt auch dem Künstler gelegen, der wischt sich mit dem Handrücken die Schweißperlen aus dem Gesicht.
Dieter Hallervorden schlüpft in die Birkenstocksandalen, die vor ihm liegen, steht auf und packt sein Pausenbrot aus. Läuft ein paar Schritte durch den sonnendurchfluteten Raum. Es riecht nach Butter und Aufschnitt.
Dass er sich nicht habe vorstellen können, sagt Hallervorden, wie anstrengend es sei, rein gar nichts zu tun. Ohne den geringsten Beitrag leisten zu können.
Dass sein Gesicht, sagt der Künstler, ihm Beitrag genug sei, dass nur die imposante Nase noch Probleme bereite, sich sonst aber alles ganz wunderbar füge. "Man mag's ja nicht glauben", sagt er, "aber die Nase ist immer noch zu klein."
Dieter Hallervorden blickt sich selbst ins Gesicht, fragt, ob dieser Popel da vorn, ob der denn originalgetreu sei. Der Künstler lacht, wie meistens laut und ausladend, streicht das Krümelchen Ton von der Nase, die Hände zittern vor Anstrengung, das Hemd ist verschwitzt. Wie ein Sportler hat er Hochleistung vollbracht in den vergangenen Stunden.
Dann wirft Hallervorden die Frage in den Raum, diesen Didi-Palim-Palim-Nonsens-Satz. Wer kennt die Steigerung von imposant?
Er gibt die Antwort selbst.
Im Hintern Steine.
Im Arsch Geröll.
Der Künstler lacht.
Zwei Tage später ist ihm das Lachen vergangen.
Zwei Jahre hat es gedauert, jetzt hat es endlich geklappt. Viel ist für beide passiert seit dem ersten Gespräch, das Bertrand Freiesleben, Bildhauer aus Berlin, mit Hallervordens Frau am Telefon führte, als er sie mal unverbindlich anfragte, ob ihr Mann sich vielleicht dafür begeistern ließe, sein bemerkenswertes Gesicht verewigen zu lassen. Erst jetzt im September gelang es dann endlich, einen Tag nach Hallervordens 76. Geburtstag, vielleicht ein Geschenk, das er sich selbst machen wollte.
Die Vorstellung hatte ihm gleich gefallen, aber Freiesleben hatte damals den schlechtesten Zeitpunkt erwischt. Hallervorden steckte zu der Zeit mitten in der Wiedereröffnung des Schloßparktheaters. Man fand keinen Termin, und Freiesleben selbst hatte Kundschaft genug. Hans Riegel zum Beispiel, Haribo-Chef aus Bonn, Horst Köhler, Ex-Bundespräsident."Katastrophal, die Arbeit mit ihm", sagt der Künstler. "In menschlicher Hinsicht? Fantastisch!" Am ersten der drei Arbeitstage war Köhler noch mit kompletter Entourage in seinem Atelier erschienen, am dritten Tag trug er nicht mal mehr Krawatte und hatte den ersten Hemdsknopf lässig geöffnet. Köhler habe derartig viel erzählt und gelacht, sagt Freiesleben, dass sich die Mimik ständig veränderte. Und Freiesleben keinen Gesichtsausdruck einfangen konnte.
Mit jeder Gefühlsregung, sagt er, ist alles an einem anderen Platz.
Irgendwie hat er es doch noch geschafft, am Ende waren beide, Modell wie Künstler, mit dem Ergebnis zufrieden. Jetzt steht die Büste, in Bronze gegossen, im Bundespräsidialamt.
Die Liste der Köpfe, die Freiesleben in den letzten Jahren modelliert hat, umfasst mittlerweile fast 150 Namen. Darunter Politprominenz wie Richard von Weizsäcker, Walter Scheel, Klaus von Dohnanyi, Egon Bahr oder Roman Herzog. Darunter aber auch so unterschiedliche Männer wie Kurt Masur, Rolf Hoppe, Uwe Seeler oder Erol Sander. Er sollte mal, sagt er, eine Party schmeißen für alle, die noch bei ihm im Archiv rumstehen, die Originale aus Ton hat er ja alle behalten.
Seit einiger Zeit nimmt er sich verschiedene Schachgroßmeister vor, vielleicht aus dem Begehren heraus, in ihrem Gesicht ihr Genie aufzuspüren. Irgendwo muss es doch sichtbar werden, muss doch der hart arbeitende, strapazierte Geist seine Spuren hinterlassen.
Frauen sucht man, bis auf wenige Ausnahmen, fast vergeblich in seiner Sammlung.
Frauen, sagt Freiesleben, brächten ihn zur Verzweiflung. Frauen erforderten höchste Präzision, kein Platz für Übertreibung, und zwar nicht die geringste. Im Gesicht eines Mannes, da kann man ein bisschen herumtoben, bewusst und richtig dosiert überzeichnen, um Charakteristisches, Markantes herauszuholen. Ein bisschen hier was betonen und dort überspitzen, diese kleinen Unebenheit hervorheben, jene Furche noch ein bisschen vertiefen. "Sie haben doch nichts dagegen", fragt Freiesleben, "dass ich ein paar Ihrer Stirnfalten aufnehme?" "Ach nein", sagt Hallervorden, "bedienen Sie sich."
Bei Frauen muss noch das kleinste Detail, die Haut, die Proportionen, wirklich alles fein ausgearbeitet sein, sonst wirkt das Gesicht zu grob, wirkt karikaturesk überzeichnet, verliert das weiblich Sanfte und Weiche. Abgesehen davon: Eine Falte zu viel oder zu tief und die Frau spricht nie mehr ein Wort mit ihm. Zu einer Freundin habe er mal gesagt, sie habe die tollsten Venusfalten, die er kenne. Na herzlichen Dank. Dabei hat er ja nicht einmal Kehllappen gesagt, was auch denkbar und viel geläufiger gewesen wäre. Vielleicht wusste sie nicht einmal, was er da meinte, aber Falten ist für Frauen das verbotene Wort.
Glätte und Präzision allerdings brächten das nächste Problem, weil sie dem Ausdruck eine ungewollte Härte oder Schärfe verliehen, die Konturen kantig werden ließen und die weiblichen Züge verzerrten. Zum Verzweifeln, sagt der Künstler, denn er würde ja gern. Anne Hathaway zum Beispiel, die wäre toll. "Alles in diesem Gesicht ist so groß", sagt Freiesleben. "Nichts passt richtig zusammen. Und doch ist es ein schönes Gesicht. Wie geht das? Das will ich verstehen."
Kein Problem, das darf man so sagen, das sich bei Dieter Hallervorden stellt. Hallervorden hat so eine Art Traumgesicht für Freiesleben. Ein bisschen schief und holprig, ein Gesicht mit Geschichte, und bei aller Grobheit doch fähig zum sanften, teils ambivalenten Ausdruck. "Imposantes Gesicht", sagt Freiesleben, mehr zu sich selbst und klingt ausgesprochen zuversichtlich, dass ihm sein Werk gelingen wird. Vielleicht ist nicht nur das Weibliche schwer, vielleicht ist es Schönheit an sich. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Porträt des Schauspielers Erol Sanders ein wenig aus der Reihe fällt, nicht ganz die Überzeugungskraft der anderen besitzt. Vielleicht ist Erol Sander einfach zu hübsch.
Hallervorden hat Platz genommen, sitzt auf einer kleinen Bank in einem Nebenraum im Schloßparktheater. "Ja", sagt Hallervorden und berührt mit der Hand sein Gesicht. "das hat vieles möglich gemacht."
Freiesleben braucht für die Arbeit nicht viel, er hat zwei Säcke Schulton dabei, jeweils zehn Kilogramm, das hat noch immer gereicht. Eine Flasche Mineralwasser steht neben ihm, nicht zum Trinken jedoch, sondern um sie über die Büste zu kippen, wenn der Ton zu trocken wird. Außerdem: schwer zu benennendes, spachtelähnliches Werkzeug und einen Holzständer, auf dem er den Klumpen in Form bringt, zunächst ein zäher rechteckiger Block, den Freiesleben aus der Folie befreit und mit Wucht auf das Gestell knallt. Schwer vorstellbar, wie daraus in wenigen Stunden ein Kopf entsteht, man stellt sich vor, dies könnte die blödeste Phase im Schaffensprozess sein, grob und noch weitgehend unbestimmt, wie dieses Gesicht einmal gucken könnte. Vor allem aber: wahnsinnig anstrengend.
Freiesleben geht in Position, geht etwa zehn Meter zurück, steht jetzt mitten im Raum, geht in die Knie wie ein Sprinter im Hochstart. Wie ein Tennisspieler, der den Aufschlag seines Gegners erwartet, der den Ball annimmt, der auf ihn zufliegt, wie ein Detail, ein besonderes Merkmal, das ihn trifft und den entscheidenden Ausdruck in die Mund-, Augen- und Nasenpartie bringen könnte. Noch steht Freiesleben ganz am Anfang, sagt "So! Jetzt geht's los!", rennt auf den Tonklumpen zu, haut drauf mit der flachen Hand, schlägt dagegen mit der Faust, klatscht ein Stück hierhin und dorthin, reißt hier und da was ab, haut mit beiden Händen gleichzeitig zu, auf das, was einmal die rechte und die linke Backe werden sollen. Manchmal sieht er aus wie Bud Spencer, der seinen Gegner verkloppt. "Oh!", ruft der Künstler, "ja, das ist gut. Der Kopf leicht nach hinten gelegt." Hallervorden sagt: "Das macht er sehr gern." Und versucht, so still wie möglich zu sitzen, blickt ernster als man es kennt von diesem ständig grimassierenden Slapstick-Gesicht, dem irren Grinsen, der aufgeregten Ratlosigkeit, dem tollpatschig oder hundeblick-traurigen Dreingucken.
Das Programmheft für die aktuelle Spielzeit im Schloßparktheater zeigt ihn in den Rollen des melancholischen Clowns, des zerstreuten Professors, des schrulligen Priesters. Man hat irgendwie das Gefühl, sie alle zu kennen. Aus seinen Sketchen, dem Nonstop-Nonsens, aus dem, was Dieter als Didi "verbrochen hat", sagt er, "ist Kult geworden". Vom politischen Kabarett ist nicht viel geblieben. Aber egal, sagt er. Er habe nie was getan, was er nicht habe tun wollen. Gegenwart und Zukunft seien interessant, die Vergangenheit, sagt er, habe ihn nie interessiert.
Freiesleben gibt ein paar Anweisungen, sonst ist viel Stille, Kopf etwas höher, tiefer, gerader. Oder doch lieber schräg? Ein paar Stunden später wird er beherzt mit beiden Händen den Hals packen und den Kopf leicht zur Seite neigen. Bis dahin hat Hallervorden Dutzende Male den Ausdruck gewechselt - ganz im Gegenteil übrigens zu Johannes Heesters im vergangenen Jahr.
Johannes Heesters war gerade von einer komplizierten Zahn-OP gekommen, und er war vom Anästhesisten etwas überversorgt worden, weil der Arzt keinerlei Referenz für die Dosierung bei einem 106-Jährigen hatte. Als Heesters Kopf zum dritten Mal auf seine Brust sank, ließ er ihn einfach schlafen. Und modellierte trotzdem weiter.
Nach sieben Stunden Arbeit sieht er aus wie Hallervorden, nicht wie Didi, sondern wie Dieter, ein ernsthaft blickender älterer Mann, mit einem etwas müdem, leicht spöttischem, skeptischem Ausdruck um die Augen. Irgendwann kurz vor Schluss, als Freiesleben seinem Kopf schon die leichte Neigung nach rechts verpasst hatte, als er eigentlich dachte, er habe den richtigen Gesichtsausdruck gefunden, hat Hallervorden auf einmal die Augenbrauen hochgezogen. "Cool!" rief Freiesleben, "ganz andere Geschichte, aber besser. Und jetzt so bleiben bitte." Und Hallervorden hat plötzlich noch ein wenig Gesichtsgymnastik zu absolvieren.
Nach sieben Stunden Arbeit ist Freiesleben zufrieden, ein bisschen Feinschliff am nächsten Tag, aber wenn er jetzt plötzlich ablebe, sagt er, dann sei das, hinsichtlich Hallervorden, okay.
Zwei Tage später steht Bertrand Freiesleben in seinem Atelier in Prenzlauer Berg und erreicht Dieter Hallervorden nicht. Weiß auch nicht so recht, was er sagen soll. Außer, dass es ihm grauenvoll peinlich sei. Das ist sinngemäß das, was er ihm dann ausrichten lässt. Er kommt gerade von der Polizeiwache. "Selbst Schuld", hatte der Beamte gesagt. "Was fahren Sie denn auch so ein Auto."
In der Nacht zu Donnerstag war in der Schliemannstraße sein blauer VW-Bus geklaut worden, das meistgestohlene Automodell der Stadt. Im Bus befanden sich neben selbstgemachtem Werkzeug - "es liegt fantastisch in der Hand, es ist unersetzbar" - und einem Kontrabass die Büste des Schauspielers Patrick Schott und des Schachgroßmeisters Lewon Aronjan. Ein großer Verlust, doch glücklicherweise hatte Freiesleben bereits die Negative angefertigt.
Nicht zu ersetzen aber: die noch feuchte Tonbüste von Dieter Hallervorden, noch bevor sie in Bronze gegossen werden konnte. Sieben Stunden Arbeit, viel Kraft, Schweiß, Geduld und Rückenschmerzen umsonst. Viel Hoffnung hat die Polizei ihm nicht gemacht. Und trotzdem gibt Freiesleben nicht auf. Den Verlust des Autos, sagt er, könne er ganz gut verkraften, nicht aber den Verlust dieser Büste, man könne ja anonym vielleicht ...
Freiesleben hat ein Kopfgeld ausgesetzt. Erst hat er an eine selbstgemachte Bronze gedacht, die er dem Finder überreichen könnte. Dann dachte er, zur Not würde er eben den Finder selbst porträtieren - auch wenn er in Wirklichkeit der Täter ist. Nun hat er sich noch einmal besonnen und sich für Bargeld entschieden. 500 Euro will er demjenigen zahlen, der ihm Dieter Hallervorden wohlbehalten zurückbringt.
Als Hallervorden und Freiesleben sich zwei Tage vorher verabschiedeten, hatten sie fast so was wie Zukunftspläne geschmiedet. Freiesleben, so die Idee, könne auf der Bühne des Schloßparktheaters Prominente modellieren, live und über einen Projektor für das Publikum auf eine Leinwand übertragen. Hallervorden könnte dabei sein und die Gäste interviewen. Hardy Krüger zum Beispiel. Katharina Thalbach wäre toll. Beide waren begeistert, schon im Winter könne man starten. Was jetzt daraus wird, ist noch unklar. Mit Hallervorden hat er bis heute nicht gesprochen.

