"Hat der Rotfuchs euch am Kragen", warnt der Lehrer, "hilft kein Betteln, hilft kein Klagen." Der Kinderbuchautor Albert Sixtus und der Zeichner Fritz Koch-Gotha hatten ja so recht, als sie 1924 schilderten, was dem Häschen droht, das vom rechten Weg abkommt und sich trotz Verbotes in die Büsche schlägt. Sie schmecken Reinecke so gut, die kleinen zarten Mümmelmänner. Und wenn sie ihm vor die Schnauze kommen, dann schnappt er zu. Das ist wahr. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.
Eine Wohngemeinschaft in Berlin lässt den Fuchs in einem anderen Licht erscheinen. Es ist wie im Paradies. Ausgerechnet in der Nähe des Hauses der Kulturen der Welt, der Institution, die uns lehrt, dass Unterschiede befruchtend sind und ein friedliches Miteinander machbar ist, teilen Kaninchen und Füchse einen Bau. Dieses ungewöhnliche Zusammenleben hat Derk Ehlert, der Wildtierbeauftragte des Berliner Senats, bereits vor drei Jahren entdeckt. Und sicher ist es auch seinen Bedenken geschuldet, allzu detaillierte Auskünfte über den genauen Standort zu geben, die die Tiere schon so lange ungestört zusammenleben lassen.
Ehlert kannte den Kaninchenbau schon lange. Ein Bau mit vielen Ein- und Ausgängen. Und er hatte schon häufiger beobachtet, wie Kaninchen rein- und raushoppelten. Eines Tages aber schlüpfte aus einem Loch ein Fuchs. Ganz friedlich. "Burgfrieden!", frohlockte Derk Ehlert über die Entdeckung eines seltenen Phänomens im Tierreich, das in der Literatur durchaus bekannt ist und das Zusammenleben von Jagd- und Beutetieren beschreibt. Gelegentlich macht sich ein Fuchs in einem fertigen Dachsbau heimisch. Man kann es dem Fuchs nicht verübeln, dass er sich für die bequeme Variante der Untermiete entscheidet. Bis zu 30 Quadratmeter groß kann das Tunnelsystem eines Fuchsbaus sein, das aus einer Hauptröhre, einem Wohnraum und Fluchttunneln besteht. Da muss er schon ganz schön lange buddeln.
Es soll auch schon vorgekommen sein, dass ein Fuchs mit einer Brandgans unter einem Dach lebte. "Jeder Jäger, mit dem ich darüber spreche, weiß, dass es auch einen Burgfrieden zwischen Fuchs und Kaninchen gibt", sagt Derk Ehlert. "Aber wenn ich frage, wo sie so etwas schon mal gesehen haben, dann kann mir keiner ein Beispiel nennen."
Warum ausgerechnet in Berlin, mitten in der Großstadt, Fuchs und Kaninchen so eng zusammen rücken, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Tatsächlich, so Ehlert, ist der Standort in der Nähe des Hauses der Kulturen der Welt für beide Arten sehr gut. Seiner Ansicht nach begünstigt auch die räumliche Enge in der Stadt ein solches Zusammenleben. Verblüffend ist der Burgfrieden dennoch bei den vielen Füchsen und Kaninchen, die neben Wildschweinen, Mardern, Waschbären, Bibern und Dachsen in Berlin leben. Schätzungsweise 4000 Kaninchen tummeln sich in den Gärten, Wäldern und Parks der Hauptstadt - und rund 3000 Füchse. Sie machen ihrem Image als besonders helle Tiere alle Ehre. Sie wissen, dass sie im Garten einer Kindertagesstätte ihre Ruhe vor Hunden haben. Sie blicken einem seelenruhig in die Augen, wenn man sie auf der Terrasse dabei erwischt, wie sie nach vergessenen Kinderschuhen schnappen, die ihnen irgendwie schmecken. Derk Ehlert hat auf dem Potsdamer Platz auch schon einen Fuchs gesehen, der bei Grün über die Ampel spazierte. Die Füchsin aber, in der Fachsprache Fähe genannt, die seit drei Jahren den Kaninchenbau bezieht, um hier ihre Jungen aufzuziehen, hat eines offenbar nie gelernt: Wie gut Kaninchen schmecken. Gut für die deutlich schwächeren Tiere am Haus der Kulturen der Welt. Ob sie in den Tunneln mit den kleinen Füchsen Fangen spielen? Ob sich die Fähe mit der Häsin über das Wetter austauscht? Ob sie sich streiten? Wie es in dem Bau aussieht, das weiß Derk Ehlert nicht. Vermutlich aber gehen sich die Angehörigen der unterschiedlichen Tierfamilien aus dem Weg. Sie haben auch getrennte Eingänge. Und wenn ein Kaninchen vor dem Bau ist und der Fuchs kommt nach Hause, dann haut es sofort ab. Es könnte ja sein, dass er dazu gelernt hat.

