Vielleicht war er auch einfach nur froh, dass er diesen Job hatte. Dass er die Stadt aufräumen konnte, die Ruinen beseitigen, die auch 16 Jahre nach Ende des Krieges noch an die Zerstörung erinnerten und nicht passen wollten zu Aufbruch und Wirtschaftswunderzeit. Vielleicht hatte sich Josef Boneschi, als er sich an jenem 24. Februar 1961 auf dem Moabiter Trümmergrundstück an der Wilhelmshavener Straße, Ecke Turmstraße auf seinen Bagger setzte, auch einfach nur aufs Wochenende gefreut. Abends hat er sich nur noch darüber gefreut, dass er am Leben war - und mit ihm beinahe 14 000 Berliner.
Eigentlich war es ein ganz normaler Arbeitstag mit Dreck und Krach. Kaputte Ziegel, Erde, Wände. Und viel Metall. Alles musste weg. Für Josef Boneschi und seinen Bagger kein Problem. Doch plötzlich, kurz vor Feierabend, stießen die Arbeiter auf etwas Hartes. Es war aus Metall und sah aus wie eine Litfaßsäule. Ein Wasserboiler! Die Männer waren sich einig. Und irgendjemand verständigte auch schon den Schrotthändler. Der würde sich freuen über so viel Metall. Aber erst mal musste man das schwere Ding aus der Erde holen.
"Das werden wir gleich haben", sagte Boneschi. Und setzte auch schon seinen Bagger in Gang. Gut 20 Mal preschte er gegen den Metallzylinder, um ihn freizulegen. Schließlich fuhr er den Greifer aus. Mehr als zehn Mal stieß er zu, um den vermeintlichen Boiler in die Baggerschaufel zu bekommen. Und dann hatte er das Stück endlich im Griff.
Aber nicht lang. Das verrostete Ungetüm stürzte aus zwei Meter Höhe auf den Boden.
Boneschi gab nicht auf. Er bekam es wieder zu fassen. Dann stürzte das widerspenstige Metallgebilde erneut zu Boden. Als wollte es zurück in die Erde, dorthin, wo es so viele Jahre gelegen hatte. Doch Boneschi schaffte es. Als er den Eisenkörper an eine sichere Stelle gelegt hatte, guckten sich die Bauarbeiter das Ding erst mal genauer an. War es wirklich ein Wasserboiler? Boneschi und ein Kollege nahmen einen Vorschlaghammer und schlugen die hintere Bodenplatte ab. Pulver rieselte hinaus.
"Sand", sagten die Männer. Sie holten einen Schneidbrenner. Sie wollten gerade beginnen, den Klotz in Stücke zu zerlegen. Da kam der Altmetallhändler. Gerade rechtzeitig.
Er hatte schon viele Dinge aus Metall gesehen - und er sah sofort, was die Bauarbeiter da bearbeiteten wollten: Es war keine Litfaßsäule und kein Wasserboiler. Es war eine britische Luftmine, die nach ihrem Abwurf in einer der Berliner Bombennächte nicht in die Luft gegangen ist. Und es war nicht irgendein Blindgänger, sondern eine 40-Zentner-Bombe - die größte, die bisher in Berlin nach dem Krieg geborgen werden konnte.
Wäre der Schrotthändler nicht im richtigen Moment gekommen und hätte er nicht gerade noch die Bauarbeiter daran gehindert, den Schneidbrenner an das explosive Gebilde zu legen, dann hätte es mit Sicherheit eine Katastrophe gegeben. Für die Fachleute aber war es schon jetzt ein Wunder, dass die Bombe bei der unsanften Behandlung, die sie seit ihrem Fund erfahren hatte, nicht in die Luft gegangen war.
Erst am nächsten Morgen sollte der Blindgänger entschärft werden. Lautsprecherwagen fuhren durch die Straßen. Es waren dramatische Stunden, die viele Berliner an die Bombenalarme während des Krieges erinnert haben. Mit kleinem Handgepäck, mit Ausweisen und anderen wichtigen Papieren, mussten 13 500 Frauen und Männer aus Berlin-Tiergarten ihre Wohnungen räumen. Kleine Mädchen hatten ihre Puppen im Arm, ältere Damen den Hund an der Leine. Mütter schoben ihre Babys in Kinderwägen. Sie alle waren aufgeregt, als sie in Schulen und Heimen ankamen, in denen sie nur abwarten konnten. Kranke und Gebrechliche wurden ins Krankenhaus Moabit gebracht. Sämtliche Häuser im Umkreis von 500 Metern mussten geräumt werden. So groß war der Radius, in dem das Geschoss seine zerstörerische Wirkung entfaltet hätte. Und natürlich mussten auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rathauses gleich nebenan ihre Schreibtische verlassen.
Als sämtliche Häuser evakuiert waren, lag Todesstille über dem sonst so betriebsamen Teil von Moabit. Die Straßenbahnen standen still, die Busse und Autos. Kein Mensch war auf den Bürgersteigen. Es war, als würde die Stadt für einen langen Moment die Luft anhalten.
Es war der Moment, in dem alles von dem Berliner Polizeifeuerwerker Gerhard Räbiger und seinem Kollegen Walter Braun abhing.
Keiner war im Entschärfen so erfahren wie der 45-jährige Räbiger. Er hatte schon im Mai 1952 für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz bekommen. Für die Berliner war der Mann, der insgesamt 6500 Bomben entschärfte, aus gutem Grund ein Held. Damals, an jenem 25. Februar 1961 war es noch nicht lange her, dass er in einem spektakulären Einsatz im Juni 1959 eine russische Panzergranate unwirksam machen sollte, die sich in 35 Meter Höhe in den Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche gebohrt hatte und von Bauarbeitern zufällig entdeckt wurde. Auch an jenem Junitag hielten die Berliner den Atem an, als Räbiger vor Tausenden von Schaulustigen mit Hilfe eines Krans in die Höhe gehievt wurde, das Mauerwerk aufbohrte - und den Blindgänger entschärfte. Zwei Jahre zuvor hatte er, auf einem wackeligen Gerüst in 25 Meter Höhe, bei zwei russischen Granaten die Zünder entfernt, die im Turm der Jerusalemer Kirche steckten.
Es war immer gut gegangen. Aber das musste nichts heißen. Diese Arbeit war lebensgefährlich. Im August 1957 hatten 8000 Berlinern dem Feuerwerker Werner Stephan auf dem Städtischen Friedhof Tempelhof das letzte Geleit gegeben. Der 40-jährige Familienvater war bei der Entschärfung einer Granate auf dem Sprengplatz Grunewald ums Leben gekommen. Zwei Helfer wurden bei dem Unglück lebensgefährlich verletzt. Räbiger hatte eng mit Stephan zusammengearbeitet. Immer wieder fuhren sie gemeinsam mit den Bomben durch die gesperrten Straßen der Stadt zum Sprengplatz, die Hände an den Zündbolzen.
Nein, es war kein Spiel, das Entschärfen von Blindgängern. Diesmal, auf dem Trümmergrundstück in Moabit, schon gar nicht. 40 Zentner Sprengstoff, drei Zünder. Würde es Gerhard Räbiger jetzt wieder gelingen? Es musste. Alles andere war nicht auszudenken.
Es dauert exakt 28 Minuten, von 15.08 Uhr bis 15.36 Uhr, bis der stille Gerhard Räbiger, der so gar nicht wie ein Rambo oder ein James Bond wirkte, durch sein Funkgerät Entwarnung geben konnte. Die Bombe war entschärft. Allein mit einer Zange konnten sie die drei Zünder entfernen. Gerhard Räbiger und Walter Braun hatten es geschafft. Die Menschen von Moabit konnten beruhigt in ihre Wohnungen gehen, während die Bombe nach Grunewald zum Sprengplatz gebracht wurde.
Alles war wieder gut. Aber der Schock bei den Berlinern saß tief. Nicht nur in der Redaktion der Berliner Morgenpost klingelten die Telefone ununterbrochen. Die Menschen wollten wissen, wie es passieren konnte, dass Bauarbeiter eine 40-Zentner-Bombe mit einem Wasserboiler verwechseln. Dass sie mit Bagger dagegen brettern, die Bombe auf den Boden fallen lassen, mit dem Hammer auf sie einschlagen, sie gar mit einem Schneidbrenner bearbeiten wollten. Haben die denn keine Ahnung? Sind die nicht geschult? Sind die nicht bei Sinnen? Wann passiert das wieder?
Feuerwerker Räbiger konnte die Öffentlichkeit nicht wirklich beruhigen. Tatsächlich, so sagte er, sei es unmöglich, alle Enttrümmerungsarbeiter zu Experten in Sachen Weltkriegsmunition zu schulen. Die Männer wüssten aber um die Gefahren, die Berufsgenossenschaft gäbe ständig Warnungen aus. Und eigentlich könnte man einen Blindgänger auch erkennen. Eigentlich.
Mit der gewaltigen Luftmine, die am 24. Februar 1961 an der Wilhelmshavener Straße nachmittags ans Tageslicht gebracht wurde, war es anders. Die konnte ein Laie nicht erkennen. Das sagte damals auch die Berliner Polizei. Sie machte den Arbeitern jedenfalls keine nennenswerten Vorwürfe.
Ob das Josef Boneschi tröstete? Vielleicht. Beruhigt haben wird es den italienischen Baggerführer kaum. Ganz sicher hat es ihn vorsichtiger gemacht. Und vielleicht auch etwas gläubiger. Dass bisweilen ein Wunder geschehen kann, daran wird er spätestens seit jenem Freitag im Februar nicht mehr gezweifelt haben.

