Wie man Hunde in den Griff kriegt

Platz, Fuß, Aus!

Sie knurren, sie zerren an der Leine und machen, was sie wollen: Wie man mit Hunden spricht, weiß nur Maike Maja Nowak. Sie ist eine der ungewöhnlichsten Hundetrainerinnen Deutschlands - mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf. Alexandra Kilian und Eva Sudholt haben sie getroffen

Eine Flasche Wodka für ein Leben. Das war alles, was sie bieten konnte. Geld spielte ja keine Rolle in Lipowka, die Währung war Kartoffeln, war Honig, Fleisch und Hirse. Und Wodka, wenn es wichtig war. Es war Frühling, der geschmolzene Schnee hatte Wiesen und Wälder überschwemmt. Maja saß im Schlauchboot, ließ sich von Bauer Anton ins Dorf bringen, über Felder hinweg, durch Wälder hindurch, zurück nach Hause, nach Lipowka.

Sie war gerade aus Moskau gekommen, aus Adriana war wieder Maja geworden, bis zu ihrem nächsten Auftritt. Wenn sie auf den Bühnen der russischen Hauptstadt stand, sang sie von Schmerz und Liebe und Feuer im Herzen. Wenn sie sich auf Deutsch unterhielt, sprach sie mit russischem Akzent. Wenn Maja Nowak in Moskau war, wurde sie zu Adriana Lubowa. Eine Kunstfigur, die sie selbst erschaffen hatte.

Anton paddelte an Bäumen vorbei, kilometerweit, ihr Dorf war noch immer nicht in Sicht. Was war das? Da drüben, im Wasser! Ein räudiger Hund, sagte Anton, ein Streuner, den er manchmal beim Jagen erwischte, der die Hasen erlegte, die er selbst gern hätte. Das Tier strampelte im Wasser. Maja blickte sich um. Kein Land in Sicht. Anton, hol' ihn ins Boot, sagte Maja. Niemals, sagte Anton. Eine Flasche Wodka, wenn du ihn rettest! Anton schüttelte den Kopf. Dann brach sie einen Ast vom Baum, befahl Anton, dicht neben dem Hund zu bleiben. Wenn ihm die Kraft ausging, konnte er sich am Stock festhalten. Er schwamm bis zum Dorf, aus eigener Kraft. Sie nannte ihn Wanja. Und Majas neues Leben begann.

Volkspark Friedrichshain, später Nachmittag, selbst die Hunde zittern vor Kälte. Maja hat zwei eigene dabei, Frieda und Tinka. Wanja ist schon lange tot. "Alles an Wanja war angemessen", sagt Maja. Wir sagen Maja und Du, Förmlichkeiten haben auf dem Hundeplatz nichts zu suchen. Einmal allerdings kommt die frühere Diva durch. Porträtfotos will sie nicht, sie mag sich nicht, wenn sie friert.

Wanja also, der perfekte Leithund. Eine hohe Messlatte für Benny, Border-Collie-Mischling, und Zeno, Weißer Schäferhund. Benny bellt äußerst unangemessen, Zeno springt an allen hoch, beide ziehen an der Leine. Also Leine ab. Toben auf der Wiese. Benny bellt, Zeno springt. Ah, der obligatorische Rentner ist da, motzt: Hunde an die Leine! "Das ist Training", sagt Maja, "geht leider nicht anders." Und guckt, als wäre er heute der Zehnte. Zurück zu Benny. Diagnose: Kluger Hund! Problem: Benny ist ängstlich, überdreht, unterfordert. "Wie ein praller Fahrradschlauch, viel zu viel Druck." Maja nimmt Benny an die Leine, dreht mit ihm Runde um Runde. Sobald Benny versucht, sie zu überholen, macht sie einen Ausfallschritt, versperrt ihm den Weg und macht etwa: Ssssst. Keine Vokabeln, Tiere reden ja auch nicht. Eigentlich müsste sie knurren, sagt sie, aber das ist ihr doch zu albern. Ssssst. Benny zuckt, lässt sich zurückfallen, trottet neben ihr her. Und überholt schon wieder. Ssssst. Dann ein Stoß mit dem Knie. Nicht fest, nur ein Ausfallschritt und ein Kick mit dem gebeugten Bein. Nach ein paar Runden ist Benny ganz ruhig.

"Auch unter den Menschen - alleine geblieben. Ich brauch keine Menschen, sie lügen." Zwei Verse aus einem Gedicht. Zwei Sätze, die zu gut zu ihr passen, um sie nicht zu zitieren. Verse wie diese haben Maja von Leipzig nach Moskau geführt, zwei Jahre nach der Wende, als gar nichts mehr ging. Als nicht nur Arbeiter arbeitslos wurden, sondern auch Künstler und Sänger, die im Osten mal von Bedeutung waren. Als sich niemand mehr so recht für Maike Maja Nowak, einst bekannte Liedermacherin in der DDR, interessierte. Nach der Wende, sagt sie, musste sie ein neues Lebensgefühl aufbauen. Dass sie plötzlich hundert verschiedene Joghurtsorten im Supermarkt hatte, änderte an ihrer Stimmung nicht viel. Die Verse einer Frau haben sie gerettet. Marina Zwetajewa schrieb von Seele, Liebe, Gott, von Schmerz und Einsamkeit. Maja las ihre Gedichte auf Deutsch. Wie schön, dachte sie, müssen sie erst auf Russisch sein. Maja wollte zu den Ursprüngen. Sie wollte dahin, wo Marina Zwetajewa im frühen 20. Jahrhundert den "kraftvollen russischen Schmerz" in Gedichte fasste. Und verließ ihre Heimat für sechs lange Jahre.

Man muss schon was aushalten können, man darf nicht alles persönlich nehmen. Auch wenn Maja sagt, dass Benny "ne negative Energie in die Gruppe reinbringt." Zeno, "das Riesenbaby" versteht das Problem nicht in seiner unbedarften Fröhlichkeit. Zeno ist Schäferhund, kommt Maja aber mehr wie ein Labrador vor - charakterlich. Hampelt rum, läuft Benny in die Quere. Benny bellt und zeigt die Zähne. Maja greift ein, Ssssst! Schon der Ansatz eines Bellens wird erstickt. Es gibt Menschen, die ihre Hunde auch noch ermuntern, die das Bellen als Ausdruck von Freude verstehen. Alles falsch, sagt Maja. "Wir sagen doch auch nicht zu Kindern: Los, schrei weiter, schrei lauter!" Bellen ist Ausdruck von Unruhe, von Angst, von Unzufriedenheit. Benny bellt, wenn er unsicher ist. Und Zeno springt hoch, weil er die Grenzen nicht kennt. Reflexhaftes, vielleicht auch verlegenes Streicheln. "Nicht gleich wieder loben", sagt Maja. "Er hat doch gerade noch Mist gemacht!" Man kann so wahnsinnig viel falsch machen.

Bäume, Kinder, Schnee. Wie zum allerersten Mal. Maja sah aus ihrer Wohnung im 12. Stock eines Moskauer Mietshauses, 200 Dollar im Monat, viel zu viel, die ganze Familie der Wirtin sanierte sich mit Majas Erspartem. Sie schaute auf die Straße, sah Bäume, Kinder, Schnee. Sie kannte die Worte nicht - Derev'ya, Deti, Sneg. Es war, als sähe sie alles zum ersten Mal. Weil sie da, wo sie jetzt war, die Dinge nicht benennen konnte. Maja war gerade nach Moskau gezogen, lebte ein Jahr wie ein Kind. Sie gab die Kontrolle ab, ließ alles geschehen. Sie konnte nur beobachten, zuhören, lernen. Sie schlich durch die Gänge im Supermarkt, schnappte auf, was Brot, Milch, Kaffee, Käse heißt. In ihrer Wohnung im 12. Stock las sie die Gedichte von Marina Zwetajewa, schrieb Melodien und versuchte, die Verse zu singen. Sie hatte aus Lyrik Musik gemacht. Und als ein Jahr vergangen war, konnte sie plötzlich Gesprächen folgen.

Es braucht ein wenig, bis man das Prinzip versteht. Der wichtigste Grundsatz klingt einfach, ist es dann aber doch wieder nicht. "Man muss mit Hunden so sprechen, wie sie selbst sprechen." Hunde sagen nicht "Sitz", "Platz", "Bleib". Bei jedem Hund, den Maja trainiert, orientiert sie sich an Wanja. Er war der erste von zehn. Der Kopf eines Rudels, das über die Jahre immer weiter wuchs. Wanja war der geborene Chef, nie einschüchternd, immer souverän. "Ich hatte furchtbare Schnösel im Rudel, vorlaute, streitsüchtige Hunde", sagt Maja. "Aber Wanja hat sie alle beherrscht. Er hat sie mit dem Körper in die richtige Richtung dirigiert. Wenn sie nicht spurten, hat er geknurrt. Ein klares Stoppzeichen, dann war Ruhe." Mehr griff er nicht ein, musste er nicht. "Es gibt kein Gegengeräusch unter Hunden zu Stopp!" Es gibt nur den Energiewechsel, ein Spannungsabfall, der sagt: Jetzt kannst du tun, was du willst. Dafür gibt es kein Kommando. Es ist das Gegenteil von Ssssst, von Knurren. Die Spannung, die ein Mensch mit Worten auflöst, löst ein Leithund durch Körpersprache auf. Die Leithunde sind in diesem Fall wir, wir müssen Körpersprache lernen, wir müssen uns Laute und Töne zulegen.

Wenn Maja damals zu singen begann, verdunkelte sich ihre Stimme. Tief und sanft sang sie von Sehnsucht und Schmerz, auf Russisch, auf Moskauer Bühnen. Mit Anfang 30 war sie zu Adriana Lubowa geworden. Russische Zeitungen feierten sie als "Diva des Chansons". Über Maja Nowak mit den braunen Locken, die 1983 mit "Kieselsteine" eine der ersten Frauenbands der DDR gegründet hatte, sprach sie in der dritten Person. Adriana Lubowa war plötzlich blond, hellblond mit Gelbstich, und sie wurde zur festen Rolle. "Wie Sasha und Dick Brave", sagt sie heute. Der deutsche Popsänger war lange Zeit auch nur als seine eigens erschaffene Kunstfigur eines amerikanischen Rock'n'Roll-Stars in Erscheinung getreten. Aber Maja war zuerst da.

Und in Moskau war Vera, Russin, auch Liedermacherin, sie war zu Majas engster Freundin geworden. Vera kam aus Lipowka, einem kleinem Dorf, nach den Linden benannt, die überall stehen. "Du musst mitkommen", sagte Vera, wenn sie aufs Land fuhr, aber Maja hatte immer eine Ausrede. Ein kurzer Ausflug in den Vorort, was war denn dabei? Also gut, Maja kam mit. Setzte sich mit Vera in den Zug, zog gar nicht erst ihre Jacke aus, weil sie dachte: Vorort? Kann ja nicht weit sein. Die Stunden vergingen, keine Häuser in Sicht, nur Linden, überall. Dann stiegen sie aus. Endlich. Sie liefen ein Stück, hielten an einem Fluss, dann machte Vera den Rucksack auf. Und zog ein Schlauchboot heraus. Keine Luftpumpe. Sie pusteten das Boot auf und paddelten los. Nach achtzehn Kilometern legten sie an. Maja wollte die Luft ablassen. Stopp, rief Vera, es kommt noch ein Fluss. Bis dahin müssten sie allerdings noch ein paar Kilometer laufen.

Das war der Zeitpunkt, als Maja kapitulierte, als sie sich treiben ließ, alles geschehen ließ und anfing, das Abenteuer zu genießen. Sie gab die Kontrolle ab.

Das Problem scheint folgendes zu sein: Zeno steht unter Druck, es sind zu viele Leute, zu viele Hunde da: Er hat Angst, die Kontrolle zu verlieren. Denn er sieht es als seinen Job an, sein Frauchen zu beschützen. Wir erinnern uns aber: Wir sind die Leithunde. Heißt: Wir haben die Kontrolle. Wir sind die, die knurren beziehungsweise Ssssst machen beziehungsweise Stopp sagen. Ich hab's im Griff, sagen wir. Noch eine Runde über die Wiese, in der einen Hand Benny an der Leine, an der anderen Zeno. Es klappt, die beiden folgen Maja. Und entspannen sich sichtbar.

Maja und Vera kamen an. Niemand in Lipowka war jünger als 65, ein Dorf von Babuschkas. Und trotzdem fühlte sie sich gleich wie zu Hause. Maja machte einen Mittagsschlaf, dann ging sie spazieren, sie sah ein Haus, fragte, ob es zu haben sei. Die Babuschka war gerade gestorben. Maja Nowak kaufte das Haus. Einfach so.

Maja konnte keine Kartoffeln anbauen oder Hühner halten, aber sie war jung und kraftvoll, das war ihr Kapital. Sie konnte schleppen und zupacken. So bekam sie, was sie zum Leben brauchte. Und sie trat weiter in Moskau auf. Regelmäßig nahm sie die schwere Reise auf sich und kam immer wieder gern zurück. Auch an dem Tag, als Wanja in ihr Leben trat. Und der erste Hund in ihrem zehnköpfigen Rudel wurde.

Und dann wurde wieder alles anders. Maja war 36 Jahre alt, als sie 1997 als Adriana Lubowa in Berlin engagiert wurde, um in der "Bar jeder Vernunft" aufzutreten. Es folgte eine wochenlange Deutschlandtournee. Dann rief Vera an. Wanja war erschossen worden. Das war der Anfang vom Ende der Russlandzeit. Nichts wurde mehr wie früher. Maja kehrte noch mal zurück, aber über die Jahre waren schon viele ihrer Hunde gestorben. Kurz darauf kehrte sie endgültig nach Deutschland zurück, sie trat weiter auf und drei Jahre später brach sie zusammen. Sie konnte nicht mehr.

"Es war wie mit dem Haus", sagt Maja. "Als ich sagte, ich kauf's, dachte ich im selben Moment: Tu's nicht." Als sie ins Tierheim Lankwitz ging, einen Hund holen wollte, um nicht mehr allein zu sein, nahm sie "die dicke, schwarze Wurst", verhaltensgestört, weil jahrelang auf einem Balkon in Marzahn versauert. Tu's nicht, dachte sie. Heute ist Viktor 18 Jahre alt. Er ist nicht mitgekommen in den Park, er hat keine Lust mehr. "Am Anfang", sagte Maja, "als ich 2007 die Hundeschule gegründet habe, habe ich gearbeitet wie alle Hundetrainer. Mit Leckerlis und positiver Konditionierung. Dann hab ich gemerkt, dass sie überhaupt nicht verstanden, was ich von ihnen wollte." Sie hat sich an Wanja erinnert und ab da gab es keine Leckerlis mehr. Nur noch Sssst und ein Stupsen, wenn nötig. Benny und Zeno haben es verstanden. Für den Moment. "Hunde leben nur für den Moment", sagt sie. "Aber sie stellen Verknüpfungen her. Und irgendwann merken sie sich, was sie zu tun und zu lassen haben." Am Ende ein Trick, der einfach ist, aber effektiv sein soll. Wir haben gelernt: Ein Hund ist frustriert, wenn er unterfordert ist. "Gebt euren Hunden eine Aufgabe", sagt Maja. "Wir haben den Tieren sogar den Job geraubt, sich um ihr Essen zu kümmern. Alles kriegen sie serviert." Für ihre drei Hunde versteckt sich jeden Morgen das Frühstück im Garten. Das Mittagessen wird beim Spaziergang geworden. Das Abendbrot wird in der Wohnung verteilt, so einfach ist das.

Dann soll es noch Tee geben, in Majas Wohnung in Prenzlauer Berg. Nur gibt es da ein Problem: Die Hunde können nicht mit. Zuhause wartet Viktor, ebenfalls Rüde, zwar 18, also etwa 126 Menschenjahre, aber gut, jeder Hund ist anders. Beruhigend, dass auch hier nicht alles perfekt ist.