- Völlig unverständlich, warum zum Beispiel Flusslandschaften zum Weltkulturerbe erklärt, Kneipenlandschaft dagegen ignoriert werden und so nach und nach verschwinden. Die beiden angesagtesten Kreuzberger Szene-Kneipen der frühen Jahre ("Leierkasten", "Malkiste") existieren nicht mehr. Und Hertha Fiedler ist mit ihrer "Kleinen Weltlaterne" nach Wilmersdorf gezogen. Für die Schluckies der damaligen Zeit eine Kulturschande. Es bleiben Erinnerungen. Selbst die hartleibigsten Linken jener Zeit - einige beziehen ja schon Rente - blicken nostalgisch auf die wilden Kreuzberger Jahre zurück und behelligen mit Erinnerungen ihre Enkel, die völlig ratlos Opas Geplapper zur Kenntnis nehmen, bevor sie sich wieder ihrem Computer widmen.

Einer, der - übrigens enkelfrei - fürs Kreuzberg der späten Jahre und der frühen 80er steht wie kaum ein anderer, ist Beppo Pohlmann. Er schrieb und komponierte den Kneipenhit "Kreuzberger Nächte". Vor wenigen Wochen haben die Leser der Berliner Morgenpost und die Hörer von 105,5 Spreeradio in einer Umfrage die "Kreuzberger Nächte" zum beliebtesten Berlin-Song aller Zeiten gekürt - vor Hilde Knefs Hymne "Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen", noch vor "Pack die Badehose ein" (Conny Froboess), noch vor "Ich hab noch einen Koffer in Berlin" (Die 3 Travellers) und auch vor Udo Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow".

"Das hätte ich nie für möglich gehalten", meint Beppo Pohlmann, "dass der Song auf Platz eins landet. Mein Favorit war P.R. Kantates "Görli, Görli'. Aber der Titel wurde leider wegen Urheberstreitereien gar nicht erst ins Rennen geschickt." Pohlmanns "Kreuzberger Nächte", der vor 30 Jahren zum Ohrwurm wurde, ist ein Millionenhit geworden. Um ihn auf der Gitarre zu spielen, reichen nur zwei Akkorde: A-Dur und E-Dur oder G-Dur und C-Dur.

"Text und Musik entstanden schon 1975", sagt Beppo. "Eigentlich wollte ich damit den ganzen Karnevalsscheiß veralbern. Dass es später mal ein richtiger Karnevalshit werden würde, hätte niemand gedacht. Der Song kam übrigens nur durch Zufall auf Platte. Wir machten damals eine LP mit dem Titel "Bla-Bla-Blattschuss", aber es fehlte noch ein Lied. Da schlugen wir den Blödelsong vor. Eine Sammlung von Wortspielen, mit Liebe zusammengeklaut. Die Zeile ,Eins von den 30 Bierchen war wohl schlecht' ist ein uralter Kalauer. Später habe ich den Spruch in einem Humor-Buch aus dem Jahr 1928 entdeckt. Auch die Zeile ,In Eckkneipen geht es nun mal rund' habe ich von irgendwo her."

Als die "Kreuzberger Nächte" entstanden, wohnte Beppo in der Liegnitzer Straße. An der Liegnitzer/Ecke Reichenberger Straße war das "Alt-Berlin", eine Kneipe mit kuriosen Typen, die sich da die Kante gaben. An die dachte Pohlmann, als er den Titel schrieb. Er erinnert sich: "Kurios, aber da waren die Kreuzberger Nächte überhaupt nicht lang. Um Viertel vor zwölf stellte der Wirt die Stühle hoch. Da gab es noch ein Bier im Stehen, um Punkt zwölf waren alle raus. So wurden wir Vertriebene auf der Suche nach neuen Abfüllstationen. Getrunken haben wir gern Persiko und später Apfelkorn, zwei Bretterknaller mit Nachwirkungen am nächsten Tag. Irgendwann schlug einer vor, wir sollten auf Wodka umsteigen, der wäre reiner und mache nicht so 'n Kopp. Da ließen wir uns schnell überreden. Später tranken wir nur russischen Wodka, aber dann trat Lech Walesa auf die politische Bühne - und wir tranken nur noch polnischen Wodka. Eine Frage der Solidarität. Wir sagten uns: ,Wenn wir den Polen sonst schon nicht helfen können, dann doch wenigstens beim Saufen.'"

In Kreuzberg lässt sich Beppo heute eher selten blicken. "Wenn ich auswärtigen Besuch habe, mache ich den Stadtführer. Geht immer los am Flughafen Tempelhof, dann den Mehringdamm bis zur Bergstraße und rüber nach SO 36. Dann gehen wir auch schon mal ins Alt-Berlin, aber das ist heute halt eine ganz normale Kneipe, da erinnert nichts an die seligen Zeiten..."

Vielleicht interessant für alle Neu-Berliner: Das alte Kreuzberg bestand aus zwei durch eine Art Hassliebe verbundene Kiezteilen. Der eine hieß nach der damaligen Postleitzahl "61", der andere nach der Vorkriegsbezeichnung "SO (Süd-Ost) 36". Die "richtigen" Kreuzberger mit proletarischem Background wohnten natürlich in "SO 36", die aus "61" waren Neuzugänge, die hinter renovierten Fassaden wohnten. Ein Kreuzberger Szenekabarett hat es mal auf eine Formel gebracht: "Die aus 61 fahren Mercedes, die aus SO 36 brechen ihm den Stern ab." So viel zur kleinen Kreuzberg-Kunde. Nach Kreuzberg hatte es ihn aus Osnabrück verschlagen. "Jeder denkt, ach, wieder so einer, der sich vor dem Bund gedrückt hat. Stimmt in meinem Falle nicht. Ich habe dem Vaterland gedient..."

Allerdings hat er zunächst den Wehrdienst verweigert, wollte lieber Zivildienst leisten. Musste vor eine Kommission. Da stellte man ihm dann so eine schöne Frage wie: "Stellen Sie sich vor, Sie spazieren mit Ihrer Freundin durch einen Park. Plötzlich springt ein Russe aus einem Gebüsch und will Ihre Freundin vergewaltigen. Was machen Sie?"

Da hat er erst einmal gelacht, zumal ja die Anzahl der Russen, die in der Bundesrepublik in einem Gebüsch lauerten, doch eher gering war. Jedenfalls wurde ihm die Wehrdienstverweigerung verweigert. Beppo rückte ein. Wollte aber aus Gewissensgründen keinen Dienst an der Waffe leisten. Auch das hatte Folgen: Kein Wochenendurlaub nach Hause für drei Wochen. Später wurde er doch noch als Verweigerer anerkannt, aber da war es selbst für einen Wechsel in den Zivildienst zu spät.

Als er nach Berlin kam, hatten die namhaften Gesangsbarden schon ihr Revier abgesteckt: Reinhard Mey, Hannes Wader, Ulrich Roski, Schobert & Black usw. Die tingelten Abend für Abend durch Charlottenburger Folkläden wie GO-IN, Folkpub und Steve Club. Später war Beppo dann mit seinen "Gebrüdern Blattschuss" selbst auf dem Trampelpfad, damals noch mit Jürgen von der Lippe, Hans Werner Olm, Hans Marquardt, Harald "Wurzel" Gribkowski und Harald Wolf. Als die "Kreuzberger Nächte" für gute Laune sorgten und es so richtig abging, waren Jürgen von der Lippe und Hans Werner Olm nicht mehr dabei. "Neulich", sagt Beppo, "habe ich in der Zeitung gelesen, dass Jürgen den Song geschrieben und komponiert haben soll. Aber damit hatte er nichts zu tun."

Überhaupt: "Meine musikalische Heimat war nie Kreuzberg, sondern Charlottenburg. Nach meinem Umzug aus Kreuzberg habe ich dort zuerst in der Herderstraße und dann am Saignyplatz gewohnt, über dem ,Zwiebelfisch'." Hier trafen sich früher Jung- und Altfilmer. Bob Biberti von den "Comedian Harmonists" war da, tauchte immer mit wesentlich jüngeren Mädels auf, denen er danach zu Hause seinen kleinen grünen Kaktus zeigte. Enzensberger war da, Rainer Langhans und sein Harem. Einmal soll jemand den Hobby-Boxer und Maler Markus Lüpertz durch die Fensterscheibe gedrückt haben. Er fand wohl seine Bilder schlecht. Das mögen boxende Maler nicht sehr...

"Vom Savignyplatz aus", so Beppo, "konnte man ganz bequem in die Folkloreläden gehen. Wenn wir zum Beispiel im GO-IN von abends halb neun bis morgens um zwei spielten, bekamen wir alle zusammen 300 Mark und Freibier. Das war nicht viel, aber es läpperte sich. Bekam ja auch noch Bafög, studierte am Otto-Suhr-Institut Politologie, Germanistik und Theaterwissenschaft. Alle Studiengänge erfolgreich nicht abgeschlossen."

Vom Erfolg seines Songs erfuhr er in München, als er von einem Urlaub auf Elba dort Freunde besuchte. Einer sagte: "Da gibt es im Radio ein irre komisches Lied." Als Beppo es dann hörte, war er sprachlos. "Im September kam die erste Anfrage, ob wir in der ZDF-Hitparade auftreten wollen. Wollten wir natürlich nicht. Was sollten wir denn bei den Schlagerheinis? Dann wurde wieder nachgefragt. Wir holten Rat bei unseren linken Freunden. Die wollten erst einmal wissen: "Was verdient ihr denn da?" Ich sagte: ,1000 Mark'. Da meinte einer: ,Ihr müsst ja blöde sein, wenn ihr das nicht macht!' Kommerziell - das war damals ja ein Schimpfwort. Wir sagten uns: Okay, kommerziell wollen wir nicht sein, wir wollen nur verdienen..."

Der erste Auftritt bei Dieter "Thomas" Heck war am 11.11.1978. Auftakt zum Karneval. Schon 50 000 Platten waren verkauft. "Wir starteten von null auf Platz sieben. Dann waren wir dreimal hintereinander auf Platz eins. Anfang 1979 waren es schon 500 000 Stück. Es gab dafür 'ne Goldene Schallplatte. Inzwischen dürften es mehr als eine Millionen sein, ich weiß das nicht so genau. Ich weiß nur, dass die GEMA mir vier Mal im Jahr einen Scheck schickt. Eine Art Rente, besser als die Riester-Rente."

Der Grund für den anhaltenden Tantiemenfluss sind die diversen Faschings- 70er Jahre oder Berlin-Sampler.

Das GO-IN in der Bleibtreustraße war die wichtigste Kneipe für Beppo. Hier begann seine Karriere. Hier lernte er seine erste und seine zweite Frau kennen. Auch eine Form der Treue. Mit seiner zweiten Frau ist er seit 24 Jahren zusammen, seit zehn Jahren verheiratet."

Das Paar wohnt im beschaulichen Friedenau. "Eine große Eigentumswohnung ist der einzige Luxus, den wir uns leisten", erzählt Beppo, und dann fügt er hinzu: "Ach ja, bin auch noch Laubenpieper an der Schlangenbader Straße. Da kann ich prima abschalten."

Ist nämlich keineswegs so, dass Beppo, der Heiligabend 1951 zur Welt kam, Ruheständler ist. Seit 1989 ist er mit dem Musiker Kalle Ricken zusammen, beide treten auf als "Gebrüder Blattschuss" - auf Straßenfesten, Eröffnung von Super- und Baumärkten etc. Zum Schluss schreit das Publikum natürlich nach den "Kreuzberger Nächten". Pohlmann ist seit 2003 auch mit einem Soloprogramm unterwegs. Titel: "Ich war mal schön".

Die "Kreuzberger Nächte" sind übrigens auch in Holland ein Hit, da heißt das Lied "Brabantse Nachtens zijn lang". Und vor der Wende war das Stimmungslied auch in der DDR ein Favorit der Studenten, die sich über RIAS und SFB den Song auf Kassette aufnahmen. Allerdings interpretierte man den Text eher politisch. Besonders die Strophe: "Ein Rentner ruft: ,Ihr solltet euch was schäm'!' - Ein andrer meint, das läge am System..."

Die Bedienung bringt die Rechnung. Man kennt sie noch von früher. Nach einer Hüftoperation hat sie ihren ersten Arbeitstag.

"Stell dir vor", sagt Beppo, "jetzt brauchen die knackigen Mädels von früher schon eine neue Hüfte. Wir werden eben alle älter."

Stimmt. Und die Kreuzberger Nächte sind auch nicht mehr so lang.

Die Doppel-CD "Best of Berlin" mit 40 Titeln ist im Handel erhältlich.

Morgenpost-Abonnenten können sie für 19,95 Euro unter der Nummer 0800/198 2000 oder im Internet unter www.morgenpost.de/hits bestellen.

Weitere Informationen zu Beppo Pohlmann unter www.beppo-pohlmann.de