Zeit ist eckig

"Auch eine stehengebliebene Uhr kann noch zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigen; es kommt nur darauf an, daß man im richtigen Augenblick hinschaut."

Alfred Polgar Die Berliner mit ihrer grenzenlosen, ja fast hemmungslosen Aufgeschlossenheit allem Neuen gegenüber (bescheidene Selbsteinschätzung!) konnten mit dem Ding, das da vor genau 30 Jahren plötzlich auf dem Kurfürstendamm herumstand, partout nichts anfangen. "Dit soll 'ne Uhr sein?", maulte so mancher, "da lachen ja die Hühner."

Soviel Verblüffung war nie. Dabei handelte es sich bei der sogenannten "Mengenlehre-Uhr" auf dem Mittelstreifen des West-Berliner Boulevards in Höhe Uhlandstraße um eine echte Weltsensation. Nur wußten die Passanten damit nichts anzufangen. Kaum einer ahnte, daß das etwa drei Meter hohe Gebilde mit dem Lichtertableau, das an ein römisches Feldzeichen erinnerte, überhaupt eine Uhr ist.

Man mußte sich schon sachkundig machen, um erkennen zu können, was die Stunde geschlagen beziehungsweise geblinkt hat. In allen Zeitungen und dann auch in Reiseführern wurde eine "Gebrauchsanleitung" abgedruckt:

"Die runde Fläche ganz oben blinkt alle zwei Sekunden. Die darunter gelegenen zwei Reihen großer Felder zeigen Stunden an: Jeder leuchtende Fläche der obersten Reihe steht für fünf Stunden, jede Reihe darunter für eine Stunde. Die unteren beiden Reihen zeigen Minuten an. Die elf kleineren zählen je fünf Minuten und die großen ganz unten je eine Minute. Um die Zeit abzulesen, zählt man die Mengen der erleuchteten Felder von oben nach unten zusammen.

Wichtiger Tip: Die 5er-Minuten sind so angeordnet, daß mit einem Blick Viertel-, Halbe- und Dreiviertelstunden durch rote Felder erkennbar sind."

Eigentlich ganz einfach. Begriffen hat das kaum jemand. Die "Mengenlehre-Uhr" schuf in den Köpfen der Betrachter eher jede Menge Leere. Wie schön, daß sich in Sichtnähe am Kurfürstendamm noch eine gewöhnliche Uhr mit Ziffern und Zeigern befand. Entworfen wurde die schrägste Uhr der Welt, die auch von Berlin-Touristen bestaunt wurde, von dem gelernten Uhrmacher (!) und Ingenieur Dieter Binninger. Der Betreiber der Firma "Videor" wollte mit Armbanduhren auf der Basis der Mengenlehre die Welt erobern und schenkte den übergroßen Prototyp auch aus Werbezwecken dem Bezirk Charlottenburg. Frankreichs Staatspräsident Giscard d'Estaing zeiget sich hocherfreut, als ihm bei seinem Berlin-Besuch 1979 vor dem Maison de France eine Mini-Imitation der Uhr überreicht wurde. Das Original war übrigens gerade zur Reparatur...

Ein Jahr zuvor war US-Präsident Jimmy Carter in der Stadt. Bei der Fahrt über den Boulevard sollte die Kolonne an der Uhr halten, auch Carter sollte dort eine Mini-Ausgabe geschenkt bekommen. Aber der Zeitplan ließ einen Stop nicht zu. Für diese Uhr hatte Mister President einfach keine Zeit...

Dem Bezirk wollte schließlich die Wartungskosten in Höhe von rund 8000 DM jährlich nicht mehr tragen und erwog eine Schenkung an das Uhren-Museum im Schwarzwald. Aber das konnte sich mit dem sperrigen Chronometer offenbar nicht so recht anfreunden. So wurde die Weltsensation 1995 erst einmal eingelagert - und kam 1996 wieder zu Ehren.

Im Beisein der Witwe Binningers, der 1991 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, wurde die Uhr erneut feierlich enthüllt, diesmal an der Budapester Straße am Europa-Center. Dessen Chef Christian Pepper und Geschäftsleute des Hauses übernahmen die anfallenden Kosten.

In einer wenig attraktiven Ecke zwischen dem Hotel Palace und dem Berlin Tourismus-Büro fristet die Uhr seitdem ein beklagenswertes Dasein und findet kaum Beachtung, allenfalls als blinkendes Etwas. Wenn es nicht so traurig wär, müßte man sagen: Für diese Uhr, die mal ein skurriles Wahrzeichen der Stadt war, ist die Zeit abgelaufen. Von den meisten wird sie nicht mal ignoriert, zumal eine riesige Baustelle den öden Standort noch unwirtlicher macht. Aber immerhin: Sie funktioniert und hat die Zeitumstellung am vergangenen Sonntag mit Bravour gemeistert, was man ja nicht von allen Uhren in der Stadt sagen kann.

Also: Heute mal alle hin zur "Mengenlehre-Uhr" an die Budapester Straße und nachgucken, wie spät es ist! Es wird höchste Zeit!

Bernd Philipp