ALEXANDRA NELDEL: Ich will immer mitreden können und muß alles im Leben ausprobieren. Vor drei Jahren hat mich Pro Sieben dazu gebracht, einen Fallschirmsprung zu machen, genauer gesagt einen Tandemsprung. Ich hatte gerade einen Film für den Sender gedreht, und nun wollte man mir einen Gefallen tun und mich mit etwas überraschen. Gestartet sind wir vom Flugplatz Fehrbellin aus. Vorher hatten wir viel Zeit, weil es an dem Tag erst mal geregnet hat. Mir wäre es lieber gewesen, alles wäre ganz schnell gegangen: hoch, raus, runter. Als wir endlich oben waren, habe ich gedacht: Warum tue ich das? Aus einem intakten Flugzeug springen, das nicht etwa gerade abstürzt. Aber da wollte ich auch keinen Rückzieher mehr machen, schließlich wurde ich bei der Aktion auch gefilmt. Ich war vorher schon mal beim Bungee Jumping gesprungen. Wie gesagt, ich möchte immer alles ausprobieren. Aber mit dem Fallschirm, als die Klappe aufging und zuerst die raus sind, die es schon konnten, war das noch einmal etwas ganz anderes. Ich erinnere mich, daß ich meinen Mitspringer gefragt habe, ob er gerade größere Probleme und vielleicht Selbstmordgedanken hat. Als wir dann wirklich gesprungen sind, war es einfach toll. Eigentlich war ja auch meine Rolle als Lisa Plenske in "Verliebt in Berlin" ein Wagnis. Man bindet sich eineinhalb Jahre fest und ist für alle anderen Angebote, Filme zum Beispiel, raus aus dem Geschäft. Aber das ist ja auch gutgegangen.
Alexandra Neldel ist Schauspielerin ("Verliebt in Berlin")
OLIVER DE WEERT : Die Gelegenheit war günstig. Sie würde nicht so schnell wiederkommen, vielleicht nie wieder, das muß ich geahnt haben. Das Tor stand offen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, vergewisserte mich, daß niemand hersah, und büchste aus. Es war für die Menschheit kein großer Schritt, und auch für mich nur ein kleiner - aber er war bedeutend. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Entscheidung mit unabsehbaren Folgen getroffen. Ich war vier Jahre alt, zum Zeitpunkt der Flucht Schutzbefohlener eines katholischen Kindergartens, selber jedoch evangelisch-lutherisch getauft. Der Drang nach Freiheit stand zweifellos über konfessionellen Erwägungen. Streng genommen wollte ich einfach nur nach Hause. Bis heute gibt es eine Familienkontroverse, ob der Besuch meiner Lieblingsgroßmutter der Grund für den waghalsigen Weg war. Ich lief durch einen dunklen Wald. Mithilfe einer fremden Passantin querte ich eine gefährliche Straße. Den Erzieherinnen half niemand gegen den Zorn meiner Mutter, der beim Anblick ihres unvermittelt vor der Tür stehenden Sprößlings sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war. 13 Jahre später reiste ich erstmals alleine über den Atlantik, im Folgejahr zog ich zu Hause aus. Die Aufregung, die das Wagnis der Kindergarten-Flucht verursacht hatte, sollte sich nie mehr wiederholen.
Oliver de Weert ist Journalist
THOMAS HERMANNS: Mein größtes Wagnis war mein erster Auftritt mit Stand-up-Comedy. Es war Januar 1993 und ich hatte vorher als Karaoke-Moderator so richtig coolen Szene-Status. Ich war in und die Veranstaltungen, die ich moderierte auch. Und so war auch das Publikum meiner ersten Quatsch Comedy Club Show. Die modischen Farben im Publikum waren schwarz, schwarz und ein fröhliches Grau. Nicht mein Outfit: Orientiert am Look in amerikanischen Stand-up-Clubs hatte ich mir ein tief blaues Hemd zu einer hellen Hose ausgesucht - absolut uncool. Auch mein erster Gag war ein absoluter Bringer: "Schön, daß es so voll geworden ist, nur passen jetzt leider die Schizophrenen nicht mehr rein!" Der Rest - wie man so sagt - war Schweigen. Zehn Minuten lang. Ich sagte den ersten Comedian an, zog mich hinter den Vorhang zurück und Ulrich Tukurs Hund lief mir über die Füße. Das war der Tiefpunkt: Promi-Hunde in Totenstille. Da hörte ich von draußen das erlösende Geräusch. Der Kollege Monty Arnold hatte das Eis gebrochen. Von da ab war alles nicht mehr so cool und der erste Abend wurde ein großer Erfolg. 13 Jahre später, mit einer erfolgreichen TV-Show und einem eigenen Theater kann ich sagen: Gut, daß ich es gewagt habe.
Thomas Hermanns ist Gastgeber des "Quatsch Comedy Club"
ANNEKATRIN LOOSS: Meine Freunde und ich werden demnächst 30 und sind deshalb aufrichtig darum bemüht, das Kind in uns lebendig zu halten. Zu diesem Zweck tun wir alles Mögliche, am liebsten spielen wir "Pflicht oder Wahrheit". Die meisten Menschen kennen das Spiel von den ersten Partys im Hobbykeller, es geht darum eine peinliche oder zumindest intime Frage zu beantworten oder - wenn man sich das nicht traut - irgendeine Pflichtaufgabe zu erfüllen, die auf jeden Fall peinlich ist. Für Teenager ist dieses Spiel eine gute Gelegenheit, sich gegenseitig in die Geheimnisse der Liebe einzuweihen und auch für Endzwanziger gibt es da noch eine Menge zu lernen. Unser Freund Raik allerdings kam ohne jedes Schamgefühl, dafür mit einer grenzenlosen Neugier auf die Welt. Allein seine Fragen trieben uns an jenem Abend in einer Bar in Mitte die Schamesröte ins Gesicht. So kam es, daß ich mich in dieser Nacht eine ganze Menge traute: Ahnungslosen Autofahrern bot ich an der Ampel die Zeitung vom Vortag zum Kauf an. Auf dem Stromkasten vor dem Café versuchte ich einen Handstand, und die Leute am Nebentisch fragte ich, ob sie etwas Zucker in ihr Bier wollten. Sie kamen sich blöd vor, ich mir auch. Mein einziger Trost: Auch Katrin ging es nicht besser, als sie mit Motorradhelm (mit Visier) auf dem Kopf um Feuer für ihre Zigarette bat. Und Steve auch nicht, als er der Laterne auf dem Gehsteig eine Liebeserklärung machte und sie anschließend innig umarmte. * "Junge Frau für Hauptrolle in Kinofilm gesucht." Der Satz stand in der Zeitung, ich saß im Büro, vor mir lag die Maus. Es ging um die Verfilmung des Lebens von Uschi Obermaier. Nur wenige Klicks und ich hatte Fotos an die angegebene Adresse gemailt. Es war nicht viel los an diesem Tag im Büro. Die Einladung zum Casting kam zwei Tage später. Mit ihm der Text für die Szenen, in denen ich vor der Kamera stehen sollte. Oder besser liegen, sie alle spielten im Bett. Weiter sollte ich aus meinem Liebesleben mit Mick Jagger, Keith Richards und Jimi Hendrix plaudern. Das alles in Mini-Rock und mit toupierten Haaren.
Als ich mich am Tag des Castings im Spiegel sah, fand ich das alles nicht mehr witzig, sondern nur noch lächerlich. In Uschis Leben mögen Mini-Röcke, Rockstars und der Satz "Ich will ficken." ihren festen Platz gehabt haben, in meinem nicht. Noch einmal sprach ich den Text - ähnlich steif als würde ich auf Omas Geburtstag den "Erlkönig" rezitieren. Nur daß ich auf Omas Geburtstag nicht Kette rauchen würde.
Zum Casting ging ich trotzdem. Ich wälzte mich auf dem Bärenfell, das vor der Kamera lag, rauchte und sagte obszöne Dinge, wie es das Skript verlangte, ich geriet in Fahrt, mein Mitspieler außer Atem, nach wenigen Minuten war alles vorbei. Schade. Ich hätte gern weitergemacht. Aber das nächste Casting kommt bestimmt. Oder die Hauptrolle.
Annekatrin Looß ist Journalistin
THEA DORN: Letzten Januar machte ich mit meinem Liebsten eine Tour durch Südafrika. Am Orange River lockten Plakate "Rafting - keine Vorkenntnisse nötig, alles willkommen, was zwei Arme hat". Also meldete ich uns an. Fest überzeugt, daß wir in einem großen Schlauchboot sitzen würden, mit mindestens vier kernigen Guides an Bord, die das Ding schon schaukeln würden. Am nächsten Morgen lagen allerdings nur Zweisitzer an der Stelle, wo's losging. Devise: Der Guide paddelt voraus, jedes Paar paddelt im eigenen Boot entenmäßig hinterher. Egal, was der Magen (und der Liebste) sagen, eine Dorn schaut nach vorn, also rein ins Boot. Die ersten vier Stromschnellen holperten wir ganz passabel hinunter. Doch vor der fünften vergaßen wir eine Sekunde zu paddeln, und gerieten - wupps! - in ihren Sog. Rückwärts. Wir paddelten, daß es in Athen vermutlich für eine Bronzemedaille gereicht hätte. Zu spät. Immer noch rückwärts ging's zwei Meter Wassergefälle hinunter. Als wir unten ans Ufer krochen, meinte der Guide, wir sollten nie wieder ein Rafting-Boot mit einem Ruderboot verwechseln. Immerhin: Alle Beine und Arme waren ganz geblieben. Damit wir auch im nächsten Jahr noch kräftig raften können.
Thea Dorn ist Schriftstellerin
UDO JÜRGENS: In den sechziger Jahren stürzten immer wieder deutsche Kampfflugzeuge des Typs "Starfighter" ab. Die von Lockheed für Amerika konstruierte Maschine war für die deutschen Erfordernisse erheblich verändert worden, was unter anderem zur Überforderung der Piloten beitrug. Einmal kam ich mit einem Offizier der Luftwaffe ins Gespräch und äußerte mein Interesse an diesen dennoch faszinierenden Flugzeugen. Ich war völlig überrascht, daß ich wenig später eine Einladung von General Johannes Steinhoff, dem damaligen Inspekteur der Luftwaffe, erhielt, an einer zweiwöchigen Sonderausbildung teilzunehmen, um in einer "104 G" mitfliegen zu können. Das ganze war natürlich eine Imagekampagne, um den Ruf des umstrittenen Flugzeugs zu verbessern. Ich empfand das aber als Herausforderung. Als großes Abenteuer. Ich wurde allen möglichen Tests unterzogen. In einer Druckkammer wurde die Belastung in extremen Höhen simuliert. Später wurde ich sogar mit einem Schleudersitz in die Luft geschossen. Dann kam endlich der entscheidende Augenblick, und ich hob für eine Stunde mit dem als Jäger, Aufklärer und Jagdbomber verwendeten Jet ab. Wir rasten mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit fast steil in den Himmel. Der Pilot flog dann Rollen und Loopings. Jagte im Sturzflug auf die Erde zu und fing die Maschine mittendrin wieder ab. Als wir endlich landeten, war ich kreideweiß. Aber ich hatte mich überwunden. Es war eine wunderbare Erfahrung, die zu neuen Grenzen führte.
Udo Jürgens ist Sänger
SANDRA GARBERS: Sie war an diesem Morgen über alles gesprungen. Über blau-weiße Oxer und rot-weiße Steilsprünge. Wie ein Flummi. Absprung und drüber. Kein Problem für mein Strubbelpony namens "Besen", das sogar über eine Wiese mit gefrorenen Maulwurfshügeln galoppieren konnte, ohne zu stolpern. Jetzt waren wir beide müde. Aber da stand noch diese Mauer. Viel höher als die anderen Hindernisse. Aber so einladend - von weitem. Ich nahm die Zügel wieder auf, "Besen" mußte noch mal ran. Je näher wir der Mauer kamen, desto bedrohlicher wurde sie. Häuserwandhoch-bedrohlich. "Besen" blieb stehen. Verweigerte. Noch ein Versuch. Wieder eine Vollbremsung. Irgendwie war ich fast ein bißchen erleichtert. Gerade wollte ich aufgeben, da sprang "Besen" doch. Mit einem riesigen Satz aus dem Stand. Wir hatten völlig den Rhythmus verloren. Über dem Hindernis schlug ihr Hals hart gegen meine Nase. Als wir auf der anderen Seite der Mauer ankamen, war meine Jacke blutüberströmt und meine Nase angebrochen. Aber alle Holzelemente der Mauer waren liegen geblieben. In diesem Fall hatte mir mein "Besen" eine Lektion in Mut erteilt.
Sandra Garbers ist Journalistin
BERND PHILIPP: "Trauen Sie sich das auch wirklich zu?" fragte mich die Chefredakteurin meiner Düsseldorfer Klatschpostille, "immerhin wären Sie dann unser Berichterstatter vom englischen Königshaus!" Ich mußte nicht lange überlegen: "Ja", sagte ich, "das ist eine große Herausforderung." Gut 30 Jahre ist das jetzt her. Ich rief sofort alle Verwandten und Freunde an und berichtete von meinem Karrieresprung an die Themse. Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer, daß "ihr" Bernd es bald mit der Queen, Prinz Philip und mit Prinz Charles persönlich zu tun haben würde. Bewundert haben sie mich! Dann dies: Mein Verlag hatte kein Geld für ein Büro in London. Ich mußte all meine Geschichten am Rhein erfinden. Blamabel. Aber immerhin: Ich hatte mich getraut.
Bernd Philipp ist Journalist

