Berliner Merkwürdigkeiten

Der Kohlrabi-Apostel

An einem kalten Donnerstag im Februar des Jahres 1900 erschien in der Kaiser-Friedrich-Straße der Messias. Das lange Haar umspielte sein freundliches Gesicht, sein weißer Umhang flatterte im eisigen Wind, als er mit bloßen Füßen durch den Schnee spazierte. Menschen fielen auf die Knie.

Es war nicht Jesus, der die Berliner an jenem Wintertag in Erstaunen versetzte. Auch wenn viele das glaubten. Der junge Mann, der da zum ersten Mal in Berlin auftrat und die Hauptstadt mit seinen öffentlichkeitswirksamen Auftritten bis in die vierziger Jahre beglücken sollte, war Gustav Nagel.

Der 1874 in Werben an der Elbe geborene Gastwirtssohn war der berühmteste Aussteiger Deutschlands. Der Ur-Hippie sozusagen. "Kohlrabiapostel" nannte man die Männer, die seit Ende des 19. Jahrhunderts vereinzelt in Deutschland auftraten. Vor dem Hintergrund rauchender Schlöte, im Hinblick auf einen unmenschlichen Arbeitsalltag in Fabriken, der in einer düsteren Mietskaserne endete, forderten sie ein anderes Leben: Zurück zur Natur war ihre Botschaft einer gesunden Lebensweise, die Rohkost und eine vegetarische Ernährung ebenso einschloss wie die Befreiung von engen Kleiderordnungen. Zurück zu den Ursprüngen, in der man noch in Einklang mit der Schöpfung und ihrem Schöpfer lebte. Sie wurden belächelt. Sie fanden aber auch Anklang, weil es in dem von einer rasend voranschreitenden Industrialisierung geprägten Land ein Bedürfnis gab nach einer heilen Welt, nach einer guten alten Zeit, in der angeblich alles besser war. Gerhart Hauptmann hat ihnen 1910 mit seinem Roman "Der Narr in Christo Emanuel Quint" ein literarisches Denkmal gesetzt. Ein Jahrzehnt später gab es kaum eine Region in Deutschland, die keinen "Inflationsheiligen" ihr eigen nennen konnte. Gustav Nagel aber war der berühmteste. Und das hatte nicht nur mit den Versammlungen zu tun, zu denen Tausende in die großen Berliner Festsäle kamen. Dort wollte Nagel das Publikum von seiner Zurechnungsfähigkeit überzeugen. Das Amtsgericht seiner Heimatstadt Arendsee hatte ihn entmündigt. Begründung: "Glaubt, mit Gott und den Engeln zu sprechen und sieht Sterne, die ihm den Weg weisen."

Nagel fand das ungerecht. "was das sterne seen betrift", schrieb er dem Amtsgericht, "bemerke ich das der sternenhimmel welcher sich des nachts bei meinem schlafen im freien über meinen augen ausbreitet mir großes glük bereitet welches dem stubenschläfer entget" Nagel schrieb so, weil er auch fand, dass die Rechtschreibung nicht naturgemäß war. "schreibe wi du sprichst", lautete sein Motto. Seine Entmündigung wurde tatsächlich aufgehoben und zur Reichstagswahl 1924 erarbeitete er sogar ein eigenes Parteiprogramm. Seine "deutsch-kristliche folkspartei" wollte die Großstädte abschaffen. Der Schulunterricht durfte nur noch auf der Wiese stattfinden und die Unternehmen durften nicht zügellos expandieren. Nagel bekam immerhin 4322 Stimmen. Kurt Tucholsky machte sich ein bisschen über ihn lustig, als er einen leicht angetrunkenen Herren von seinen Besuchen bei den Parteien der Weimarer Republik berichten ließ: "un da wah ooch Justaf Nahrl, der is natürlicher Naturmensch von Beruf."

1910 hatte er in seinem Heimatort Arendsee, gut 150 Kilometer von Berlin entfernt, einen Garten Eden errichtet. Aus Muschelkalk erbaute er ein Ensemble mit "Seetempel". Zwischen phallusförmigen Säulen lebte er hier mit seiner Frau Johanna und seinen drei Söhnen. Die Aussteiger-Familie wurde zur Attraktion. Ihr Zuhause eine Art lebensreformerischer Erlebnispark. Allein 1928 konnte Nagel mehr als 10 500 Eintrittskarten verkaufen. Abgesehen von den Streitereien mit seinen wechselnden Ehefrauen lebte er hier friedlich. Das änderte sich 1933. Nagel kritisierte die Verfolgung der Juden. Und nachdem er an Goebbels geschrieben hatte, das Gerede vom "entsig" sei Lüge, wurde er ins KZ Dachau eingeliefert. Er überlebte und kam zurück nach Arendsee. Seine Tempelanlage war nur noch eine Ruine. Hitlerjungen hatten sie zerstört. Anfangs feierte man ihn als Antifaschisten. Doch Nagel konnte es nicht lassen. Er schimpfte auf die sowjetische Besatzungsmacht. Das Ende war die Nervenheilanstalt Uchtspringe, wo er 1952 starb.

Die Erinnerung an ihn aber lebt fort. Noch heute gibt es viele Anhänger seiner vegetarischen Lebensweise. 100 Jahre nach Eröffnung seines Garten Edens aber haben jetzt engagierte Bürger von Arendsee unter der Leitung von Uwe-Holger Idler das Areal wieder aufgebaut. Sie haben einen besonderen deutschen Ort zu neuem Leben erweckt. Und die Erinnerung an eine Zeit, die wie keine andere geprägt war von der Suche nach Erlösern.