Licht. Es bricht plötzlich von oben ins Bild. So hell, dass man nicht genau erkennen kann, wohin es fällt. Rundherum wuchert üppiges Grün. Es könnte eine kahle Stelle inmitten eines Dschungels sein.
Helga Cent-Velden sagt, es muss wohl an der überwältigenden Wirkung dieses Lichteinbruchs gelegen haben, dass sie wie gebannt stehen blieb, als sie das Bild vor drei Jahrzehnten bei einem Kreuzberger Straßenmaler auf der Staffelei entdeckte.
Ihr Mann hat ihr dieses Bild geschenkt, es hat einen Ehrenplatz über dem Sofa in ihrer kleinen Wohnung im Berliner Bezirk Tiergarten bekommen, neben Bildern von Sonnenblumen, die auch alle aussehen wie selbst gemalt.
Es ist ein Hingucker in einer Umgebung, die ansonsten merkwürdig kahl wirkt. Keine Teppiche auf dem Laminat, keine Grünpflanzen. Dabei ist es schon vier Jahre her, dass sie hier einzog, sechster Stock, rechtes Treppenhaus. Behindertengerecht musste es sein, das war die Bedingung. Sie braucht jetzt einen Rollator, und die Augen wollen auch nicht mehr so, wie sie will. Helga Cent-Velden ist fast blind.
Das Bild hat sie trotzdem aufhängen lassen. Es ist so etwas wie ein Symbol. Ihre Sehkraft schwand, aber der Hunger nach Licht blieb. Vielleicht ist er der Schlüssel zu ihrer Biografie.
Helga Cent-Velden ist im zerbombten Berlin groß geworden. Sie ist eine jener Frauen, die die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg von ihren Trümmern befreit haben.
41 116 solcher Frauen im Alter zwischen 15 und 50 Jahren erfasste eine offizielle Statistik in Berlin für 1946, doch sie registrierte nur jene, die von den Alliierten zum Enttrümmern abgeordnet worden waren, nicht die freiwilligen Helferinnen. Historiker schätzen, dass es insgesamt mindestens 60 000 waren.
Helga Cent-Velden war 18, als sie zum Enttrümmern abgeordnet wurde. Fotos aus jener Zeit zeigen ein blondes Mädchen, das sein Kinn forsch in Richtung Kamera reckt.
Das ist jetzt 64 Jahre her. Forsch, das ist noch immer der erste Eindruck, wenn man ihr gegenüber steht. Ein kräftiger Händedruck. Ein aufmerksamer Blick aus müde gewordenen Augen.
Forsch, wie sie ist, hat sie die Steine beiseite geräumt, um ihren Weg zu gehen, erst als Grundschullehrerin, dann als Betreuerin für die Kinder Obdachloser. Eine Universität hat sie nie besucht. Der Krieg war ihr Lehrer, und jetzt, da sie im Ruhestand ist, hat sie die Erinnerung gewissermaßen zum Nebenberuf gemacht.
Ein gemeinnütziger Verein, die Zeitzeugen-Börse, vermittelt sie als Überlebende des Zweiten Weltkriegs. In diesem Jahr, da sich der Geburtstag der Bundesrepublik zum 60. Mal jährt, ist sie als Interviewpartnerin besonders begehrt. Plötzlich wächst das Interesse an jenen Menschen, die das Fundament für diesen Staat gelegt haben. Mit den Trümmerfrauen ging es los. In Berlin war durch alliierte Bombardements beinahe jedes dritte Haus zerstört worden.
"Die Lücken wurden ab 1943 immer größer", erinnert sich Liselotte Kubitza, 75, die im Osten der Stadt enttrümmerte, im Bezirk Friedrichshain. "Wir haben uns gefragt: "Werden wir das jemals schaffen? Und wenn ja, wie lange wird es dauern?
Im Westen der Stadt sollte es schneller gehen als im Osten. Während die Trümmerfrauen dort schon bald durch Abbruchfirmen abgelöst wurden, zogen sich die Arbeiten im Osten bis zum Mauerbau hin. Organisiert wurden sie von den Betrieben.
Es gibt nicht mehr viele Trümmerfrauen, die meisten von ihnen sind schon gestorben. Mitunter wird Liselotte Kubitza deshalb gleich im Doppelpack mit Helga Cent-Velden gebucht. Die Geschichte vom Wiederaufbau des Landes wird eben erst komplett, wenn man sie aus beiden Blickwinkeln erzählt.
Liselotte Kubitza genießt solche Auftritte. Sie hat eine großgeblümte Bluse angezogen und sich die Haare neu färben lassen. Sie ist schon seit einigen Jahren allein. Ihr Mann, ihr Sohn, ihre Zwillingsschwester, alle sind gestorben. "Aber das ist wieder eine andere Geschichte", sagt sie.
Dabei lässt sich das eine vom anderen gar nicht trennen. Wenn Liselotte Kubitza erzählt, wie es war, als sie sonntags zusammen mit den Kollegen "in die Trümmer musste", wie sie vor großen Schutthaufen Menschenketten bildeten, Steine weiterreichten und dabei FDJ-Lieder sagen: "Bau auf! Bau auf! Bau auf! Bau auf! Freie Deutsche Jugend, bau auf! Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf!", kommt es vor, dass ihr die Stimme mittendrin wegkippt.
Sie sagt, in solchen Momenten hole sie die Erinnerung ein. "Plötzlich stehen die Verstorbenen alle neben mir und schauen mir zu. Ich denke, ich muss für sie miterzählen."
Von der grenzenlosen Erleichterung darüber, überlebt zu haben. Von der Hoffnung, aus den Trümmern würde ein Staat entstehen, für den es sich lohne, die Sonntage auf der Baustelle zu verbringen. Und von der Enttäuschung, als der Mauerbau ihre Familie auseinander riss und ihr diese Illusion endgültig raubte.
Über dem Auf und Ab der Geschichte bleibt ihre Stimme unbeteiligt, so, als rede sie über eine dritte Person. Sie sagt, zu enttrümmern, das sei für sie trotzdem selbstverständlich gewesen. "Die Männer waren im Krieg vermisst oder kamen als Krüppel zurück. Also mussten wir alle mit anfassen. Sonst säßen wir heute noch in Trümmern." Keine Spur von Verbitterung. Das verbindet sie mit Helga Cent-Velden. Auch sie käme nie auf die Idee, sich zur Märtyrerin zu stilisieren. Sie sagt: "Sie dürfen nicht vergessen: Wir hatten keine andere Wahl."
Sie steht mit ihrem Rollator in der Potsdamer Straße. Hausnummer 70. Ein Altbau mit einem Ladenlokal im Parterre. Helga Cent-Velden blinzelt gegen die Sonne, sie kann kaum etwas sehen.
Und doch sagt sie mit fester Stimme: "Hier war es". Hier habe sie gestanden und enttrümmert, bekleidet mit einer Trainingshose mit Brandlöchern, Kittelschürze und Kopftuch.
Beinahe ein halbes Jahre lang hat sie den Haufen nach verwertbaren Steinen durchsiebt, 48 Stunden pro Woche. Ein Knochenjob, für den sie einen Stundenlohn von 48 Pfennigen brutto bekam. "Das war noch weniger, als ich im ersten Ausbildungsjahr als Technische Zeichnerin verdiente."
Von dem Gebäude sei nur die Fassade stehen geblieben, erzählt sie. "Der gesamte Schutt der oberen Geschosse ist durch diesen Laden gerutscht". Sie waren zu zweit, um ihn wegzuräumen. Sie hatten kein Werkzeug, nur ihre Hände.
Ihre sind klein und kräftig, und dafür, dass sie damit einige Kubikmeter Trümmer umgegraben hat, sind die Handflächen erstaunlich weich.
"Wir haben Stoffhandschuhe getragen oder selbst gestrickte olle Dinger", erinnert sich Helga Cent-Velden. "Wenn wir uns trotzdem mal die Finger eingerissen haben, gab's Spucke drauf - und fertig."
Es war noch eine verhältnismäßig harmlose Arbeit im Vergleich zu dem, was sie vorher machen musste.
Ein warmer Tag im Mai 1945, drei Dutzend Frauen und zwei Männer stehen am Neuen See im Tiergarten. Um sie herum stapeln sich Berge von Munition, Handgranaten, Panzerfäusten und Maschinengewehre.
Die Frauen sollen sie entsorgen: die gefährliche Munition ins Wasser, der Rest in den Bombentrichter.
Helga Cent-Velden hat ein mulmiges Gefühl. Gerade hatte sie sich bei den Besatzern zur Arbeit gemeldet, und nach der Szene, die ihr eine russische Offizierin gemacht hat, muss sie mit dem Schlimmsten rechnen.
Ob sie im Bund Deutscher Mädel (BDM) gewesen sei, wollte die Frau wissen. Eine Frage, die die 18-Jährige ruhigen Gewissens verneinte. Ihr Vater, ein Werkzeugmacher, ist 1918 unversehrt aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt. Er erspart ihr Details vom Alltag an der französischen Front, doch sie ahnt, dass es die Hölle war. Seit die Bombardements begonnen haben, bekommt er kaum noch einen Bissen hinunter.
Seine Tochter macht sich ihren eigenen Reim darauf. In der Schule widerspricht sie, wenn der Klassenlehrer, Herr Stielau, "ein 300-Prozentiger", in schillernden Farben das Soldatenleben verherrlicht. Sie riskiert dafür sogar eine Ohrfeige.
Vielleicht tritt sie in der russischen Kommandantur eine Spur zu selbstbewusst auf. Jedenfalls kauft ihr die Offizierin ihre Geschichte nicht ab. "Es ist unglaublich", brüllt sie, "keiner von Euch war in der Partei. Ja, wer hat diesen Krieg denn begonnen?"
Cent-Velden wird einer der beiden Einheiten zugeordnet, die im Tiergarten Munition entschärfen sollen. 14 Tage lang macht sie diesen Job. Dann fragt sie ihr Vater, woher die Holzstiele stammen, die sie jeden Abend bündelweise als Brennholz mit nach Hause bringt.
"Von Handgranaten."
"Ich denke, Du enttrümmerst. Wo arbeitest Du denn?"
"Ich bin im Tiergarten und sortiere Munition."
"Du bleibst ab sofort zu Hause. Ich lasse Dich krankschreiben"
Vielleicht hat er ihr damit das Leben gerettet. Zwei Tage später explodiert im Tiergarten eine Panzerfaust. Zwei Trümmerfrauen sterben, vierzehn werden schwer verletzt.
Man muss diese Geschichte kennen, um zu verstehen, warum sich die 82-Jährige über das plötzlich erwachte Interesse an den Trümmerfrauen nicht vorbehaltlos freuen kann.
Es waren meist ungelernte Hausfrauen und Mütter, die ihr Leben in einsturzgefährdeten Häusern riskierten. Bis in die achtziger Jahre mussten sie dafür kämpfen, dass ihnen die Arbeitszeit auf die Rente angerechnet wurde. Heute werden sie zum Symbol für einen eisernen Durchhaltewillen stilisiert, ja, sogar zu Vorreiterinnen der Emanzipation.
Zumindest in diesem Punkt entspricht Helga Cent-Velden doch dem Klischee. Sie hat ihren Mann erst geheiratet, nachdem ihre beiden Töchter schon geboren waren. Es war ihr wichtig, finanziell unabhängig zu bleiben und ihren Namen zu behalten.
Doch wäre sie diesen Weg nicht auch gegangen, wenn die Stadt nicht in Trümmern gelegen hätte?
Sie ist heute zu 100 Prozent schwerbehindert. Ein Abszess an der Wirbelsäule hat ihr Blut vergiftet. Sie sagt, sie habe sich nie gefragt, ob es eine Spätfolge ihrer traumatischen Kriegserlebnisse gewesen sei.
Man spürt, wie viel Kraft es sie kostet, Optimismus zu verbreiten, während sie ihren Rollator durch die Hasenheide in Neukölln schiebt, auf dem Weg zu dem ersten und berühmtesten Denkmal, das den Trümmerfrauen je gesetzt wurde.
Die Bildhauerin Katharina Szelinski-Singer hat es 1955 auf Wunsch des Senats aus Muschelkalk gehauen, eine überlebensgroße Frau mit fein geschnittenen Gesichtszügen, hohen Wangenknochen und schweren Holzpantinen, die auf einem Sockel aus Steinen thront.
Katharina Szelinski-Singer ist jetzt 91 Jahre alt, sie lebt in einer betreuten Senioren-WG in Lichtenrade. Sie sitzt in sich versunken in einem Rollstuhl, eine zierliche Frau mit fein geschnittenen Gesichtszügen, die leise spricht. Schon auf den ersten Blick erkennt man das Antlitz der Trümmerfrau wieder.
Sie hat sich mit der Skulptur selber ein Denkmal gesetzt. Sie hat zwar nie enttrümmert, aber auch ihr Werdegang markiert einen Bruch mit den Konventionen. 1918 als Tochter einer Bauernfamilie in Ostpreußen geboren, schlägt sie sie sich als Korrespondentin durch, um ihr Kunststudium zu finanzieren.
Die Trümmerfrau soll ihre bekannteste Skulptur werden. Sie sagt, sogar aus Amerika habe sie dafür Fanpost bekommen. In Berlin fallen die Reaktionen verhaltener aus. Als das Denkmal am 30. April 1955 feierlich enthüllt wird, geht ein Aufschrei der Empörung durch die Stadt. Berlins Trümmerfrauen wollen sich in dieser Figur nicht wieder erkennen. "So hässlich", verkünden sie, "waren wir nicht."
"So'n Quatsch", entfährt es Helga Cent-Velden, wenn man sie darauf anspricht. "Natürlich sahen wir so aus."
Emanzipation, lernt man, fängt nicht vor dem Spiegel an. Beiläufig erwähnt sie bei dieser Gelegenheit, dass sie inzwischen eine Haushaltshilfe beschäftigt: den Gerd. "Der", muss die 82-Jährige neidlos einräumen, "macht das auch nicht schlecht."

