Turtle Harriet, so heißt eine unserer beiden Griechischen Landschildkröten, wollte es uns wohl wieder mal zeigen. Und wie sie es uns gezeigt hat. Uns, die wir als Art in ihrer Zeitrechnung vor Kurzem erst auf die Welt kamen. Merkwürdig war es dann schon.
Wir kannten ja ihren herbstlichen Eskapismus. Vor eineinhalb Jahren, an einem schönen, späten Septemberabend, war Turtle Harriet im Garten einfach verschwunden. James Bond, die andere, schaute, als hätte sie nichts gesehen. Irgendwo musste Harriet sich eingebuddelt haben, zur Winterstarre. Aber wo? Und vor allem, wie sollte das mediterrane Wesen, das keine Minusgrade kennt, auch zu ihrer starren Jahreszeit nicht, einen Berliner Winter überleben? Im Keller war doch längst die Winterkiste für beide gerichtet.
Hunde wurden hergebeten und mit "such, such" durch Beete und Büsche gehetzt, Anfragen getätigt um Amtshilfe professioneller Zollhunde. Alles erfolglos. Harriet blieb verschwunden. Bis sie dann bei unserer Gartenarbeit auftauchte, zufällig und schlaftrunken, und in den wohltemperierten Keller kam.
All das wollten wir uns vergangenen Herbst natürlich ersparen, legten mit Maschengittern vom Baumarkt ein Gehege an. Sicherheitshalber schon Mitte August, austricksen wollten wir uns nicht wieder lassen. Zur Vorsorge kamen die beiden Schildkröten in den ersten kühlen Nächten wieder in den Keller. Dann, eines Abends, wieder im September: "Harriet ist weg". "Nicht schon wieder". "Doch".
Erste Spurensicherungen: Das Gitter war unversehrt, sie musste sich also innerhalb des Geheges eingegraben haben. Gut, dass wir eines angelegt hatten. Schichten von 20 Zentimeter abgetragen, nichts. 30 Zentimeter, 40. Sie war nicht da. Bevor wir die Gruben mit Verschalungen sichern und Grundwasser abpumpen mussten, schauten wir uns den Zaun noch mal genauer an. Tatsächlich: Da, die leichten Zinkdrähte waren an einer Stelle auseinander gebogen. Wie Gefängnisgitter, von einem mit übermenschlicher Kraft versehenen Knacki nach rechts und links verformt. Also: Den ganzen Garten umgraben, 20 Zentimeter, 30, 40, 50. Nichts. Ihre Tarnfarbe, Schutz über Millionen Jahre - sollte die ihr nun, Anfang 2009 den Kältetod bringen?
Wieder suchten wir Rat im Internet. Die Schildkröten-Blogs halfen uns aber nicht wirklich. Da ging es um den Kauf von Kühlschränken für die Überwinterung, darum, ob deren Temperatur bei vier Grad optimal justiert sei, wie die Tiere auf Ihre Starre vorbereitet werden sollten, Generalcheck beim Tierarzt (im August oder besser im September?), was für Griechische Landschildkröten die beste prähibernale Diät sei ("bloß kein Schildkrötenfutter aus der Zoohandlung"), ob in die Schlafkiste erst Erde und dann Laub oder umgekehrt gehört, ob sie im Winterschlaf wöchentlich oder monatlich gewogen werden, bei welchem Gewichtsverlust der Nottierarzt konsultiert werden sollte, ob die Kühlschranktür besser nach Osten oder Süden ausgerichtet werden sollte, und, und, und. Wie die Schildkröten das wohl alles überlegt und bewältigt haben, viele Millionen Jahre lang, vor des Menschen hilfreicher Hand.
Leider gibt es da eine Antwort: Griechische Landschildkröten zogen gar nicht erst in boreale Breiten. Denn eine Einschätzung fanden wir überall: Frost vertragen die nicht.
Bei Harriet ging es nun nicht um Kühlschränke nach Ost oder West, sondern um einen ganz normalen, harten Berliner Winter, draußen, für ein fast subtropisches Tier. Erst Bodenfrost, dann 5 Grad Minus, nachts 15 Grad, wochenlang, immer wieder. Vielleicht ergibt ja der Schnee noch eine Chance, dachten wir im Januar, Schnee soll ja isolieren. Abwechselnd Verzweiflung und Hoffnung, dass Harriet einfach wusste, was sie tut.
Unsere kleinen Tonschildkröten auf dem Fensterbrett, die wir so gerne ansahen letzten Winter, als nach dem Stress alles gut war - jetzt mieden wir ihren Anblick. Eines Tages stand in der Zeitung: Eine Wasserschildkröte soll in einem Berliner See unter dem dickem Eis überlebt haben, plötzlich aufgetaucht sein. Kurze Hoffnung. Aber was heißt das schon, eine mitteleuropäische Wasserschildkröte? Wenn das sogar schon eine Meldung wert ist. Harriet kommt aus dem warmen Griechenland!
Mit wochenlanger Verspätung kam nun der Frühling. Natürlich schauten wir jetzt draußen öfter mal in alle möglichen Winkel, ob sich irgendwo doch ein paar Erdkrümel regten, und eine Kralle, mit letzter Kraft, nach oben heraus...
Irgendjemand hatte im Netz auch geschrieben, dass Griechische Landschildkröten in ihrem Blut ein Frostschutzmittel haben, Glykol oder so was. Das muss es gewesen sein, Harriet hatte offenbar mindestens fünf oder zehn Promille davon intus. Deshalb fühlte sie sich wohl auch so stark im letzten Herbst, verbog die Gitter und verkroch sich wieder ganz allein. Jedenfalls wackelte sie vergangenen Dienstag einfach wieder über unsere Wiese. Und hatte ein Blatt Löwenzahn im Maul, selbst gepflückt. Nicht mal unser Futter brauchte sie. Schildkröten sind stark. Unsere Harriet ist die stärkste.

