Berliner Merkwürdigkeit

Ente gut, Ende schlecht

Es ist schon dunkel, als Alex Kerner im Herbst '89 zum ersten Mal den Kudamm sieht. Der junge Mann ist mit seiner Schwalbe aus dem dunkelgrauen Osten nach Westberlin gefahren und wie geblendet von den grellbunten Lichtern der Stadt.

Dann hält er an. Den kennt er doch, diesen Mann, der da auf dem Foto vor einer Pekingente sitzt, mit Stäbchen in der Hand und einem seligen Grinsen im Gesicht. Den Schauspieler kennt man sogar im Osten.

Alex Kerner ist in Wirklichkeit Daniel Brühl, er spielt die Hauptrolle in Wolfgang Beckers Wende-Film "Goodbye, Lenin!" Verwundert steht er vor dem Leuchtkasten, der mit einem riesigen Farbfoto von Harald Juhnke jahrzehntelang für Berlins ältestes bestehendes Chinarestaurant warb - dem "Tai Tung" in der Budapester Straße. Jetzt ist das Foto verschwunden, das Lokal wurde geschlossen. Das Bikinihaus am Zoo, das 1955 erbaut wurde und seinen Namen einem früheren Luftgeschoss verdankt, das 1978 verschwand, soll komplett saniert werden.

Neben dem Restaurant haben sich in dem Haus vor allem Ramsch- und Souvenirläden angesiedelt. Von der einstigen Modernität des Gebäudes ist heute nicht mehr viel zu sehen, doch als das Bikinihaus 1957 fertig gestellt wurde, strahlte es jenen neuen Glanz aus, der den Zoobogen zu einem Magneten für die Westberliner Schickeria machte.

Noch im selben Jahr eröffnet der Chinese Dr. Yunlay Hsiao im Bikinihaus ein Lokal, das schnell zu einem gutbürgerlichen Restaurant mit prominenten Gästen avanciert. Peter Zadek verkehrt hier genau wie Willy Brandt, Günter Grass und Udo Lindenberg. Der junge Wirtschaftswissenschaftler Yunlay Hsiao war in den Vierzigern von der Universität Nanking zum Studium nach Jena und Königsberg gekommen. 1945 promoviert er an der Berliner Humboldt Universität in Philosophie und gründet zwei Jahre später "Die Weltkugel", eine Zeitschrift für den Weltfrieden, wie es im Untertitel heißt. Und dann ist da noch Brigitte, eine junge Frau aus Ostpreußen, die Hsiao an der Universität kennengelernt hat. Als das Paar heiratet, geht alles ganz schnell - plötzlich sind vier Kinder da. Alle bekommen einen chinesischen und einen deutschen Vornamen. Doch Tien-Wen Hsiao, der heute 64 ist und das Lokal von seinem Vater übernommen hat, wird sich nie an seinen Zweitnamen Walter gewöhnen. Ganz anders als seine Schwester Tien-Lo, die Schauspielerin werden will und sich lieber den Namen Susanne gibt. Die attraktive Halbchinesin erlebt eine unbeschwerte Jugend in gehobenen und intellektuellen Kreisen, schon bald kommt sie zu ersten kleinen Rollen beim Film. Mit 26 steht sie gerade auf der Bühne des Renaissance-Theaters, als sie von einem älteren Kollegen im Publikum bemerkt wird. Harald Juhnke ist zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt, geschieden und ein bekannter Filmschauspieler, der meist den lustigen Berliner mimt. Er verliebt sich in die hübsche, junge Frau, schickt ihr Rosen und lädt sie zum Essen ein. 1971 heiratet das Paar, die Hochzeit wird im "Tai Tung" gefeiert, im Restaurant von Susannes Vater. Neun Monate später kommt ihr Sohn Oliver Marlon zur Welt, Susanne Juhnke gibt ihre Schauspielkarriere auf. "Meine Frau ist da ganz Chinesin", sagt Harald Juhnke. "Sie will schon, dass der Alte arbeitet." Sie habe nie an eine große Begabung geglaubt, sagt seine Frau. Ohne Ehrgeiz sei sie gewesen, und vor allem kein Mensch, der sich gern produziert.

Irgendwann in dieser Zeit entsteht das Foto, das Harald Juhnke im Restaurant seines Schwiegervaters zeigt. Er sitzt in Jackett und Feinstrickpullover vor einer knusprigen Pekingente und grinst in die Kamera. Seine Alkoholexzesse haben den Entertainer mittlerweile so viel Bekanntheit beschert wie seine Filmrollen, und auch auf diesem Bild spricht eine - noch friedliche - Schnapslaune aus seinem Gesicht. Das Bild wird zum Markenzeichen für das "Tai Tung", alle fünf Jahre muss ein neuer Abzug angefertigt werden, weil sich die Folie zersetzt und die Farben verblassen. Täglich laufen Tausende an dem Lichtkasten vorbei, doch die wenigsten wissen, warum ausgerechnet Harald Juhnke für das Chinarestaurant neben dem Zoo Palast wirbt.

Als Dr. Yunlay Hsiao 1985 im Alter von 72 Jahren stirbt, führt seine Frau Brigitte zusammen mit ihrem Sohn Tien-Wen das Lokal weiter. Sie ist der elegante Mittelpunkt des Familienclans und verbringt viel Zeit mit ihrer Tochter und ihrem berühmten Schwiegersohn, der weiter aus dem Leuchtkasten strahlt. Als sie 2004 mit 82 Jahren stirbt, ist Harald Juhnke bereits schwer an alkoholbedingter Demenz erkrankt und wird in einem Pflegeheim betreut. "Harald ist ein Berliner Symbol wie die Gedächtniskirche", sagt sein Schwager. "Sein Bild abzunehmen wäre schon fast pietätlos."

Jetzt ist das Foto verschwunden, das Lokal ist leer geräumt. Momentan sucht Tien-Wen Hsiao nach einem neuen Standort für das "Tai Tung", sein Schwager Harald Juhnke wird dort sicher einen Platz finden.