Interview Andreas Mühe

"Das Erhaschen eines Augenblicks, der nicht echt ist"

Berliner Illustrirte Zeitung: Warum sind Sie nicht Schauspieler geworden?

Andreas Mühe: Es gibt Menschen, die vorne stehen. Und es gibt welche, die hinten stehen. Ich habe mich für das Dahinter entschieden. Theater fand ich in jungen Jahren schlimm. Vielleicht weil ich so viele Stunden im Theater warten musste.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ihre Mutter ist die Regisseurin, Dramaturgin und Theaterintendantin Annegret Hahn. Was haben Sie charakterlich von ihr geerbt?

Mühe: Das Dirigieren.

Berliner Illustrirte Zeitung: Und von Ihrem Vater, dem Schauspieler Ulrich Mühe?

Mühe: Bescheiden zu sein. Aber von beiden habe ich eine sehr leidenschaftliche Eigenschaft, das Workaholic-hafte. Dieses machen, machen, machen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Was ist Ihr Lieblingsbild?

Mühe: Im Augenblick, der Empfang vom italienischen Botschafter. Dieses Bild ist die Krönung der Inszenierung. Ich habe zuerst alle Leute positioniert. Dann habe ich sie dazu gebracht, sich so zu geben, dass es wie beobachtete Situation aussieht. Es ist das Erhaschen eines Augenblicks, der aber nicht echt ist.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie arbeiten wie ein Regisseur?

Mühe: Als Fotograf bin ich doch auch eine Art Regisseur. Ich nenne das ja auch filmisches Arbeiten, was ich mache. Ich gehe da vor wie bei einem Drehplan. Mir ist es eigentlich immer am liebsten nur ein Motiv zu machen. Und das bis zum Ende auszuarbeiten.

Berliner Illustrirte Zeitung: Der berühmte Fotograf und Sammler F.C. Gundlach kuratiert Ihre zweite große Werkschau. Über Ihr Werk sagt er: Die Porträtierten vertrauen ihm. Wie schafft man als Fotograf Vertrauen?

Mühe: Indem man nicht laut ist und nach dem Job auch diskret. Indem man dem Porträtierten ein gutes Gefühl gibt. Vielleicht ist das im Endeffekt auch mein Geheimnis: Dass ich die Gabe habe, dass die mich ganz nett finden.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wie haben Sie das Vertrauen der Kanzlerin gewonnen?

Mühe: Da passierte jetzt nicht so viel. Ich hatte sie vorher ein paar Mal fotografiert. Vielleicht haben ihr die Bilder einfach gefallen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wie war das bei Egon Krenz?

Mühe: Das war während des G8-Gipfels, und es war schon schwer zu ihm nach Dierhagen an der Ostsee hochzukommen. Krenz meinte dann doch wirklich: Sehen Sie, so ein großer Polizeistaat waren wir doch gar nicht, wie es jetzt ist.

Berliner Illustrirte Zeitung: Hat Ihnen der Name Mühe bei anderen Gelegenheiten Türen geöffnet?

Mühe: 50 Prozent wussten aus welchem Hause ich stamme, 50 Prozent nicht. Ich kann nicht verneinen, dass es Vorteile durch den Namen gab. Zum Beispiel bei Fotoredakteurinnen zwischen 45 und 55, die das ganz charmant fanden. Ich bin meinen Weg alleine gegangen. Man hätte es auch anders machen können, lauter. Ich muss mich jetzt auch endlich entscheiden, wie ich damit umgehe. Ich kriege das ja nicht abgeschüttelt. Es ist nun mal mein Erbe. Er war ein toller Vater, und er war ein toller Schauspieler. Aber wenn ich Beamter geworden wäre, hätte sich keiner für mich interessiert.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ist es schwierig, wenn die Schwester das Motiv ist?

Mühe: Ach, Anna ist professionell genug. Ich weiß, was ich will und sie weiß, was sie in dem Moment will. Das ist ein reines Arbeitsverhältnis. Ich habe die Location ausgesucht, sie kam hin. Wir haben eine halbe Stunde fotografiert. Danach sind wir Mittagessen gegangen. Das ist auch das Schöne an der Arbeit mit Schauspielern. Die können sich viel schneller in etwas hineindenken. Ein paar Worte und die wissen was man will.

Berliner Illustrirte Zeitung: Die Schauspielerin Anna Maria Mühe ist Ihre Halbschwester, Sie haben noch einen richtigen Bruder. Was macht er?

Mühe: Er studiert Kunst an der UdK und macht gerade seinen Meisterschüler. Erst hat er gemalt, jetzt macht er mehr so Videoinstallationen. Vielleicht macht er die wahre Kunst.

Berliner Illustrirte Zeitung: Mit was für einer Kamera arbeiten Sie?

Mühe: Ich photographiere analog mit einer Linhoff 4/5 Inch, einer Großbildkamera mit richtigen Kassetten und einem Tuch über dem Kopf.

Berliner Illustrirte Zeitung: Auf vielen Ihrer Bilder fallen die großen Dimensionen des Raumes auf und dagegen wirken die Menschen verschwindend klein - warum schaffen Sie gern solche Situationen?

Mühe: Weil der Raum in dem sich der Mensch bewegt und lebt mich interessiert. Das Verhältnis zwischen Mensch und seiner Umwelt ist doch auch sehr beschaulich.

Berliner Illustrirte Zeitung: Haben Sie Vorbilder in der Fotografie?

Mühe: Nein.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wie wird sich Fotografie in der Zukunft verändern?

Mühe: Die Fotografie der heutigen Tage und Jahre wird kein bleibendes Erbe hinterlassen, da sich die Digitalisierung selbst zerstören wird.

Das Gespräch führte Jan Draeger."Andreas Mühe - Werkschau 2", Camera Work, 23. Januar bis 6. März. Öffnungszeiten: dienstags bis sonnabends 11 bis 18 Uhr